Auschwitz: Ort des Grauens, Ort der Begegnung

Auschwitz: Ort des Grauens, Ort der Begegnung

  • Gedenken
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Polen
Lesedauer:
4 MIN

Offizierinnen und Offiziere der Bundeswehr reisen einmal im Jahr mit Kameradinnen und Kameraden aus Polen und Frankreich nach Auschwitz, um sich eine Woche lang mit den Verbrechen der Nazidiktatur zu beschäftigen. Sie treffen im ehemaligen Konzentrationslager auf Zeitzeugen. Unsere Redakteurin Major Alexandra Möckel war im Herbst 2017 mit dabei.

Deutsche und polnische Soldaten laufen durch ein Eingangstor mit dem Schriftzug „Arbeit macht frei“

Als Verbündete betreten polnische, französische und deutsche Soldatinnen und Soldaten das ehemalige KZ in Auschwitz.

Bundeswehr/Jane Schmidt

Das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz am 27. Januar 1945: „Es war eine Unordnung. Wie ausgehungerte Hunde suchten wir nach Essen. Keiner achtete auf uns Kinder“, sagt Zdzislawa Wlodarczyk über den Tag der Befreiung durch die russische Armee. Die Seniorin aus Polen ist eine der Überlebenden. Immer wieder wischt sie sich die Tränen aus den Augen. Ihre Zuhörer sind betroffen.

Die Zeitzeugin erzählt ihre Geschichte auf dem „Internationalen Workshop für Berufsoffiziere zum Umgang mit der gewaltbelasteten Vergangenheit von Auschwitz“. 30 Soldaten aus Polen, Frankreich und Deutschland stellen sich eine Woche lang der Geschichte. Sie versuchen, das Geschehene gemeinsam aufzuarbeiten. Major Daniel Ziegler ist einer der Teilnehmer. Das Erlebte wird den Flugsicherungseinsatzstabsoffizier der Luftwaffe noch Wochen später beschäftigen.

Zdzislawa Wlodarczyk war sechs Jahre alt, als der zweite Weltkrieg begann. Als Elfjährige erlebte sie den Warschauer Aufstand 1944. Die polnische Heimatarmee erhob sich gegen die deutschen Besatzer. Tausende starben bei den Kämpfen, die polnische Hauptstadt wurde fast vollständig zerstört. „Irgendwann gaben die Aufständischen auf, sie waren nicht genug vorbereitet“, erinnert sie sich. Zur Strafe wurden viele Bewohner Warschaus nach Auschwitz deportiert – wie Wlodarczyk und ihre Familie.

Politische Gefangene mit elf Jahren

Eine ältere Frau mit Sonnenbrille im Porträt

Zeitzeugin: Die Überlebende Zdzislawa Wlodarczyk erzählt ihre Geschichte.

Bundeswehr/Jane Schmidt

So warteten sie auf die Dusche. „Das Wasser war eiskalt und wir bekamen keine Handtücher. Aber noch mehr fürchteten wir das Gas.“ Mit zitternden Händen zieht sie eine Folie aus einer Mappe. Darin eingepackt sind eine Nummer und ein rotes Dreieck mit einem P für Polen. Sie zeigt damit auf ihre linke Brust. Das rote Dreieck kennzeichnete die damals Elfjährige als politische Gefangene. Dann wurden sie und ihr kleiner Bruder von der Mutter getrennt. Ihren Vater sah sie an diesem Tag zum letzten Mal.

Aus Menschen wurden Nummern

Bei einer Führung durch die heutige Gedenkstätte erfahren die Soldatinnen und Soldaten, wie die Nazis den Menschen systematisch ihre Würde nahmen. Zu Tausenden wurden die Menschen in Viehwaggons angekarrt, bekamen eine Nummer auf den Unterarm tätowiert. Wer zu jung oder zu alt war, wurde vergast. Wer arbeitsfähig war, musste schuften bis zum Tod. „Das Essen der Gefangenen bestand zum Frühstück aus einem halben Liter Kaffee, zum Mittag aus Suppe und zum Abendessen aus hartem Brot mit einem Stück Käse“, erfahren die Soldaten während der Führung.

Viele abgetragene Schuhe liegen auf einem Haufen

Jedes Paar Schuhe steht für ein Leben, ein Schicksal.

Bundeswehr/Jane Schmidt

Über 1,1 Millionen Menschen ließen in Auschwitz ihr Leben: Juden, Polen, Sinti und Roma, Kriegsgefangene aus Russland. In einem ehemaligen Unterkunftsblock sind meterlange Vitrinen aufgebaut, sie enthalten das Haar der Ermordeten. Es wurde zu Filz und Garn weiterverarbeitet. Raum für Raum, zwischen Bergen von Koffern, Kleidern und Schuhen toter Menschen verdichtet sich das Grauen. Viele Schuhe waren für winzige Füße gemacht: 232.000 Kinder wurden nach Auschwitz deportiert. Bei der Befreiung lebten noch 450.

Wie konnte ein Verbrechen wie in Auschwitz passieren? Wie konnten die Täterinnen und Täter so viele ihrer Mitmenschen in den Tod schicken? Die Teilnehmenden des Workshops ringen um Antworten. „Sie haben ihnen alles Menschliche genommen“, sagt Major Ziegler. „In Kombination mit der Ideologie, dass Juden keine Menschen seien: da kann ich mir schon vorstellen, dass das möglich ist.“ Das System sei unfassbar effizient gewesen. „Das macht mir Angst“, sagt der Soldat.

Tomatensuppe nach der Befreiung

Zdzislawa Wlodarczyks Vater wurde ins Konzentrationslager Flossenbürg deportiert und dort ermordet. Ihre Mutter wurde Anfang 1945 auf einen Todesmarsch nach Westen geschickt. „Mein kleiner Bruder war zu krank und durfte nicht mit. Ich schrie, um meine Mutter zu warnen. Dann schlugen mich die Soldaten nieder und ich blieb auch im Lager zurück.“ Am 27. Januar 1945 wurden die Gefangenen von der russischen Armee befreit. Zdzislawa Wlodarczyk bekam ihr erstes warmes Essen seit langer Zeit: Tomatensuppe. Monate später findet sie ihre Mutter wieder.

Major Ziegler bewegt die Geschichte der Überlebenden auch nach der Rückkehr nach Deutschland. Er entscheidet sich, die Gedenkstätte Flossenbürg zu besuchen – den Ort, an dem Zdzislawa Wlodarzyks Vater umgekommen war. Tatsächlich findet er einen Gedenkstein mit seinem Namen. „Ich habe eine Kerze angezündet, ein Bild gemacht und ihr einen Brief geschickt“, sagt Ziegler. „Hoffentlich freut sie sich darüber.“ Es ist nur eine kleine Geste. Ein Schritt zur Versöhnung.

von Alexandra Möckel