COVID-19: Ein Zahlenversteher unter Ärzten

COVID-19: Ein Zahlenversteher unter Ärzten

  • Coronavirus
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Ein Ingenieur unter Ärzten. Dr. Florian Schmidt-Skipiol ist Reservist und trägt den gleichen Titel wie viele Ärzte am Bundeswehrkrankenhaus in Berlin. Das Fachgebiet vom Ingenieur mit Doktorgrad besteht vor allem aus Zahlen und Fakten.

Arzt in Uniform sitzt am Tisch.

Stets bereit, komplizierte Sachverhalte verständlich zu erklären: Obergefreiter Dr.-Ing. Florian Schmidt-Skipiol gehört während der Corona-Krise dem Pandemiestab im Bundeswehrkrankenhaus Berlin an.

Bundeswehr/Jonas Weber

Krisenzeiten halten immer Überraschungen bereit. Sie bieten Gelegenheit für ungewöhnliche Konstellationen. Zum Beispiel, wenn Ingenieure in Krankenhäusern tätig werden. Dabei sind diese komplexen Orte zur Versorgung erkrankter Menschen eigentlich nicht ihre Welt. Sie vertrauen lieber auf Naturgesetze. Der Vorteil dabei: Sie gelten überall. Der Mensch mit seinem Verhalten stellt oft das Gegenteil dar. Denn viele Gesetzmäßigkeiten sind noch nicht entdeckt worden. Dies wird in Zeiten einer Pandemie klar. In dieser Welt bewegen sich Ärztinnen und Ärzte. Ein Kenner beider Welten ist Florian Schmidt-Skipiol.

Risikoquelle Mensch

Der Reservist hat sich für den aktiven Dienst im Bundeswehrkrankenhaus Berlin beordern lassen. Auf seinem Namensschild steht genauso ein Doktortitel wie bei vielen Ärztinnen und Ärzten im Bundeswehrkrankenhaus. Mit einem Unterschied: Sein Fachgebiet ist die Technik. Aufwendige Rechenmodelle und komplizierte Gleichungen können den promovierten Luft- und Raumfahrtingenieur nicht schocken. Den Schritt in die Welt der Unwägbarkeiten hat er mit seiner Doktorarbeit gewagt. Mit einem Forschungsobjekt im Mittelpunkt, das stets als Risikoquelle gilt: dem Menschen. Er hat da geforscht, wo die Gesetzmäßigkeiten der Natur aufhören und die Unwägbarkeiten beginnen: am Sidestick von Linienflugzeugen. „Jeder Mensch ist anders. Es gibt mehr Unwägbarkeiten als in der Technik.“ Seine jahrelange Arbeit zum Thema Interaktion Mensch und Maschine haben aus dem Vollblut-Ingenieur einen Menschenversteher gemacht. Vor allem, wenn sich Verhalten des Menschen in komplizierten Statistiken und nackten Zahlen festhalten lässt. Mittlerweile leitet er als Vorstand eine mittelständische Firmengruppe und besitzt ohne Zweifel genug Fähigkeiten, die in Zeiten einer Pandemie gefordert sind. Als zu Beginn der Corona-Krise Mitte März der erste Aufruf an die Reservisten ging, meldete sich der 33-Jährige im Bundeswehrkrankenhaus.

Soldaten mit Mundschutz in einer Besprechung

Viele Besprechungen bestimmen den Alltag von Dr.-Ing. Florian Schmidt-Skipiol.

Bundeswehr/Jonas Weber

Statistiken verstehen und erklären

Im Pandemiestab des Bundeswehrkrankenhauses kam die Meldung zur rechten Zeit. Schon mit Beginn der Krise wurde in direkter Nachbarschaft zur Charité und dem Robert-Koch-Institut ein Krisenreaktionszentrum eingerichtet, vergleichbar mit vielen anderen Koordinierungsstellen in der Republik. Und – wie für alle anderen auch – bestand für den aus knapp einem Dutzend Fachleuten bestehenden Krisenstab die schwierigste Herausforderung zuallererst darin, die vielen Informationen zu filtern und auszuwerten.

Dr. Niklas Pleger
Mit Florian haben wir zu unserem Glück einen richtigen Zahlenversteher.

Aus Sicht des Pandemiebeauftragten, dem Oberstabsarzt Dr. Niklas Pleger, ist der ruhige Norddeutsche eine Bereicherung. „Mit Florian haben wir zu unserem Glück einen richtigen Zahlenversteher im Team mit Verständnis für komplexe Prozesse.“ Seine Erkenntnisse aus der Luft- und Raumfahrtforschung kann er auch der Bundeswehr zur Verfügung stellen. Der in seiner Wehrdienstzeit zum Marinefunker ausgebildete Reservist hat die Fähigkeit, viel Wissen schnell vermitteln zu können. Dabei redet der Ingenieur schnell, ohne aufgeregt zu wirken. Er schafft den Balanceakt, seine Gesprächspartner nicht zu überfordern und trotzdem mit Fachbegriffen zu argumentieren. „Als ich in den Stab beordert wurde, sollte ich gleich eine Statistik des Robert-Koch-Institutes auswerten. Am nächsten Tag habe ich in einer großen Runde vor der Krankenhausleitung die Bedeutung des Nowcasting aus der Studie erläutert.“ Das ist eine Methode von Statistikern, um fehlende Daten für eine Prognose zu schätzen. Von seinem Talent, einem fachfremden Publikum die eigene Expertise näherzubringen, profitieren ansonsten angehende Ärztinnen und Ärzte der Charité. Er lehrt dort normalerweise als Gastdozent „Risikomanagement und Umgang mit Unsicherheiten in der Medizin“.

Zwei Soldaten mit Mundschutz an einem Stehtisch

Nicht der Dienstgrad zählt. Die Fachexpertise ist gefragt.

Bundeswehr/Jonas Weber

Zuhören und optimieren

Unsicherheiten im Umgang mit der Corona-Situation gibt es am Bundeswehrkrankenhaus immer weniger. Jede Person, die auf das Krankenhausgelände möchte, muss am Eingang eine Temperaturkontrolle passieren. Mundschutz und Abstand halten ist Pflicht. Die nächste Phase der Krisenbewältigung hat begonnen. Für den jungen Unternehmer ist es jetzt wichtig, Prozesse zu optimieren. Alles mit dem Ziel, dass eine mögliche zweite Welle das Krankenhaus nicht überrascht.

Wie viele Spuren werden bei Schleuse mit der Temperaturkontrolle noch benötigt? Wie können die zum Teil unterschiedlichen Hygieneregeln auf den Stationen harmonisiert werden? Das sind Fragen, die sich der Pandemiestab mit dem außergewöhnlichen Ingenieur stellt. Die Antworten sind nicht allein in komplizierten Hochrechnungen zu finden. Der ehemalige Marinefunker findet Antworten bei den vielen Besprechungen, bei Gesprächen mit Experten und im regem Austausch mit der Krankenhausleitung. Seine fachliche Kompetenz hat Vorrang vor militärischer Hierarchie, ein großer Vorteil. Schmidt-Skipiol ist mit dem Dienstgrad wieder in den aktiven Dienst eingestiegen, mit dem er nach seinem Wehrdienst 2006 ausgeschieden ist. Der promovierte Luft- und Raumfahrtingenieur dient als Obergefreiter.


von Matthias Lehna