Interview

„Wir sind das Frühwarnsystem des Verteidigungsministeriums“

„Wir sind das Frühwarnsystem des Verteidigungsministeriums“

Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Wenn Major Alexander S. morgens in den Dienst kommt, warten bis zu 500 Anfragen aus der Bevölkerung auf ihn. Der Leiter des Bürgerdialogs der Bundeswehr und sein Team halten im Auftrag des Verteidigungsministeriums den Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern. Im Gespräch erklärt er, was die Menschen beschäftigt.

Ein Porträt von einem Soldaten, der vor einem Schreibtisch sitzt
Bundeswehr/Sebastian Wilke

Major S., was ist die Aufgabe des Bürgerdialogs der Bundeswehr?

Die Bundeswehr ist als staatliche Einrichtung zur Transparenz verpflichtet, muss also über ihre Arbeit Rechenschaft ablegen. Wir befriedigen also das Informationsbedürfnis der Bevölkerung und sorgen so für den Informationsaustausch zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und ihren Streitkräften. Zudem erstellen wir in regelmäßigen Abständen Lagebilder für Truppe und das Verteidigungsministerium, um ein grobes Bild von der Stimmung in der Bevölkerung zu zeichnen. Wir sind sozusagen das Frühwarnsystem des Verteidigungsministeriums: Wenn sich die Stimmung der Bevölkerung verändert, spüren wir es häufig als Erste.

Welche Themen beschäftigen die Bürgerinnen und Bürger?

Wir erfassen jeden Kontakt in einer thematisch geordneten Liste mit momentan 96 Themenfeldern. Letztes Jahr dominierten Corona, die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal und der Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. In diesem Jahr gibt es fast nur ein Thema, den Ukrainekrieg. In den ersten Monaten waren Betroffenheit, Sorge und Angst festzustellen. Gleichzeitig gab es eine große Solidarität mit den Menschen in der Ukraine. Je länger der Krieg nun dauert, stelle ich einen gewissen Gewöhnungseffekt fest. In den letzten Wochen und Monaten überwogen Sorgen um die Sicherheit der Energieversorgung. Uns erreichen auch viele Meinungen und Kommentare zur Ausrüstung der Bundeswehr und zur Umsetzung der „Zeitenwende”.

Hat sich durch den Krieg auch das Bild der Menschen auf die Streitkräfte verändert?

Wir registrieren ein gestiegenes Interesse an der Bundeswehr. Zum einen gehen uns viel mehr Nachfragen aus der Bevölkerung zu: Das Anfrageaufkommen war durch die Corona-Krise bereits sehr hoch und hat sich seit Kriegsausbruch nochmals nahezu verdoppelt. Zum anderen stellen wir fest, dass sich viel mehr Bürgerinnen und Bürger für eine Karriere in den Streitkräften interessieren. Auch erkundigen sich die Menschen, wie sie als Zivilisten militärisches Grundwissen erwerben können.

Wie ist die Arbeit des Bürgerdialogs organisiert?

Wir unterscheiden zwischen Meinungsäußerungen, Spam und tatsächlichen Fragen zu den Streitkräften. Spam-Nachrichten machen mehr als die Hälfte unserer Zuschriften aus, die fliegen direkt raus. Alle Meinungsäußerungen werden registriert und fließen in unser Lagebild ein. Die Bürgerinnen und Bürgern sollen nicht das Gefühl haben, ihre Meinungen zählten nicht. Gleichwohl beantworten wir Meinungsäußerungen oder Kommentare nicht. Konkrete Fragen hingegen werden entweder von uns selbst beantwortet oder schnellstmöglich an die zuständige Stelle weitergeleitet. Meist sind das die Presse- und Informationszentren der Teilstreitkräfte. Wir sind verpflichtet, binnen 14 Tagen Antwort zu geben. Schaffen wir das nicht, weil beispielsweise eine Antwort sehr komplex ist, informieren wir zumindest mit einer Zwischenauskunft. Unser Ziel ist, dass die Bürgerinnen und Bürger eine fundierte, sachliche Antwort bekommen.

Wo kommen die Anfragen her?

Tatsächlich nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus dem EUEuropäische Union-Ausland und anderen Teilen der Welt. Im Moment erreichen uns zum Beispiel viele Jobanfragen von zivilen Pflegekräften: Es hat sich wohl herumgesprochen, dass Deutschland Fachkräfte im Gesundheitsbereich sucht. Diese Anfragen geben wir dann an das Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr weiter. Auch bekommen wir nach wie vor Aufnahmeersuchen aus Afghanistan. Viele sagen, sie seien Ortskräfte für die Bundeswehr gewesen – das gibt einem schon zu denken.

Wird der Bürgerdialog auch von Bundeswehrangehörigen genutzt?

Etwa 15 bis 20 Prozent sind bundeswehrinterne Anfragen. Zum Beispiel rufen viele aktive Soldatinnen und Soldaten an, wenn sie sich durch ihre Kameradinnen und Kameraden schlecht behandelt fühlen. Da müssen wir dann auf den Dienstweg verweisen: Beschwerden sind beim Disziplinarvorgesetzten vorzubringen. Es gibt aber auch kuriose Anrufe: Einmal rief uns eine Soldatin an, um ihre Schwangerschaft bekanntzugeben. Andere melden sich, weil sie zu spät in den Dienst kommen und hoffen, dass wir ihrer Einheit Bescheid sagen können. Wieder andere wollten sich per Hotline krankmelden oder sich über eine Versetzung beschweren. Grundsätzlich gilt: Anträge sind auf dem Dienstweg zu stellen. Bei der Suche nach grundsätzlichen Informationen können wir helfen. Solche Anfragen sind auch für uns als Feedback wichtig, um Informationen auf den Webseiten der Bundeswehr besser auffindbar zu machen.

Wie setzt sich der Rest ihres Klientels zusammen?

Es ist eine bunte Mischung. Vielfach werden auch Fragen an uns herangetragen, die nichts mit der Bundeswehr, dem Verteidigungsministerium oder Sicherheitspolitik zu tun haben. Wir geben dann die Informationen weiter, die wir für die Bundeswehr geben können und verweisen darüber hinaus an die zuständigen Stellen bei anderen Behörden. Es gibt aber auch Dauerpetenten, die gar kein konstruktives Gespräch suchen, sondern einfach nur Stunk machen wollen. Das unterbinden wir soweit wie möglich. Wenn wir bedroht werden oder Verschwörungstheorien geäußert werden, gehen bei uns natürlich die Alarmsirenen an. Wir schalten dann durchaus auch die Polizei oder den Militärischen Abschirmdienst ein: Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig. Manchmal melden sich aber auch sehr einsame Menschen, häufig sind es Ältere. Da sind wir eine Art Sorgentelefon. Die wollen sich einfach ein bisschen unterhalten, eine andere Stimme hören.  Gerade in Bezug auf die russische Invasion in der Ukraine melden sich viele Bürgerinnen und Bürger mit Sorgen vor einer Eskalation des Konfliktes. Die will man dann natürlich auch nicht abwürgen. Wenn man ein bisschen soziale Wärme vermittelt, sind viele sehr dankbar. Das gehört auch zu unserer Arbeit.