General Henne: „Die Truppenübungsplätze müssen digital werden”

General Henne: „Die Truppenübungsplätze müssen digital werden”

  • Digitalisierung
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Truppenübungsplätze müssen digitaler und moderner werden – reale Szenarien und selbstfahrende Schützen- und Fahrzeugziele statt Klappfallscheiben. Eine ganze Brigade soll zusammen üben, ohne unbedingt an demselben Ort zu sein. Der stellvertretende Kommandeur des Kommandos Territoriale Aufgaben, Brigadegeneral Andreas Henne, erklärt, warum.

Ein Soldat im Porträt

Engagiert: Brigadegeneral Andreas Henne, stellvertretender Kommandeur Territoriale Aufgaben, ist der Projektbeauftragte für die Digitalisierung der Truppenübungsplätze

Bundeswehr/Carsten Borgmeier

General Henne, wie war Ihre Schießausbildung bei der Bundeswehr?

Ich bin seit 35 Jahren Soldat. Als Richtschütze auf dem Leopard 1 habe ich auf den Truppenübungsplätzen auf Holzziele geschossen. Die waren damals schon keine Innovation. Und jetzt gibt es sie immer noch. Das können wir den jungen Menschen, die zu uns kommen, nicht mehr anbieten.

Wie meinen Sie das?

Die jungen Menschen werden in einer digitalen Welt groß. Sie haben Smartphones, Virtual-Reality-Spiele. Alles läuft digital. Ihnen muss ich nicht die digitale Welt erklären. Dafür aber, warum wir noch unbewegliche Zieldarstellungen haben und wie der Seilzug funktioniert. Wir müssen die Truppenübungsplätze in die Gegenwart holen.

Wie genau soll das aussehen?

Digitalisierung durch 5G-Ausbau, teilautonome und autonome Ziele bis hin zur künstlichen Intelligenz auf der Schießbahn. Wir wollen dahin, dass wir die Plätze schließlich vernetzen und so Übungen zusammenschließen können. Eine Brigade soll von Anfang bis Ende in einer Lage leben, die Übung in Augmented Reality erleben. Das bedeutet, dass in Munster geschossen wird und die Einheit in Bergen über ein digital erstelltes Szenario den Einschlag sieht und dann darauf reagieren kann. Und umgekehrt. Wie ein richtiges Gefecht – nur eben mit digitaler Unterstützung.

Das sind ambitionierte Ziele. Wie weit sind die Planung und die Umsetzung bereits?

Der Zeitplan ist straff gewählt. Wir können jetzt schon keinem mehr Sperrholzscheiben anbieten, in acht Jahren erst recht nicht mehr. Wir sind noch ziemlich am Anfang. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir in sieben bis acht Jahren auch auf den Übungsplätzen der Bundeswehr in einer digitalen Welt leben und dann ganz anderes Erleben haben. Einige Modernisierungsmaßnahmen haben bereits begonnen. Zunächst bauen wir die Schießbahn 3 in Bergen um. Das ist eine große infanteristische Schießbahn. Bis 2025 soll die Truppe dort in einem digitalen Umfeld üben können. So lernen wir auch, was für die Infanterie notwendig ist und was wir an Datenstruktur brauchen. Bis 2028 sollen Munster und Bergen zusammengefasst werden.

Und wo kommt die Technik dafür her?

Die Technik müssen wir nicht noch entwickeln, die gibt es schon. Wir sind wie ein Magnet, der alles einsammelt, was mit Zieldarstellung, Schießsicherheit und Augmented Reality zu tun hat, um es dann für unsere Zwecke weiterzuentwickeln.

Dann üben andere Armeen bestimmt schon länger mit dieser Technik und sind Deutschland klar voraus?

Sind wir an der Spitze? Ja und nein. Wir haben eine Marktsichtung gemacht. Einige sind uns voraus, ja. Aber das Ziel, dass eine ganze Brigade über Augmented Reality gemeinsam üben kann, das ist neu. Das Thema ist so komplex, da hat sich bisher noch niemand herangewagt. Wir aber schon. Über 80 Menschen arbeiten allein bei der Bundeswehr unmittelbar an dem Projekt. Wir haben ein Kommunikationsnetz über ganz Deutschland gespannt – auch im zivilen Bereich, mit Universitäten und dem Fraunhofer-Institut. Es geht ja auch um den Ausbau von 5G. Ohne ist das gesamte Projekt nicht möglich. Und wir haben in der Wehrtechnischen Dienststelle 91 in Meppen bereits die ersten Smart Targets, also autonome, selbstfahrende Ziele, in der Erprobung.

Wie sind die ersten Erfahrungen damit?

Wir haben gelernt, dass sehr große Datenmengen dafür benötigt werden und dass WLAN von Witterung und Gelände beeinflusst wird. Das sind alles Dinge, die uns vorher so nicht bewusst waren. Und darauf müssen wir reagieren, denn die Übungen finden draußen im Dreck, bei Regen, Sonne und Wind statt.

Was ist der Vorteil der Truppe?

Die Situationen, die wir dann darstellen können, sind viel näher an der Realität als es bisher bei der Schießausbildung der Fall ist. Zudem reagieren die Smart Targets auf das Verhalten der Schützinnen und Schützen – sie können in Deckung gehen und auch angreifen. Das kann man alles programmieren. Der Ausbilder kann die Treffer zudem zeitnah auswerten, daraus resultiert ein sofortiger Lerneffekt. Im späteren Verlauf des Projektes sollen die Soldatinnen und Soldaten mit speziellen Brillen und Anzügen ausgestattet werden, die Beschuss simulieren. So bekommt der Soldat ein ganz anderes Gefühl für die Situation und dafür, dass er selbst auch unter Beschuss steht. Die Anzüge geben eine haptische Rückmeldung an den Körper und zugleich wird die Rettungskette mit der Sanität ausgelöst. Das wird ein ganz anderes Üben sein.

Sie sind mit viel Leidenschaft dabei. Warum liegt Ihnen das Projekt so sehr am Herzen?

Die sicherheitspolitischen Anforderungen an die Bundeswehr wachsen. Deshalb ist es unabdingbar, dass unsere Soldatinnen und Soldaten besser auf Einsätze und den Ernstfall vorbereitet werden. Wir tun damit echt was für die Truppe. Das ist mir einfach wichtig.

von Amina Vieth