Finnland

„Viele Menschen haben gedacht, das hätten auch wir sein können“

„Viele Menschen haben gedacht, das hätten auch wir sein können“

Datum:
Ort:
Berlin
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Im April 2023 ist die NATO-Ostflanke um ein Land gewachsen: Finnland hat seine militärische Neutralität aufgegeben und ist dem Bündnis als Reaktion auf den Angriff Russlands auf die Ukraine beigetreten. „Der Krieg hat ein Umdenken ausgelöst“, erklärt der deutsche Militärattaché in Helsinki, Fregattenkapitän Michael Buchert.

Ein Mann im Porträt

Fregattenkapitän Michael Buchert, deutscher Militärattaché in Finnland

Deutsche Botschaft Helsinki/Lankau

„Viele Menschen haben gedacht, das hätten auch wir sein können.“ Der Schritt war für Russland ein strategischer GAU: Die Grenze zum NATO-Bündnis ist über Nacht um 1.340 Kilometer gewachsen. Finnland hat bereits eng mit der NATO kooperiert, eine Mitgliedschaft lehnten große Teile der Gesellschaft aber bisher ab – bis zum Februar 2022. „Viele sagen, dass der NATO-Beitritt von den Menschen ausging. Eine Bewegung, die von der Regierung dann umgesetzt wurde“, sagt Buchert. 

Die Grenze zu Russland besteht größtenteils aus Wäldern und dünn besiedelten ländlichen Gebieten. Grenzposten und Befestigungen gibt es vor allem im Süden, wo mehr Menschen leben. Finnland hat Angst, dass der Nachbar das ungeschützte Gebiet durch hybride Kriegsformen destabilisieren könnte. „Die Verteidigungskräfte sind mit 24.000 Soldatinnen und Soldaten relativ klein. Wenn man aber alle Reservisten mitzählt, hat es etwa 900.000 trainierte Kräfte“, erklärt Buchert.

Finnland ist ein selbstbewusster Staat. Im Winterkrieg 1939/1940 erlitt die damalige Sowjetunion schwere Verluste, ehe sie einen Teil des viel kleineren Nachbarlands besetzen konnte. Die historischen Erfahrungen wirken bis heute nach: „Für Finnland ist der Status als Frontstaat normal. Es hat seine Verteidigungsfähigkeiten auch nach dem Kalten Krieg beibehalten. Im Ernstfall könnte es schnell reagieren“, sagt der Fregattenkapitän. In Helsinki leben 660.000 Menschen, heute gibt es für sie 780.000 Bunkerplätze. Das Militär ist sehr angesehen. 

Das spürt auch Buchert, der vor seinem Dienstantritt im September 2022 Kommandeur des Marinefliegerstützpunkts in Nordholz war: „Ich werde mit meiner Uniform sehr positiv wahrgenommen und oft gefragt, warum wir in Deutschland unsere Streitkräfte vernachlässigt haben.“ Der NATO-Beitritt ist für beide Seiten ein Gewinn, denn die Allianz hat ein neues starkes Mitglied, das mit seiner geografischen Lage Russlands Machtstreben eindämmt. „Finnland stärkt seine nationale Verteidigung inklusive der nuklearen Abschreckung Russlands“, ist sich Buchert sicher. Gemeinsam lässt sich der Bedrohung an der Ostflanke am besten begegnen.

von Florian Stöhr