Südosteuropa

„Sogar ein NATO-Bündnisfall schien möglich“

„Sogar ein NATO-Bündnisfall schien möglich“

Datum:
Ort:
Berlin
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3 MIN

Der russische Angriffskrieg hat Europas Ordnung auf den Kopf gestellt. Die NATO bezeichnet Russland als größte Bedrohung für die Sicherheit ihrer Mitglieder. In den Hauptstädten an der NATO-Ostflanke ist dies besonders zu spüren. Viele dort fürchten, dass es sie als Nächstes treffen könnte.

Ein Mann im Porträt

Oberstleutnant i. G. Sebastian Erbe, deutscher Militärattaché für Rumänien, Bulgarien und die Republik Moldau

Bundeswehr/Sebastian Erbe

Oberstleutnant i. G. Sebastian Erbe ist seit September 2023 Militärattaché in Rumänien und zugleich zuständig für die Republik Moldau und Bulgarien. Drei Staaten, die in direkter Nähe zum Kriegsgeschehen liegen und deren Ausgangslagen unterschiedlicher kaum sein könnten. 

In der Republik Moldau blickt man mit großer Sorge nach Moskau. Seit Jahren destabilisiert Russland das kleine Land zwischen der Ukraine und Rumänien. „Politische Einflussnahme, Desinformation, Cyberangriffe und Gaslieferungen als Druckmittel“, zählt Erbe auf. Moldau hat wie viele andere Länder auf russisches Gas als Energiequelle gesetzt. Die Abhängigkeit macht erpressbar. Die Streitkräfte sind klein, die Verteidigungsstrukturen zuletzt stark unterfinanziert. „Moldau ist ein armes Land. Ohne internationale Hilfe kann es Russland wenig entgegensetzen“, sagt Erbe. 

Konfliktpotenzial birgt auch die abtrünnige Region Transnistrien. Völkerrechtlich gehört sie zu Moldau, betrachtet sich aber nach dem Krieg von 1992 als eigener Staat. Russland zieht im Hintergrund die Fäden. Russische „Friedenstruppen“ verhindern eine diplomatische Lösung. Ein eingefrorener Konflikt, der schnell eskalieren könnte. Der Einmarsch in die Ukraine hat die Ängste in Moldau weiter geschürt. 

Kurz nach Kriegsbeginn stellte die Regierung in der Hauptstadt Chișinău einen EUEuropäische Union-Beitrittsantrag. „Die Menschen setzen große Hoffnungen in die EUEuropäische Union“, erklärt Erbe. Moldau sucht die Nähe zum Westen, bis 2030 will es der EUEuropäische Union angehören. Im Dezember 2023 beschloss die EUEuropäische Union, Beitrittsverhandlungen mit Moldau und der Ukraine aufzunehmen. „Eine NATO-Mitgliedschaft wird in der Bevölkerung bisher mehrheitlich abgelehnt. In seiner Verfassung bekennt sich Moldau zur Neutralität“, sagt er.

Gefährliche Grenzgebiete

Erbe pendelt regelmäßig zwischen Moldau, Rumänien und Bulgarien. „Die Reiserei hat es in sich, aber man kriegt schnell ein Gefühl für die Staaten und ihre Bedürfnisse“, sagt er. Sein Hauptbüro ist in Bukarest, der Hauptstadt Rumäniens. Dem Land fällt eine Schlüsselrolle am Schwarzen Meer zu. „Rumänien ist ein Paradebeispiel für ein NATO-Mitglied. Die Streitkräfte befinden sich in einem umfassenden Modernisierungsprozess und sind sehr multinational ausgerichtet. Die Verteidigungsausgaben liegen seit Jahren auf hohem Niveau. 2024 wird Rumänien das Zwei-Prozent-Ziel der NATO deutlich übertreffen“, erklärt der Militärattaché. 

Als Reaktion auf die russische Annexion der Krim 2014 gründete das Land gemeinsam mit Polen die „Bukarest Neun“. Dem Zusammenschluss gehören neun osteuropäische Staaten an, die früher zur Sowjetunion oder zu deren Einflusssphäre zählten, und Russland schon 2014 als unmittelbare Bedrohung ihrer Sicherheit betrachteten. „Rumänien ist ein wichtiger Unterstützer der Ukraine, wobei es seine Hilfen nicht so offen wie andere Länder kommuniziert“, sagt Erbe. 

Das Bedrohungsgefühl in der Bevölkerung ist real: Mit 600 Kilometern hat Rumänien die längste Grenze aller NATO-Staaten zur Ukraine. Russische Drohnen verletzten mehrfach den Luftraum und gingen auf rumänischem Gebiet nieder. Kundschaftet Russland die Region aus oder waren es Überreste abgeschossener Drohnen? Die Regierung in Bukarest erklärte, dass sie ihr Territorium mit allen Mitteln verteidigen werde. „In dieser schwierigen Situation war ich in meiner Rolle als Militärattaché bislang am stärksten gefordert“, erzählt Erbe. „Wir wussten nicht, was passieren würde. Sogar ein NATO-Bündnisfall schien möglich.“ 

Viele NATO-Partner haben Rumänien ihren Beistand zugesichert. Die Unterstützungswelle, auch mit deutschen Eurofightern beim Air Policing, beruhigte die Lage. Das Grenzgebiet zur Ukraine bleibt aber kritisch: Seit Russlands Seeblockade im Schwarzen Meer ist es die Hauptroute für ukrainische Getreideexporte. 

Auch Bulgarien, das südlichste Land an der NATO-Ostflanke, ist eine herausfordernde Aufgabe für den Oberstleutnant. Die wirtschaftliche Lage ist angespannt, die politischen Debatten sind scharf. Das Land gilt als russlandnah.

Der Überfall auf die Ukraine führt aber zu einem langsamen Umdenken. „Die aktuelle Regierung hat einen klaren Kurs zur Unterstützung der Ukraine eingeschlagen“, sagt Erbe. Dafür musste sie sich bereits Misstrauensvoten der Opposition stellen. „Es gibt zwei Lager im Land. Ein Teil der Bevölkerung nimmt Russland als Gefahr wahr, der andere Teil weist bis heute eine gewisse Verbundenheit auf und betrachtet den Krieg differenziert.“ 

Als Reaktion auf den russischen Einmarsch hat die NATO auch in Bulgarien eine Battlegroup aufgestellt. Ein wichtiger Schritt zur Stärkung der Ostflanke.

von Florian Stöhr

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