Ein Nachruf

Zum Tod von General a. D.außer Dienst Wolfgang Altenburg

Zum Tod von General a. D.außer Dienst Wolfgang Altenburg

Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
3 MIN

Als der 28-jährige Familienvater von zwei Kindern, Wolfgang Altenburg, 1956 als Rekrut in die Bundeswehr eintrat, tauschte er sein stattliches Gehalt als Hotelmanager gegen den kargen Wehrsold eines Offizieranwärters. 27 Jahre später wurde er der 8. Generalinspekteur. Sein Leben repräsentiert ein wichtiges Stück Bundeswehr- und NATO-Geschichte im Kalten Krieg.

In einer Kirche steht ein Soldaten-Foto zwischen Blumenkränzen. Davor steht ein Sarg umhüllt mit der Bundesdienstflagge.

Der aufgebahrte Sarg in Travemünde bot Familie, Kameraden und Freunden die Gelegenheit Abschied zu nehmen.

Bundeswehr/Jürgen Bredtmann

Der in Westpreußen geborene Wolfgang Altenburg erlebte 1944/1945 den Untergang des „Dritten Reichs“ als Marinehelfer auf Helgoland. Nach dem Krieg schaffte er mit seiner in den Raum Bremen geflüchteten Familie den wirtschaftlichen Neuanfang und Aufstieg, bevor er sich 1956 bewusst für den Eintritt in die neu aufgestellte Bundeswehr, eingebunden in die NATO im Dienst für Frieden in Freiheit, entschied. Nichts deutete in den ersten Jahren darauf hin, dass der junge Artillerieoffizier später als „Nuklearstratege“ zu einem der versiertesten Fachmänner auf dem Gebiet der transatlantischen Sicherheitspolitik werden sollte.

Vom „Atomartillerist“ zum Sicherheitspolitiker

Bereits als Chef einer nuklear einsetzbaren Raketenartilleriebatterie in den Jahren 1961/62 zweifelte er an der Kriegstauglichkeit von Atomwaffen. Sein Credo lautete: Man könne und dürfe nicht das zerstören, was man im Eid geschworen habe zu verteidigen. Während seines Generalstabslehrganges (1962-64) kritisierte er die damals vielfach verbreitete Vorstellung, Atomwaffen wären eine moderne Artillerie auch für das Schlachtfeld. Auch die deutliche Kritik seiner Vorgesetzten ließ ihn nicht verstummen. Er dachte weiter und blieb dabei kontrovers.

Bis 1970 verlief seine Laufbahn in der Bundeswehr in den vorgezeichneten Bahnen eines Generalstabsoffiziers. Als diese 1971 einen qualifizierten Offizier in den nuklearpolitischen Think-Tank des NATO-Oberbefehlshabers in Europa (SACEURSupreme Allied Commander Europe ) einbringen konnte, fiel die Wahl des damaligen Generalinspekteurs, General Ulrich de Maizière, auf Altenburg. Dieser profilierte sich als scharfsinniger Berater. Der verstand Atomwaffen grundsätzlich als politisches Instrument, als Kriegsbeendigungs-, vor allem aber als Kriegsverhinderungswaffen. 

In dieser Zeit fand er Zugang und Jahrzehnte währende Kontakte zur sicherheitspolitischen Community der „Defense Intellectuals“, so im Londoner International Institute for Strategic Studies oder in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Mehrfach war er in der damals maßgebenden Stabsabteilung des Verteidigungsministeriums (Fü S III - Militärpolitik) sicherheitspolitischer Berater von Ministern und zwei Bundeskanzlern. So wirkte er an der berühmten „Londoner Rede“ von Bundeskanzler Helmut Schmidt im Oktober 1977 mit, die für viele bis heute den Startschuss für den NATO-Doppelbeschluss darstellt.

In der Spitze der Bundeswehr und der NATO (1983-1989)

Wenige Monate vor der Stationierung neuer nuklearer Mittelstreckensysteme in Europa erfolgte 1983 Altenburgs Berufung zum Generalinspekteur.

Seine Wahl zum Chairman NATO Military Committee, und damit zum höchsten Soldaten der NATO im Jahr 1986, markierte den Höhepunkt seiner außergewöhnlichen militärischen Laufbahn. Sie belegt die hohe Reputation, die sich Altenburg auch bei den Bündnispartnern erworben hatte. Im NATO-Hauptquartier in Brüssel erlebte er den beginnenden Untergang der Sowjetunion und den Zusammenbruch des Warschauer Pakts, der sich mit dem INFIntermediate Range Nuclear Forces-Vertrag 1987 angedeutet hatte: Mit diesem „Intermediate Range Nuclear Forces Treaty“ wurden in Europa alle atomaren Mittelstreckenwaffen zwischen 500 und 5.000 Kilometern Reichweite abgeschafft.

Wenige Wochen vor dem Fall der Berliner Mauer wurde Altenburg am 30. September 1989 in den Ruhestand verabschiedet. Auch danach blieb er über mehr als drei Jahrzehnte ein viel gefragter Experte zur Sicherheitspolitik.

Am 25. Januar 2023 ist General a. D.außer Dienst Wolfgang Altenburg an seinem Wohnort Travemünde verstorben. Am 10. Februar 2023 würdigte die Bundeswehr den Verstorbenen mit einer Trauerfeier und einem Großen Ehrengeleit.

von Dr. Heiner Möllers

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