Invictus Games

Mit Pfeil und Bogen zu innerer Ruhe

Mit Pfeil und Bogen zu innerer Ruhe

  • Sport
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Warendorf
Lesedauer:
4 MIN

Das deutsche Team der Invictus Games bereitet sich auf die Spiele im April in Den Haag vor. Dabei treten die Athleten in mehreren Disziplinen an: Rudern, Radfahren, Leichtathletik, Diskuswerfen, Schwimmen und Bogenschießen. Jede dieser Sportarten erfüllt therapeutische Zwecke für Körper und Geist. Welche das sind, erklären die Trainer.

Ein Mann in Sportbekleidung zielt beim Bogenschießen auf ein Ziel außerhalb des Bildes

Konzentriert: Andreas „Rücki“ Rückewoldt findet durch den Bogensport innere Ruhe

Bundeswehr/Tom Twardy

Beim Blick auf den Plan der Athleten im Trainingslager der Sportschule der Bundeswehr in Warendorf fällt eines sofort ins Auge: Bogenschießen. Nichts wird so häufig geübt. Alle Athleten treten zwar in mehr als einer Disziplin an bei den Invictus Games. Aber den Großteil bilden Rudern, Radfahren und eben Bogenschießen. Diese Sportart erfreue sich großer Beliebtheit, weiß Oberleutnant Daniel Bogut. Neun von 20 Athleten sind im Bogensport. 

Daniel Bogut, Oberleutnant
Ich wurde ins kalte Wasser geworfen.

Bogut studierte zivil in Köln Sportwissenschaften und sammelte Erfahrungen im Bereich Sporttherapie in einem ambulanten Reha-Zentrum. Als Seiteneinsteiger kehrte er 2019 zur Bundeswehr zurück und bekam einen Dienstposten in der Gruppe Sporttherapie. „Vorher wusste ich nicht, dass es das in der Bundeswehr überhaupt gibt“, sagt er.

Kurz nach seinem Dienstantritt in Warendorf begann das erste Trainingslager für die Invictus Games, die zu dem Zeitpunkt noch für das Jahr 2020 geplant waren. Es sei sein erster Berührungspunkt mit den internationalen Sportspielen für Armeeangehörige gewesen – und auch mit dem Bogensport.

„Ich wurde ins kalte Wasser geworfen“, sagt er mit einem Lachen. Aber er habe schnell Gefallen daran gefunden und erkannt, wie wichtig diese Sportart für die Athleten ist. „Der Bogensport ist sehr gut geeignet für die Sporttherapie, da er zwei große Themenbereiche miteinander verknüpft: Körper und Psyche“, erklärt Bogut. 

Schonend für die Gelenke

Anders als beim Laufen oder Weitsprung gebe es beim Bogensport keine Stoßbelastungen. Daher sei diese Disziplin für viele Athletinnen und Athleten auch nach Verletzungen geeignet. Zudem werde der obere Rücken automatisch durch die Bewegungsabläufe gestärkt. Andernfalls bedürfe es eigener Übungen dafür.

Auch Frauen und Männer mit Herz-Kreislauf-Problemen, einer geringen Ausdauer oder Knieproblemen könnten diesen Sport ausüben, erläutert der Fachmann. Darüber hinaus könne durch kontinuierliches Training „viel herausgeholt“ werden. „Beim 100-Meter-Sprint stößt man schnell an seine Grenzen. Das hat auch etwas mit genetischer Veranlagung und beispielsweise Alter zu tun.

Aber beim Bogenschießen kann man unabhängig davon das Trefferbild kontinuierlich verbessern.“ Deshalb werde im Trainingslager so viel geübt.

Konzentration und Fokus

Der Bogensport an sich „ist einfach. Man muss immer nur alles gleich machen. Das ist gleichzeitig die Herausforderung, weil es ein sehr hohes Maß an Konzentration und Fokussierung abverlangt“, sagt Bogut. Und hier kommt der psychische Effekt ins Spiel. Insbesondere für Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung sei das schwer und werde durch den Bogensport Stück für Stück gefördert. „Man muss die Umwelt, so gut es geht, ausblenden und sehr achtsam sich selbst gegenüber sein.“

Andreas Rückewoldt, Hauptfeldwebel
Man grenzt sich die meiste Zeit ab, isoliert sich. Durch den Sport kommt man zurück ins soziale Leben.

Was das bedeutet, weiß Andreas „Rücki“ Rückewoldt. Der Hauptfeldwebel ist einer der neun Athleten, die im Bogenschießen antreten werden. Diese Sportart lernte er erst durch die Sporttherapie kennen. „Für Menschen mit PTBSPosttraumatische Belastungsstörung ist die Konzentration eines der größten Probleme. Es ist beim Bogenschießen eine große Herausforderung“, sagt Rückewoldt und spricht dabei aus Erfahrung.

In den ersten vier Wochen ging es nur darum, die Technik zu erlernen. Danach geht es ans Trefferbild, sodass die Pfeile möglichst eng beieinander landen. Und trainiert wird in der Gruppe. „Man grenzt sich die meiste Zeit ab, isoliert sich. Durch den Sport kommt man zurück ins soziale Leben.“ Und der Sport helfe allgemein, wieder eine Struktur im Leben und im Alltag zu bekommen.

„Sport darf dabei aber nicht zur Droge werden. Es ist ein Hilfsmittel“, betont Rückewoldt. Für ihn funktioniere das Prinzip sehr gut. Das Bogenschießen wirke auf ihn entschleunigend. „Ich muss mir dafür Auszeiten nehmen, mich nur darauf und die Abläufe konzentrieren. Das wirkt sich positiv aus.“ 

Ein Mann in Sportkleidung korrigiert die Schusshaltung bei einem Bogenschützen

In der Leichtathletikhalle: Trainer Oberleutnant Daniel Bogut mit den Bogenschützen des Teams Germany

Bundeswehr/Tom Twardy

Wegen der langen Wartezeiten während der Pandemie sei es jedoch schwierig gewesen, am Ball zu bleiben. „Das war für uns alle sehr schwer. Gerade vor dem Hintergrund der bereits existierenden psychischen Belastungen, die die meisten von uns haben.“ Aber er und seine Teamkameraden haben es geschafft, sich immer wieder zu motivieren und dabei zu bleiben.

Hilfreich ist dabei auch, dass die Bögen von der Bundeswehr gestellt werden und die Teilnehmer sie mit nach Hause nehmen dürfen. „Ich trainiere in einem Verein und am Standort“, so Rückewoldt und ergänzt: „Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich die Rückendeckung von meinem Kommandeur und meinen Kameraden des Panzerpionierbataillons 1 in Holzminden habe, dass sie so hinter mir stehen. Sonst wäre das nicht möglich.“ 

von Amina Vieth