Militärisches Nachrichtenwesen

Methoden der Informationsgewinnung

Für den Erfolg militärischer Operationen sind Erkenntnisse über den Gegner entscheidend. Sie werden mit unterschiedlichen Kräften, Mitteln und Methoden gewonnen – von der Satellitenbild-Auswertung bis zum Abhören der gegnerischen Kommunikation. Auch die Bundeswehr gewinnt so Informationen – ein Überblick.

Zwei Soldaten arbeiten im Stehen an einem Computer, auf dem Luftbildaufnahmen zu sehen sind.

Bewertungen zu den Absichten und Fähigkeiten potenziell gegnerischer Kräfte abzugeben, das ist Auftrag des Militärischen Nachrichtenwesens (MilNW). In der ganzen Bundeswehr gibt es hierfür Kräfte und Mittel. Ihr gemeinsames Ziel ist es, Erkenntnisse zu gewinnen und aus ihnen konkrete Handlungsempfehlungen für meist militärische Führungskräfte abzuleiten. Die im Militärischen Nachrichtenwesen eingesetzten, speziell ausgebildeten Soldatinnen und Soldaten müssen oftmals große Datenmengen filtern, verarbeiten und bewerten, um relevante Informationen herauszuarbeiten. Die Daten bekommen sie aus sehr unterschiedlichen Quellen.

Von der Tageszeitung bis zum Satellitenbild 

Informationen zu gewinnen, wird von Militärs oft als „Aufklärung“ bezeichnet. Auch wenn es hierfür verschiedene Methoden gibt, gemeinsam ist allen, dass die Bundeswehr sie nur anwendet, um ihren Auftrag zu erfüllen – beispielsweise in Auslandseinsätzen oder zur Landes- und Bündnisverteidigung. So gibt es zum Beispiel die signalerfassende Aufklärung, die elektronische Abstrahlungen nutzt, oder die abbildende Aufklärung, bei der aussagekräftige Bilder von Drohnen, Flugzeugen oder Satelliten gemacht werden. Doch auch offen zugängliche Quellen wie das Internet oder Medien werden ausgewertet. Diese Open Source Intelligence (OSINTOpen Source Intelligence) hat zwei Vorteile: Sie ist recht kostengünstig und die eingesetzten Soldatinnen und Soldaten sind einem geringen persönlichen Risiko ausgesetzt, entdeckt zu werden. 

Ganz anders ist das bei der Human Intelligence (HUMINTHuman Intelligence). Ihre Informationsquelle ist der Mensch. Allein die Ausbildung einer HUMINTHuman Intelligence-Soldatin oder eines HUMINTHuman Intelligence-Soldaten dauert Jahre, denn die Aufgabe ist nicht ungefährlich. Außerdem muss HUMINTHuman Intelligence-Personal besondere charakterliche und soziale Anforderungen erfüllen. Denn die Spezialistinnen und Spezialisten sollen ein Vertrauensverhältnis zur jeweiligen Zielperson aufbauen, die sie als Informationsquelle gewinnen wollen. Dabei arbeiten sie grundsätzlich offen und in Uniform.

Seite an Seite

Agenten und Soldaten im BNDBundesnachrichtendienst

Soldaten unterstützen, wo sie gebraucht werden.

Weiterlesen

Der Aufklärungsprozess ist multinational und streitkräfteübergreifend konzipiert. Je nach Informationsbedarf ändern sich die Akteure.  Nationale Anfragen aus den Einsatzgebieten finden über das Einsatzführungskommando der Bundeswehr ihren Weg in das Militärische Nachrichtenwesen. Die Gesamtsteuerung des Aufklärungsprozesses obliegt dem Joint Intelligence Centre (JICJoint Intelligence Centre) im Kommando Cyber- und Informationsraum als dem zentralen Element des Militärischen Nachrichtenwesens der Bundeswehr.

Natürlich nutzt die Bundeswehr auch ihren Militärischen Abschirmdienst (MADMilitärischer Abschirmdienst) zur Gewinnung von Informationen. Außerdem kann sie sich zur Erfüllung ihres verfassungsgemäßen Auftrags an den Bundesnachrichtendienst (BNDBundesnachrichtendienst) oder an die NATONorth Atlantic Treaty Organization wenden, wenn ein spezifischer Informationsbedarf besteht. 

Effizientes Datenmanagement

Wenn bereits vorliegende Daten und Erkenntnisse nicht ausreichen, können Bundeswehrdienststellen auch ganz gezielt Informationen für ihren jeweiligen Bedarf anfordern. Daraufhin startet der sogenannte intelligence cycle, um die angefragten Informationen zu gewinnen. Er besteht aus vier Schritten, die ein fiktives Beispiel verdeutlichen soll. 

Eine Offizierin stellt im Einsatz fest, dass ihr für eine Patrouillenfahrt wichtige Informationen zu Weg, Gelände und möglichen Gefahren fehlen. Sie schickt daher eine Bedarfsanforderung für die Aufklärung des Patrouillenweges an das militärische Hauptquartier des Einsatzes. 

Anschließend ordnet das Hauptquartier den Informationsbedarf der anfordernden Person ein: Wann genau müssen die Informationen vorliegen und was wird zu welchem Zweck benötigt? In unserem Beispiel kommen die Verantwortlichen zu dem Schluss, dass Luftbilder eines Aufklärungsflugzeuges zur Beurteilung des Patrouillenweges geeignet sind. 

Dann werden die Daten gesammelt: Im Beispiel wird das Hauptquartier das Ersuchen an die im Einsatz befindlichen Kräfte für abbildende Aufklärung (IMINT, Imagery Intelligence) weiterleiten. Das Flugzeug startet, die Bild- und Videosequenzen werden erstellt und von Luftbildauswertern der Bundeswehr beurteilt. Die Experten suchen dabei nach Auffälligkeiten, die sie dann mit ihren Einschätzungen versehen. Diese Prozedur wird im Fachjargon „Annotieren“ genannt. Für diese abbildende Aufklärung werden optische und elektromagnetische Sensoren sowie Laser eingesetzt.

Im letzten Schritt senden die Verantwortlichen der Luftbildauswertung die Ergebnisse ihrer Analyse an das Hauptquartier zurück, wo noch einmal alle angefragten Informationen in einer Gefahrenanalyse gebündelt und konkrete Handlungsempfehlungen gegeben werden. Anschließend wird das fertige Produkt aus Luftbildauswertung, Handlungsempfehlungen und Gefahrenanalyse an die Offizierin im Einsatz weitergeleitet. Auf Basis dieser Informationen kann sie dann ihre Patrouillenfahrt bestmöglich vorbereiten.

von Lara  Weyland

Mehr zum Thema