Invictus Games

Sport heilt die Psyche: Dabei unterstützt die Truppenpsychologie der Bundeswehr

Sport heilt die Psyche: Dabei unterstützt die Truppenpsychologie der Bundeswehr

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  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Warendorf
Lesedauer:
3 MIN

Die Invictus Games machen psychische und physische Erkrankungen von Soldatinnen und Soldaten für die breite Masse sichtbar. Die Truppenpsychologie begleitet Betroffene auf dem Rehabilitationsweg. Regierungsdirektorin Katja Schadow ist die Psychologin des deutschen Teams der Invictus Games und erklärt die sporttherapeutischen Ansätze der Bundeswehr.

Eine Frau in Sportkleidung sitzt auf einer Bank im Freien

„Es ist wichtig, keine Berührungsängste gegenüber physisch oder psychisch erkrankten Soldaten zu haben. Offen sein und vor allem Zuhören. Damit ist schon viel getan“, sagt Katja Schadow, Truppenpsychologin des deutschen Teams der Invictus Games.

Bundeswehr/Tom Twardy

Durch den Sport zurück ins Leben: Das ist das Mantra der Invictus Games. Der deutsche Fokus liegt auf der Sporttherapie. Die Wettkampfvorbereitungen, das Sportereignis an sich und auch die Nachbereitungen helfen den betroffenen Soldatinnen und Soldaten bei ihrer Rehabilitation. Hierbei spielt die psychologische Komponente eine wichtige Rolle. Laut Truppenpsychologin Katja Schadow sei es elementar, offen auf die verwundeten Kameradinnen und Kameraden zuzugehen und ihnen Wertschätzung und Anerkennung für ihren Lebensmut entgegenzubringen. Die Athletinnen und Athleten haben einen langen Leidens- und Therapieweg hinter sich. Die verwundeten Menschen und ihre Geschichten müssen sichtbar und erfahrbar gemacht werden.

Vorbereitung ähnlich wie bei Leistungssportlern

Die deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Invictus Games nehmen nach der sportmedizinischen Begutachtung an sporttherapeutischen Lehrgängen an der Sportschule in Warendorf teil. Danach werden sie in mehreren Trainingslagern auf die Invictus Games vorbereitet. In den Trainingslagern erfahren die Sportlerinnen und Sportler, ähnlich wie im Leistungssport, eine sportpsychologische Vorbereitung wie mentales Training, Techniken der Stressbewältigung und Stärkung von Resilienz, der Stärkung der inneren Widerstandsfähigkeit. Dabei werden alle Situationen eines Sportwettkampfes durchgesprochen und simuliert.

Zusätzlich wird aber auch auf die Herausforderungen eingegangen, die sich aufgrund ihrer physischen oder psychischen Erkrankung bei der Teilnahme an einem internationalen Wettkampf ergeben können. Das Augenmerk liegt hierbei besonders auf Belastungsfaktoren wie großen Menschenmengen in den Trainings- und Wettkampfstätten, Lärm, Leistungsdruck, einer langen Tagesbelastung, fehlenden Ruhe- und Rückzugsmöglichkeiten und vielem mehr. 

Einzelberatung, Unterrichte und 24/7-Betreuung

In Einzelgesprächen und einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung wird individuell auf die Bedürfnisse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Invictus Games eingegangen. „Wir haben unterschiedliche Verletzungsmuster bei den Sportlern der diesjährigen Invictus Games. Manche haben eine posttraumatische Belastungsstörung, wiederum andere eine physische Verwundung und manche haben beides. Jeder bringt eigene Stärken und Herausforderungen mit, die wir individuell erarbeiten und worauf wir reagieren“, berichtet Schadow.

Die Aufgabe der Truppenpsychologie sei es, zu unterstützen und Sicherheit zu geben. „Wichtig ist auch, den Kameradinnen und Kameraden jederzeit das Gefühl zu geben, erreich- und ansprechbar zu sein.“

Strategien entwickeln: Mit dem Ball in der Hosentasche

Psychologin Schadow versuche, die Athletinnen und Athleten, so gut es geht, kennenzulernen. Sie fragt bereits beim ersten Gespräch ab, was mögliche krankheitsbedingte Trigger sein könnten. Trigger sind im Psychologie-Terminus Auslöser, die ein Wiedererleben eines traumatischen Ereignisses hervorrufen können.

Wenn dies passiere, müssen individuelle Strategien angewendet werden, um diese Situation zu bewältigen. Schadow sagt: „Meist verfügen die Kameraden schon über eigene Strategien, wie sie sich selbst wieder in die Gegenwart zurückholen. Diese können ganz vielfältig sein, beispielsweise sich ein Riechsalz unter die Nase zu halten, um so einen ungewohnten Reiz zu setzen oder einen Ball in der Hosentasche dabei zu haben und zu kneten.“

Manchmal helfe aber nur eine direkte Ansprache von außen oder eine Berührung. Das komme dann ganz individuell auf die Person an. In den truppenpsychologischen Einzelgesprächen wird gemeinsam erarbeitet, welche Strategien den Betroffenen helfen können.

„Ihr Lebensmut macht sie unbesiegbar“

Die Erfahrung der Teilnahme an den Invictus Games begleite die Athletinnen und Athleten ein ganzes Leben lang, so Schadow. Sie gewinnen Selbstvertrauen, erleben Selbstwirksamkeit und erwerben Fähigkeiten, die sie auf alle anderen Lebensbereiche übertragen können. „Während der gesamten Trainingsphase verbringen die Sportlerinnen und Sportler sehr viel Zeit miteinander. Sie lernen sich kennen, unterstützen sich gegenseitig und entdecken Ähnlichkeiten. Sie treffen auf ein gemeinsames Verständnis, wie es ist, mit einer physischen oder psychischen Erkrankung zu leben - und das verbindet.“ In den Unterrichten und Einzelgesprächen werden den Athletinnen und Athleten Perspektiven aufgezeigt, wie sie das Erlebte und Gelernte auch im weiteren Rehabilitationsverlauf für sich nutzen können.

Auch zum betreuenden Personal entstehe und bleibe eine vertrauensvolle Beziehung. Die ehemaligen Teilnehmerinnen und Teilnehmer wissen, dass sie sich auch nach den Invictus Games jederzeit an das Betreuungsteam wenden können. „Ich habe immer ein offenes Ohr. Wir halten Kontakt zu unseren Sportlerinnen und Sportlern, das ist mir auch ein persönliches Anliegen. Die truppenpsychologische Arbeit gibt mir menschlich sehr viel. Es ist ein tolles Gefühl zu sehen, welche Fortschritte und Erfolge die verwundeten Soldatinnen und Soldaten erzielen. Ihr Lebensmut macht sie unbesiegbar.“

von Lara Weyland

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