Invictus Games

Sport als Therapie hilft ins Leben zurück

Sport als Therapie hilft ins Leben zurück

  • Sport
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Warendorf
Lesedauer:
4 MIN

Sport hilft, ein Gleichgewicht herzustellen und blendet die Vergangenheit und Zukunft aus. Es zählt nur der Moment. Ein wichtiger Vorbereitungs-Baustein des Teams Germany der Invictus Games ist der Umgang miteinander auf Augenhöhe.

Ein Mann in Sportkleidung steht vor einer beschrifteten Tafel und spricht.

Kai Cziesla, Stabsfeldwebel und Trainer für den Rudersport in Warendorf, stellt seine Trainingspläne jeden Tag individuell zusammen. In Den Haag wird er Ansprechpartner für „Family and Friends“ sein, die Angehörigen der Athletinnen und Athleten.

Bundeswehr/Tom Twardy

Es gibt verschiedene Formen, ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten. Manchen Menschen hilft es, über ihre Erlebnisse zu reden. Andere wiederum konzentrieren sich auf ein neues Hobby oder ihre Familie. Und wiederum andere kämpfen sich durch den Sport zurück ins Leben.

Sport als therapeutisches Mittel hat mehrere positive Effekte: Sport stärkt das Selbstwertgefühl und kurbelt die Produktion von Glückshormonen an. Kurz gesagt: Was den Körper stärkt, kann die Seele lockern. Diesen Leitsatz macht sich die Sportschule der Bundeswehr in Warendorf zu eigen. Dort trainieren in der Sporttherapie Soldatinnen und Soldaten auf das Ziel hin, sich durch den Sport zurück ins Leben zu kämpfen. Im Rehabilitationsprozess weit vorangeschrittene Kameradinnen/Kameraden können an den Invictus Games teilnehmen, die jedes Jahr an einem anderen Ort in der Welt ausgetragen werden. 2023 kommen die Spiele nach Düsseldorf in Deutschland.

Der Weg ins Programm

Es gibt keine generelle Vorhersage, wann ein Mensch nachhaltig an seine Grenze stößt. Ob nach einem Einsatz, nach einem Unfall, einer schweren Erkrankung oder einer Traumatisierung: Es werden je nach Schädigung unterschiedliche Behandlungsansätze angewandt. Voraussetzung zur Teilnahme an der Sporttherapie ist eine entsprechende Indikationsstellung durch das Zentrum für Sportmedizin der Bundeswehr, das ebenfalls seinen Sitz in der Georg-Leber-Kaserne in Warendorf hat.

Es muss nicht zwingend eine Einsatzschädigung vorliegen, denn mit einer ärztlichen Empfehlung nach Erstbegutachtung durch das Zentrum Sportmedizin können sich die Tore in das Programm auch für andere Betroffene öffnen. 

In das Programm kommen Soldatinnen oder Soldaten, die körperlich oder seelisch versehrt sind. Dabei sei es egal, ob dies durch einen Einsatz, einen Unfall oder eine Krankheit entstanden ist, erklärt Oberstarzt Dr. Andreas Lison. Als Leiter des Zentrums der Sportmedizin hat er ein medizinisch dienstlich orientiertes Rehaprogramm (MDORBw) entwickelt. „Krankheit ist nie eine Frage der Schuld, jeder hat das Recht auf eine bestmögliche Teilhabe“, betont der Oberstarzt. „Sportliche Teilhabe ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Rehabilitation.„

Spezielle Sporttherapie und Einsatz-Sporttherapie

An den Invictus Games 2022 nehmen 20 deutsche Sportlerinnen und Sportler teil. Dabei handelt es sich um 18 aktive und zwei ehemalige Soldatinnen und Soldaten. Sie werden tatkräftig von einer 15-köpfigen Mannschaft unterstützt, die aus Trainerinnen und Trainern und einem Team für die psychologische Begleitung sowie weiterem Betreuungspersonal besteht.

Bevor es zu den Spielen und überhaupt ins Trainingslager nach Warendorf geht, müssen zwei Lehrgänge absolviert werden. Die spezielle Sporttherapie dauert zwei Wochen und ist auf maximal sechs Personen begrenzt. Hier wird sehr individuell und spezifisch trainiert in den Bereichen Gesundheitssport, mentale Fitness und Entspannung. Diesen Lehrgang absolvieren alle Neulinge. Für Athletinnen und Athleten, die bereits bei den Invictus Games waren, ist eine Wiederholung des Sporttherapie-Trainings grundsätzlich möglich ist. Allerdings muss eine erneute medizinische Indikationsstellung durch das Zentrum für Sportmedizin vorliegen.

Ein weiteres Lehrgangsangebot ist die Sporttherapie nach Einsatzschädigung. Diese Therapie für bis zu 15 Personen dauert drei Wochen. Es werden ebenfalls Gesundheitssport, mentale Fitness und Entspannung praktiziert. Hinzu kommen jedoch Erlebnissport und Ernährungscoaching. Als ein spezielles Angebot im Sinne des Teambuildings werden Abendveranstaltungen auf freiwilliger Basis angeboten. Nach Ende des Trainings werden die Sportlerinnen und Sportler in einem Dreimonatsrhythmus zur Nachkontrolle des Trainingszustandes untersucht.

Ein Arzt der Bundeswehr sitzt an einem Tisch und spricht

Leiter des Zentrums für Sportmedizin der Bundeswehr: Oberstarzt Dr. Andreas Lison. Er und sein Team stellen die medizinische Rehabilitation in Warendorf sicher.

Bundeswehr/Tom Twardy

Bedeutung und Wirkweise der Sporttherapie

Die Wiedereingliederung in den Dienst sowohl innerhalb als auch außerhalb der Bundeswehr steht an oberster Stelle. In einer Atmosphäre mit geschulten Betreuerinnen und Betreuern bietet die Sporttherapie eine wesentliche Hilfe an, um eingeschränkte körperliche, psychische und soziale Funktionen zu regenerieren.

Durch pädagogische, psychologische und sozialtherapeutische Verfahren nutzt die Sporttherapie dabei die Anpassungsfähigkeit biologischer Systeme. Wissen über gesundheitsorientiertes Verhalten wird so vermittelt und eine hohe Eigenmotivation erreicht: Damit ist die Selbstwirksamkeit der Athletinnen und Athleten angesprochen. Selbstwirksamkeit bedeutet: Eine innere Überzeugung zu haben, schwierige und belastende Situationen überwinden zu können – alles aus eigener Kraft.

Dr. Andreas Lison, Oberstarzt
Behinderung entsteht nicht durch die Diagnose, sondern durch Barrieren.

Sporttherapie helfe vielen Frauen und Männern, sei aber nicht für jeden geeignet, gibt Dr. Lison zu bedenken. Es sei ein hilfreiches Mittel zur Bewältigung von Lebenskrisen, um verlorene Körperfunktionen zu verbessern und emotionales Gleichgewicht zu bekommen. Aber Sport wirke auch wie ein Medikament.

„Das kann auch unerwünschte Nebenwirkungen enthalten wie Verletzungen, Überlastungsschäden, Schmerzen oder Abhängigkeit. Sport hilft nicht immer.“ Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass Sport allein Behinderungen überwinde. „Behinderung entsteht nicht durch die Diagnose, sondern durch Barrieren.“ Und diese Barrieren müssten gemeinsam überwunden werden, daran habe die Gesellschaft teil.

Inhalte Trainingsplan: Spaß, Ausdauer und Schlafhygiene

Das Konzept der Sporttherapie sieht ein ganzheitliches, individuell angepasstes Gesundheitskonzept vor. Ruhe, Entspannung, Spaß und Spiel gehören neben dem zielgerichteten Training von Kraft, Ausdauer und Koordination ebenso dazu wie feste Abläufe.

Zusätzlich zu sportpraktischen Einheiten werden alle Soldatinnen und Soldaten truppenpsychologisch betreut und lernen unter anderem, was eine Schlafhygiene ist und wie man mit Stress umgehen kann. Mit modernsten Untersuchungsmethoden, wie sie auch bei Spitzensportlerinnen und Spitzensportlern und Spezialkräften eingesetzt werden, wird das deutsche Team behandelt.

von Lara Weyland und Amina Vieth 

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