Krieg der Technik

Krieg der Technik

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  • Bundeswehr
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Berlin
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Wenn sich Bedrohungsszenarien ändern, ändern sich auch die Werkzeuge des Militärs, um darauf zu reagieren. Welche Technologien werden die Spezialkräfte der Zukunft nutzen?

Eine US-Kampfdrohne MQ-9 Reaper steht bei Dämmerung auf einem Flugfeld

Die USUnited States-Kampfdrohne MQ-9 Reaper kann an ihren vier Außenlastträgern mit verschiedenen Raketen bewaffnet werden. Sie wird zur Luftunterstützung von Bodentruppen und für gezielte Raketenangriffe eingesetzt.

picture alliance/ZUMAPRESS.com/Tsgt. Robert Cloys

Die USUnited States-Armee entsendet 2007 im Irak erstmals drei Kampfroboter in ein Kriegsgebiet. Sie hören auf den Namen SWORDS (Special Weapons Observation Reconnaissance Detection System), werden ferngelenkt und sind mit Kamera und Maschinengewehr ausgestattet. Sie sollen die Opferzahlen senken, die die amerikanischen Special Forces im irakischen Häuserkampf zu verzeichnen haben. Ein USUnited States-General verkündet damals: Sollten in zehn Jahren weiterhin Soldaten als Erstes in Häuser reingehen müssen, hätten sie etwas falsch gemacht.

Doch das Prestigeprojekt scheitert. Der Waffenarm der Roboter macht trotz Fernsteuerung unkontrollierte Bewegungen. Ohne einen Schuss abgegeben zu haben, werden die drei SWORDS zurückgeschickt.

Leistung statt Hightech

Dass die Spezialkräfte der USUnited States-Armee heute immer noch selbst Türen aufbrechen und Häuser erstürmen, überrascht Oberst Thomas Schellhase nicht. „Spezialkräfte sind hoch mobil, ihr Vorteil ist der Überraschungsmoment“, sagt er. „Träge Kampfroboter, die aufwendig transportiert werden müssen, passen nicht in unsere Einsatzszenarien. Nur Menschen, vor allem speziell trainierte Kommandosoldaten, können im Einsatz schnell und situativ entscheiden und entsprechend handeln.“

Schellhase ist Leiter für den Bereich Weiterentwicklung beim Kommando Spezialkräfte. Er ist verantwortlich für die Entwicklung neuer Technologien und Verfahren. Wer glaubt, dass Spezialkräfte bald mit Exoskeletten und Robotertieren zum Tragen schwerer Lasten in den Einsatz gehen, den muss der Oberst enttäuschen: „Unsere Waffen, Fahrzeuge und Kommunikationsmittel verändern sich. Aber es geht in erster Linie nicht nur um Hightech, sondern um bessere Leistung, Automatisierung und Kompaktheit.“

Zukünftig erhält das KSKKommando Spezialkräfte zum Beispiel neue modulare Gefechtshelme, Bekleidung und Pistolen in verschiedenen Ausführungen. Die Ausrüstung soll leichter, kompakter, robuster und benutzerfreundlicher werden. „Hightech lässt sich bei einem Ausfall kaum ersetzen, im Gefecht hat oft das Einfache Erfolg“, erklärt Schellhase.

Ein US-amerikanischer Soldat kniet neben einem Roboter

Kampfroboter wie das USUnited States-Modell SWORDS sollen Verluste in Einsätzen reduzieren

picture-alliance/dpa/Carl Schulze
Nahaufnahme von einem Kampfroboter

Sie sind mit Kameras ausgestattet und bewaffnet, allerdings bisher noch sehr fehleranfällig

picture-alliance/dpa/Dan Herrick

Neue Einsatzszenarien

Die Bundeswehr konzentriert sich wieder verstärkt auf die Landes- und Bündnisverteidigung. Auslöser war die russische Annexion der Krim im März 2014, die der NATO ihre Defizite bei der Verteidigung ihrer Außengrenzen vor Augen führte. Als Folge richteten die Mitgliedstaaten der Allianz ihre sicherheitspolitische Agenda neu aus. Auch die Spezialkräfte sind davon betroffen.

„Die Landes- und Bündnisverteidigung wird die Struktur der Spezialkräfte, ihre Einsatzszenarien und Weiterentwicklung in Zukunft bestimmen“, sagt Oberst Martin Heidgen. Der Abteilungsleiter für Spezialoperationen im Einsatzführungskommando der Bundeswehr (EFK) identifiziert mit seinem Team neue Technologien und Konfliktszenarien für die Spezialkräfte und ihre Unterstützungskräfte.

Heidgen geht davon aus, dass sie sich vermehrt auf Near-Peer-Konflikte einstellen müssen: „Potenzielle Gegner werden uns technologisch mindestens ebenbürtig oder sogar voraus sein.“ Für die NATO Response Force 2023 stellt die Bundeswehr auch ihre Spezialkräfte bereit.

Hybride Aktionen wie Cyberangriffe, gezielte Desinformation und Diskreditierung von Entscheidungsträgern sind häufig Teil von Near-Peer-Konflikten. Russland hat bei der Annexion der Krim auf diese neue Form der Kriegführung vielfach zurückgegriffen.

Oberst Martin Heidgen, Abteilungsleiter für Spezialoperationen im EFK
So wichtig moderne Technik und Ausrüstung auch sind, am Ende ist es der Mensch, der den Erfolg der Spezialkräfte ausmacht. Erst dann kommt das Material

„Um einen möglichen Angriff abzuwehren, müssen wir uns stärker mit Informationsoperationen, Wahrheitsfindung und nichtletalen Angriffen im Cyberraum auseinandersetzen”, erklärt Heidgen.

Bereits jetzt arbeiten die Spezialkräfte der Bundeswehr eng mit dem Kommando Cyber- und Informationsraum (CIRCyber- und Informationsraum) zusammen. Dabei geht es um einen Fähigkeitstransfer. Die Spezialkräfte sollen von den Erfahrungen der Kameradinnen und Kameraden im Cyberbereich profitieren, betont Heidgen: „Es ist denkbar, dass unsere Spezialkräfte im Verteidigungsfall beispielsweise die ITInformationstechnik-Systeme eines Gegners infiltrieren, um Informationen abzugreifen oder Schadsoftware einzuspeisen.“

Im EFK läuft derzeit auch eine Strukturuntersuchung der Spezialkräfte. Es geht darum, die Prozesse und Strukturen weiter zu verbessern. Einzelheiten sind bisher nicht bekannt. Die Ergebnisse der Untersuchung werden für das kommende Jahr erwartet. „So wichtig moderne Technik und Ausrüstung auch sind, am Ende ist es der Mensch, der den Erfolg der Spezialkräfte ausmacht. Erst dann kommt das Material“, sagt Heidgen.

Soldaten sitzen in einem Raum vor Computern und großen Monitoren

Die Spezialkräfte der Bundeswehr arbeiten eng mit dem Kommando Cyber- und Informationsraum (CIRCyber- und Informationsraum) zusammen. Sie setzen auf den Erfahrungs- und Wissensaustausch, um ihre eigenen Fähigkeiten auszubauen.

picture alliance/Ulrich Baumgarten

Einsatz von Drohnen

Afghanistan 2007: Der 25. September ist ein Meilenstein der Operation Enduring Freedom. Erstmals setzt die USUnited States-Luftwaffe Kampfdrohnen vom Typ MQ-9 Reaper (englisch: Sensenmann) zur Unterstützung ihrer Spezialeinheiten am Boden ein. Mittlerweile haben viele europäische Staaten nachgezogen und MQ-9 Reaper beschafft. Die USAUnited States of America sind bei der Entwicklung unbemannter Flugobjekte inzwischen weiter.

Das aktuelle Ziel: Waffensysteme wie Kampfdrohnen so weit zu automatisieren, dass sich Mensch und Maschine gegenseitig ergänzen und ihre jeweiligen Schwächen ausgleichen. In Deutschland wird über Drohnen schon lange diskutiert. Frank Sauer, Politikwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr München, geht die Debatte nicht weit genug: „Die Argumente in der Drohnendiskussion liegen längst auf dem Tisch. Wer bereits bei Kampfdrohnen jahrelang zu keiner Entscheidung kommt, dem läuft die viel wichtigere Diskussion über automatisierte Systeme davon.“

Der Experte verweist auf einen Bericht des Bundesministeriums der Verteidigung aus dem Juli 2020. Dort heißt es, eine Bewaffnung von Drohnen entspreche der heutigen Einsatzrealität und sei dringend geboten. Die Möglichkeit, Operationen in Echtzeit zu beobachten und Bedrohungen unmittelbar abzuwehren, hat sich bewährt.

Sauer ist auf Cybersicherheit, Robotik und Künstliche Intelligenz spezialisiert. Ihm geht es darum, dass die Bundeswehr technologisch Anschluss hält und einen verantwortungsvollen Umgang mit der Technik findet. Das betrifft auch Cyberfähigkeiten. „Es geht nicht darum, in Hightech-Euphorie zu verfallen. Aber gerade bei hybriden Kriegen wird die Cybertechnologie immer wichtiger“, sagt er.

Um für künftige Einsatzszenarien gewappnet zu sein, müssen die Spezialkräfte keinen Paradigmenwechsel vollziehen. Landes- und Bündnisverteidigung war immer Teil ihres Auftrages. Bei der entsprechenden Beschaffung von Waffen, Ausrüstung und Fahrzeugen sind die Entwicklungsabteilungen gut aufgestellt.

Die Spezialkräfte gehen mit der technologischen Entwicklung, aber mit Bedacht. Nur was dazu beiträgt, ihren Auftrag zu erfüllen, kommt auch zum Einsatz. Denn unter den Experten herrscht Konsens, dass eine gewisse Zurückhaltung in Sachen Hightech sinnvoll ist. „Hochkomplexe Systeme sind immer auch verwundbar“, erklärt Sauer. „Nicht nur durch technische Ausfälle, sondern auch durch gezielte Cyberattacken des Gegners.“

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