Das KSKKommando Spezialkräfte wir reformiert

Aufgrund diverser Schlagzeilen zum Kommando Spezialkräfte wurde eine Reform des Verbands durch das Bundesministerium der Verteidigung auf den Weg gebracht. Mehr zum Thema Reformprozess der Spezialkräfte lesen Sie hier.

Ministerin Kramp-Karrenbauer und Generalinspekteur Zorn sitzen in der Bundespressekonferenz vor Publikum

Seit der Aufstellung im Jahr 1996 befindet sich das Kommando Spezialkräfte immer wieder im Umbruch. Geschaffene Strukturen müssen regelmäßig angepasst und hinterfragt werden. Zusätzlich führten Negativschlagzeilen dazu, dass das Verteidigungsministerium die Reform des Verbandes vorantrieb: Strukturen und Defizite wurden analysiert und Vorschläge zur Verbesserung entwickelt.

Der Weg zur Neuordnung: Das KSKKommando Spezialkräfte wird reformiert

Das Kommando Spezialkräfte stand in den vergangenen Jahren wiederholt in den Schlagzeilen. Ermittlungen ergaben erhebliche Missstände: Rechtsextremismus, Verstöße bei der Munitionskontrolle und eine mangelhafte Dienstaufsicht. Das Verteidigungsministerium reformierte den Verband von Grund auf.

Missstände und Skandale

Ausgangspunkt war eine Abschiedsfeier für Pascal D.* am 27. April 2017. Soldaten der 2. Kommandokompanie veranstalteten für ihren scheidenden Kompaniechef einen geschmacklosen Wettbewerb und organisierten ihm eine Escort-Dame. Ein Bestandteil des Wettbewerbes: das Werfen von Schweineköpfen, weshalb die Feier in den Medien als „Schweinekopfparty“ bekannt wird. Reporter finden zudem heraus, dass die Anwesenden Rechtsrock gehört und den Hitlergruß gezeigt haben sollen.

*Name zum Schutz des Soldaten abgekürzt.

Der MADMilitärischer Abschirmdienst hat seitdem rund 50 Verdachtsfälle von Rechtsextremismus und Reichsbürgertum im KSKKommando Spezialkräfte bearbeitet. Im Fokus: die 2. Kompanie. Die Erkenntnisse werden an zivile Behörden übergeben. Am 13. Mai 2020 finden Ermittler auf dem Grundstück von Philipp S.* im sächsischen Collm neben rechtsextremen Schriften auch Waffen und Sprengstoff.

S. gehört der 2. Kompanie an und wird Anfang 2021 zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Zuvor durfte er bereits keine Uniform mehr tragen und die Kaserne nicht betreten. Im Juni 2020 geht ein Brief im Verteidigungsministerium ein. Absender ist ein Hauptmann in Ausbildung. Er schildert rechtsextreme Umtriebe im KSKKommando Spezialkräfte und wird später Teil der Arbeitsgruppe Kommando Spezialkräfte.

*Name zum Schutz des Soldaten abgekürzt.

Eine Inventur der Bestände des KSKKommando Spezialkräfte im Dezember 2019 offenbart schwere Mängel im Umgang mit Munition. Es folgt eine interne Überprüfung der Munitionsbewirtschaftung in Calw. Die Staatsanwaltschaft Tübingen nimmt am 31. März 2021 Ermittlungen gegen den Kommandeur des KSKKommando Spezialkräfte, Brigadegeneral Markus Kreitmayr, auf. Dieser soll den Angehörigen des Verbands eine anonyme und straffreie Rückgabe von Munition ermöglicht und damit seine Dienstpflicht verletzt haben. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat zuvor disziplinarische Vorermittlungen gegen Kreitmayr eingeleitet.

Ein Statue von vier Soldaten mit Waffen im Anschlag

Ein Denkmal am Kaserneneingang in Calw zeigt einen vierköpfigen Kommandotrupp, die kleinste Kampfeinheit beim Kommando Spezialkräfte

picture alliance/dpa/Franziska Kraufmann
Nahaufnahme von Holzkisten mit Aufschrift „Handfeuerwaffen“ und „Patronen für Handfeuerwaffen“

Bei einer Inventur der Munitionsbestände werden große Defizite erkannt. Die Munitionsbewirtschaftung wird daraufhin umfassend untersucht.

picture alliance/dpa/Franziska Kraufmann

Der Reformprozess beginnt

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer setzt am 29. Mai 2020 die Arbeitsgruppe Kommando Spezialkräfte ein. Diese soll eine Struktur- und Defizitanalyse zu rechtsextremistischen Tendenzen im KSKKommando Spezialkräfte durchführen und Vorschläge entwickeln, wie Rechtsextremismus besser bekämpft und im Keim erstickt werden kann. Das Ziel: den Verband reformieren, damit es nicht mehr zu ähnlichen Vorfällen kommt. Die Arbeitsgruppe ergänzt die seit April 2017 aufgenommenen disziplinarischen Ermittlungen.

Im Verteidigungsministerium wird das Advisory Board Spezialkräfte eingerichtet, um den Prozess zu begleiten. Geleitet wird das beratende Gremium vom Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn. Die Ministerin kündigt an, im KSKKommando Spezialkräfte mit „eisernem Besen“ auszukehren, um dem öffentlichen Eindruck entgegenzuwirken, der Spezialkräfteverband führe ein gefährliches Eigenleben.

Die Arbeitsgruppe Spezialkräfte zeigt sechs Handlungsfelder beim KSKKommando Spezialkräfte auf:

  1. Strukturelle Betrachtungen
  2. Dienstaufsicht
  3. Personalgewinnung und Einstellungsverfahren
  4. Werdegänge
  5. Prävention und Resilienz
  6. Erhöhung der Reaktionsfähigkeit bei Verdachtsfällen

Geprüft werden auch Nebentätigkeiten und Vergabepraktiken im Verband. Im Abschlussbericht, den Generalinspekteur Eberhard Zorn am 9. Juni 2021 vorlegt, wird dokumentiert, dass 131 KSKKommando Spezialkräfte-Angehörige eine Genehmigung für eine Nebentätigkeit erhalten haben. Die Überprüfung ergab aber keinen Anlass für Beanstandungen oder Interessenkollisionen.

In den Fokus rückt die Kontrolle von Munition und sicherheitsempfindlichem Gerät. Der Bericht listet grobe Mängel auf: unwirksame Dienstaufsicht in der Logistik, strukturelle Defizite in der Munitionsbewirtschaftung sowie einen nachlässigen Umgang mit Vorschriften und Weisungen. Die Behebung der Defizite werde die Bundeswehr noch länger beschäftigen, heißt es.

Die sichtbarste Veränderung erfolgt bereits während des laufenden Reformprozesses. Die 2. Kompanie wird am 31. Juli 2020 aufgelöst. Seit der „Schweinekopfparty“ sind 26 Soldaten bereits entlassen oder versetzt worden. Trotzdem erweist sich die Kompanie wegen ihrer verkrusteten Strukturen als nicht mehr reformierbar. Die Arbeitsgruppe attestiert ihr eine „toxische Führungskultur“, ein fehlgeleitetes Eliteverständnis und extremistische Tendenzen. Im betreffenden Zeitraum sind 32 Soldaten neu in die Kompanie gekommen, sodass insgesamt 66 Soldaten von der Auflösung betroffen sind. Sie werden erneut überprüft und danach an anderen Stellen im KSKKommando Spezialkräfte eingesetzt.

Ministerin Kramp-Karrenbauer und Generalinspekteur Zorn sitzen nebeneinander bei einer Pressekonferenz

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und Generalinspekteur Eberhard Zorn haben im Mai 2020 eine umfangreiche Analyse des Kommando Spezialkräfte eingeleitet

picture alliance/dpa/Reuters-Pool
Drei Soldaten stehen zusammen und besprechen sich

Das KSKKommando Spezialkräfte wird reformiert, um dessen einzigartige Fähigkeiten innerhalb der Bundeswehr zu erhalten. 90 Prozent der angestoßenen Maßnahmen sind mittlerweile umgesetzt.

picture alliance/dpa/Franziska Kraufmann

Die Arbeitsgruppe identifiziert 60 Reformmaßnahmen, um den Verband besser aufzustellen. Sie beinhalten neue Strukturen und mehr Personal, um den Grundbetrieb und die Dienstaufsicht von Vorgesetzten zu verbessern. Unter anderem werden über 50 zusätzliche Dienstposten geschaffen, darunter Fachkräfte für Personal, militärische Sicherheit, Logistik und Truppenpsychologie.

Bei der Materialbewirtschaftung sollen 50 neue Dienstposten entstehen, die sich auf die Kommandokräfte, Unterstützungskräfte und den neu aufgestellten Ausbildungsstützpunkt Spezialkräfte Heer in Calw aufteilen. Zum Abschluss des Berichtes konstatiert die Arbeitsgruppe, dass 90 Prozent der Maßnahmen bereits umgesetzt sind. Einige davon bräuchten aber eine mittelfristige Begleitung und eventuelle Nachjustierung.

Die Ausbildung der Kommandosoldaten findet zukünftig am Ausbildungsstützpunkt Spezialkräfte Heer in Calw statt. Dieser ist der Infanterieschule des Heeres in Hammelburg unterstellt. Das zugrunde liegende Potenzialfeststellungsverfahren ist von zehn auf zwölf Wochen verlängert worden. Hintergrund sind inhaltliche Anpassungen und eine stärkere Einbindung der Truppenpsychologie.

Außerdem ändern sich die Werdegänge der KSKKommando Spezialkräfte-Angehörigen: Für ausgewählte Dienstposten, vor allem Führungspositionen, ist nun mindestens eine Vorverwendung in einer anderen Dienststelle notwendig. Hinzu kommt die verpflichtende Teilnahme an Lehrgängen. Offiziere und Feldwebel in Schlüsselpositionen müssen außerdem stärker rotieren und dürfen nur noch drei beziehungsweise fünf Jahre in ihrer Funktion bleiben.

Am 14. Juni 2021 besuchen die Ministerin und der Generalinspekteur Eberhard Zorn den Verband, um sich davon zu überzeugen, dass ein positiver Wandel eingesetzt hat und die KSKKommando Spezialkräfte-Angehörigen die Reformen mittragen. Annegret Kramp-Karrenbauer unterstreicht, die große Mehrheit stehe fest auf dem Boden der demokratischen Ordnung: „Geht der Verband den eingeschlagenen Weg konsequent weiter, wird er auch künftig ein strategisches Instrument der Sicherheitsvorsorge im nationalen Rahmen und im Verbund mit unseren Partnern sein.“

Deutschland brauche die einzigartigen Fähigkeiten des KSKKommando Spezialkräfte, sagt sie tags darauf im Bundestag. Zorn spricht von einer „faktischen Neuaufstellung“, um den Verband zu erhalten. Das Advisory Board werde den Reformprozess weiterhin begleiten. Brigadegeneral Markus Kreitmayr verlässt das KSKKommando Spezialkräfte turnusmäßig im September 2021. Neuer Kommandeur wird Brigadegeneral Ansgar Meyer.

Aktuelle Meldungen

Die neuesten Beiträge zum Kommando Spezialkräfte – zu Übungen, Ausbildung, Veränderungen und vieles mehr finden Sie hier.

4 Fragen an

Leutnant, Kommando Spezialkräfte

Porträt von einem Soldaten mit Tuch im Gesicht und rotem Barett
Bundeswehr/Jana Neumann

Wie ist die Stimmung beim KSKKommando Spezialkräfte angesichts der zu untersuchenden Vorfälle?

Das kann ich nicht pauschal für alle Angehörigen des KSK beantworten. Aber generell haben wir eine sehr hohe Identifikation mit unserem Verband. Dass unsere Einheit als Ganzes in Frage gestellt wurde, hat viele von uns verletzt. Auch mich. Die Debatte hat schon das Potenzial, Menschen zu frustrieren, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung immer verteidigt haben. So etwas hinterlässt Spuren.

Porträt von einem Soldaten mit Tuch im Gesicht und rotem Barett

Ist das öffentliche Bild berechtigt? Es gibt seit jahren immer wieder kritische Fälle beim KSKKommando Spezialkräfte.

Es sind Dinge geschehen, die nicht hinnehmbar sind. Diese Vorfälle müssen sauber aufgearbeitet und geahndet werden. Darüber herrscht hier Konsens. Allerdings geht es jeweils um das konkrete Fehlverhalten Einzelner. Auf dieser Basis den Verband und alle seine Angehörigen mit zu verurteilen, wäre nicht in Ordnung.

Porträt von einem Soldaten mit Tuch im Gesicht und rotem Barett

Teil des öffentlichen Bildes ist auch ein ausgeprägtes Eliteverständnis beim KSKKommando Spezialkräfte, abgehoben vom Rest der Bundeswehr.

Wir sind Soldaten der Bundeswehr und wollen auch nichts anderes sein. Aber wir sind unkonventionell im besten Sinne. Als Kommandosoldaten sind wir gut ausgebildet und hoch motiviert. Nicht als Selbstzweck, sondern weil unsere Missionen das erfordern. Und natürlich unterliegen unsere Einsätze in der Regel der Geheinmhaltung. Das mag auf Außenstehende seltsam wirken, ist aber eine Frage der Sicherheit und hat nichts mit Arroganz zu tun.

Porträt von einem Soldaten mit Tuch im Gesicht und rotem Barett

Wie werden die Reformen das KSKKommando Spezialkräfte verändern?

Nach der loyalen Umsetzung der Maßnahmen werden wir eine Konsolidierungsphase brauchen. Mittelfristig muss es eine ehrliche Bewertung der Effekte geben. Außerdem ist künftig mehr Transparenz nötig, auch wenn das aus Gründen der Sicherheit bei Spezialkräften immer ein Balanceakt bleiben wird.

Porträt von einem Soldaten mit Tuch im Gesicht und rotem Barett

Extremismus in der Bundeswehr

Alle Angehörigen der Bundeswehr verpflichten sich per Gelöbnis oder Eid dem Grundgesetz und den Grundwerten der Bundesrepublik Deutschland. Denn die Bundeswehr will keine Extremisten in ihren Reihen.

Angetretene Soldaten vor dem Reichstagsgebäude