„Es ist kein Zeichen von Schwäche, zum Psychologen zu gehen“

„Es ist kein Zeichen von Schwäche, zum Psychologen zu gehen“

  • Kommando Spezialkräfte
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
5 MIN

Der extreme Leistungsdruck beim KSKKommando Spezialkräfte ist für die Soldaten eine hohe seelische Belastung. Eine gute psychologische Begleitung ist daher für Spezialkräfte unerlässlich. Beim KSKKommando Spezialkräfte kümmert sich das Team von Dr. Jörn Ullmann* um die Kommandosoldaten.

Ein Mann sitzt hinter einer Scheibe

Diplompsychologe Dr. Jörn Ullmann (48) ist der Leitende Truppenpsychologe beim KSKKommando Spezialkräfte und führt mittlerweile führt ein Team von acht Frauen und Männern

Bundeswehr/Jana Neumann

Diplompsychologe Dr. Jörn Ullmann (48) ist der Leitende Truppenpsychologe beim KSKKommando Spezialkräfte. Er ist seit dem Jahr 2000 bei der Bundeswehr und arbeitet mit Unterbrechungen seit 2004 am Standort in Calw.

Wozu braucht das KSKKommando Spezialkräfte Truppenpsychologinnen und -psychologen?

Unser Auftrag umfasst zwei wesentliche Säulen. Wir betreuen unsere Kommandosoldaten in jeder Lebenslage – hier am Standort oder auch im Einsatz. Außerdem begleiten wir den Prozess der Personalgewinnung. Das heißt, wir testen die Anwärterinnen und Anwärter im Potenzialfeststellungsverfahren.

Wie funktioniert die psychologische Betreuung für Kommandosoldaten im Alltag?

Die Männer können jederzeit ohne Termin zu uns kommen. Wer sich unwohl fühlt, bekommt sehr schnell ein Gespräch – unter vier Augen und ohne Vorgesetzte. Der extreme Leistungsdruck beim KSKKommando Spezialkräfte setzt den Soldaten seelisch zu. Die Kommandosoldaten funktionieren trotzdem sehr lange. Bei der Truppenpsychologie arbeiten wir daran, dass die Leute zu uns kommen, bevor sie Symptome entwickeln. Da haben wir in den vergangenen Jahren Hemmschwellen abbauen können: Es ist kein Zeichen von Schwäche, zum Psychologen zu gehen.

Und wenn einer trotz Problemen nicht zu Ihnen kommt?

Das gibt es nicht. Alle 18 Monate unterzieht sich jeder Kommandosoldat einem Screening. Das können Sie sich wie einen TÜV für den Kopf vorstellen. Wir schauen uns die Leute genau an und prüfen sie auf bestimmte Symptome. Dabei stellen wir fest, ob jemand kurz vor Rot oder schon darüber ist. Dann ist der betreffende Soldat nicht mehr einsatzbereit. Solche Untersuchungen sind vertraulich und werden von Beratungsangeboten und Coaching flankiert. Härtere Fälle schicken wir zur Behandlung zum Truppenarzt oder zur Psychiaterin bei uns am Standort.

Was sind nach Ihrer Erfahrung die häufigsten Ursachen für psychologische Probleme?

Das KSKKommando Spezialkräfte ist naturgemäß sehr kompetitiv. Es findet also eine Art Wettbewerb zwischen den Soldaten statt. Das kann bei den Kommandokräften Probleme verursachen, etwa wenn sie nach Verletzungen nicht so schnell wie gewünscht ihr gewohntes Leistungsniveau erreichen. Natürlich sehen wir nach Auslandseinsätzen auch einsatzbedingte Störungen. Und der hohe persönliche Einsatz birgt stets Konfliktpotenzial in den Familien der Soldaten. Wenn es zu Hause nicht rundläuft, wirkt sich das auf die Psyche aus. Oft sind es auch Kombinationen der beschriebenen Faktoren.

Ein Mann steht neben einem Soldaten, der vor einem Computer sitzt, und zeigt ihm einen Zettel

Der psychologische Eignungstest prüft die geistigen Fähigkeiten der Teilnehmenden – auch nach starker körperlicher Beanspruchung

Bundeswehr/Jana Neumann

Welche Rolle spielt Ihr Team bei der Personalgewinnung?

Wir begleiten den gesamten Prozess sehr eng. Das beginnt beim Eignungstest und setzt sich über verschiedene Stationen im Potenzialfeststellungsverfahren fort. Dasselbe gilt für die zehnwöchige Vorbereitung auf die „Höllenwoche“. Unsere Psychologinnen und Psychologen sind in Hammelburg die ganze Zeit vor Ort und stehen in engem Kontakt mit den Observer Controllern, also den erfahrenen Kommandosoldaten, die den ganzen Prozess begleiten. So machen sie sich ein umfassendes Bild vom Wertekanon und dem Charakter der Anwärterinnen und Anwärter. Niemand kann sich wochenlang verstellen.

Dr. Jörn Ullmann, Truppenpsychologe beim KSK
Unsere Psychologinnen und Psychologen sind in Hammelburg die ganze Zeit vor Ort. Niemand kann sich wochenlang verstellen.

 
Wie läuft der psychologische Eignungstest ab?

Der Test besteht aus verschiedenen Elementen, überwiegend computergestützte Tests, die sich dem Leistungsniveau der Teilnehmenden anpassen. Es geht um logisches Verständnis, Konzentration und die Fähigkeit, unter Zeitdruck und trotz physischer Erschöpfung strukturiert zu arbeiten. Deswegen schicken wir die Anwärterinnen und Anwärter gern aus einer körperlichen Stressphase heraus an die Rechner.

Achten Sie auch auf extremistisches Gedankengut?

Natürlich. Im Eignungstest screenen wir die Leute unter anderem auf Verhaltensauffälligkeiten, Extremismusneigung und Delinquenz, also die Neigung, rechtliche Grenzen zu überschreiten. Die Ergebnisse unterliegen der Schweigepflicht, fließen jedoch in ein Persönlichkeitsprofil ein, das wir während eines jeden Potenzialfeststellungsverfahrens routinemäßig von allen Teilnehmenden erstellen. Bei Auffälligkeiten wird der betreffenden Person regelmäßig die charakterliche Eignung fehlen. Solche Verdachtsfälle sind aber sehr selten, weil die Leute bei uns zumeist sozial erwünscht handeln. Die würden sich also mit entsprechenden Äußerungen zurückhalten. Das Herausfiltern von Extremisten ist auch nicht eine primäre Aufgabe der Psychologen. Dafür ist der Militärische Abschirmdienst (MADMilitärischer Abschirmdienst) zuständig.

Welche charakterlichen Merkmale müssen die Kommandosoldaten aufweisen?

Intelligent, belastbar, mutig und vieles mehr. Wir brauchen starke, in jeder Hinsicht gefestigte Persönlichkeiten, die unter Stress und Lebensgefahr komplexe Aufträge erfüllen können. Kommandosoldaten müssen selbstbewusst, entschlossen und teamfähig sein. Früher hatten wir 32 verschiedene Eignungsmerkmale. In den vergangenen Jahren haben wir uns bei der GSGGrenzschutzgruppe 9 und den Spezialkräften verbündeter Nationen, wie den Amerikanern und Briten, umgesehen. Jetzt konzentrieren wir uns auf 13 Merkmale.

Soldaten mit Helmen und Fallschirmrucksäcken laufen zu einem Hubschrauber vom Typ H145M

Die Gefahren in den Einsätzen, häufige Einsätze, fordernde Ausbildungen und Übungen, hoher Leistungsdruck und vieles mehr können den Kommandosoldaten Probleme bereiten. Die hilft das Team um Dr. Jörn Ullmann* vermeiden und lösen.

Bundeswehr/Maximilian Schulz
Zwei Soldaten kämpfen miteinander

Nicht nur die körperlichen Belastungen sind für die Angehörigen des KSKKommando Spezialkräfte enorm. Auch psychisch stehen sie unter hohem Druck.

Bundeswehr/Jana Neumann

Wohin haben sich die Schwerpunkte verschoben?

Die Aufträge und die Mittel zu ihrer Erfüllung wandeln sich. Die Lagen sind schneller, digitaler und komplexer geworden. Bei der GSGGrenzschutzgruppe 9 wird inzwischen neben sozialer Intelligenz ganz stark auf Wahrnehmung, die Fähigkeit zum Fokussieren und Raumrichtungsdenken, also eine Art 3D-Raumblick, geachtet. Das ist auch unser Ansatz. Allgemein kann man sagen, dass der berühmte Muskel zwischen den Ohren wichtiger geworden ist.

Wer entscheidet letzten Endes über die psychologische Eignung eines Teilnehmenden am Auswahlprozess?

Ein gemischtes Expertengremium. Für die finale Bewertung richten wir eine psychologische Auswahlkonferenz ein. Der gehören neben unserem Stammpersonal auch externe Bundeswehrpsychologinnen und -psychologen an. So stellen wir sicher, dass keine Betriebsblindheit entsteht.

Wie ist das alles personell zu bewältigen?

Unser Team ist inzwischen sehr ordentlich aufgestellt. Im Zuge des 60-Punkte-Reformprogramms haben wir zwei Psychologenstellen dazubekommen. Damit sind wir nun zu fünft. Zwei kümmern sich jetzt primär um die Personalgewinnung. Außerdem haben wir zwei Testleiter und einen Truppenpsychologiefeldwebel, der selbst Kommandosoldat ist und als Vertrauensperson für die Kommandos dient. Und seit Anfang April dieses Jahres haben wir auch eine Psychiaterin im Rang einer Oberfeldärztin am Standort. Damit wurde
eine Fähigkeitslücke geschlossen. Eine besondere Rolle nehmen noch unsere Peers ein.

Und die wäre?

Das Peers-System haben wir von den Amerikanern übernommen. Peer ist der englische Ausdruck für eine Person, die aus derselben Gruppe kommt. Die Vorschläge für die Peers kommen aus den Reihen der Kommandosoldaten, wobei der Dienstgrad egal ist. Die Peers erhalten eine spezielle psychologische Ausbildung in Koblenz und Fürstenfeldbruck. Jede Kommandokompanie hat mindestens zwei Peers, die jederzeit auf uns Psychologen zukommen können. Wir verstehen das als ein niedrigschwelliges Angebot für psychologische Betreuung. Gerade im Einsatz hat sich das gut bewährt.


* Name zum Schutz der Person geändert.

von Markus Tiedke
Das Cover vom Y-Magazin mit Foto von einer olivgrünen Sturmhaube mit Schriftzug „Spezialkräfte“ hinter der Augenöffnung

Neues Y-Spezial ist da

Das Spezial dreht sich um ein Thema: Spezialkräfte