Seine Arbeit verbindet die Vergangenheit der Fernmelde-, Aufklärungs- und Informationsverbände, die Aufgaben der heutigen Teilstreitkraft Cyber- und Informationsraum und die Herausforderungen, vor denen die Bundeswehr künftig stehen wird. Historiker Sven Deppisch meint: Wer weiß, woher er kommt, kann besser verstehen, wo er steht und wohin er gehen muss.
Historiker Sven Deppisch: Gerade CIR müsse sich bewusst werden, was den eigenen Bereich im Vergleich zu anderen Teilstreitkräften und Organisationsbereichen ausmacht
Bundeswehr/Maximilian Bosse
Kabeltrommeln, Karten und Laptops wirken auf den ersten Blick weniger spektakulär als Panzer, Flugzeuge oder Schiffe. Doch für Dr. Sven Deppisch, den Historiker des Kommandos Cyber- und Informationsraum (KdoCIR), steht fest: „Ohne uns geht nichts.“ Information sei der Schlüssel zum Erfolg von Streitkräften – heute ebenso wie in der Vergangenheit. Seine Aufgabe sei es, diese Geschichte sichtbar zu machen und daraus Orientierung für die Gegenwart und Zukunft der noch jungen Teilstreitkraft Cyber- und Informationsraum (CIR) der Bundeswehr zu gewinnen.
Sven Deppisch studierte in München Geschichte und Politikwissenschaften. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit der Offizierausbildung der Ordnungspolizei im Nationalsozialismus. Aus der Arbeit entstand das Buch „Täter auf der Schulbank“, das sich schnell zu einem Bestseller der Geschichtswissenschaft entwickelte. Anschließend gab er sein Wissen in der Ausbildung angehender Kommissarinnen und Kommissare der bayerischen Polizei weiter. Von 2018 an war er als Lehrbeauftragter an drei Standorten der Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern tätig.
Ein Wechsel, der sich richtig anfühlte
Im Oktober 2023 wechselte er an das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr nach Potsdam. Dort arbeitete er zwei Jahre lang in einem Zeitzeugenprojekt. „Für mich war der Wechsel zur Bundeswehr goldrichtig“, sagt Deppisch. Als die befristete Tätigkeit auslief, suchte er nach einer neuen wissenschaftlichen Perspektive. Die ausgeschriebene Stelle als Historiker des KdoCIR sprach ihn sofort an. Seit November 2025 arbeitet er in Bonn.
Besonders beeindruckt ihn die Kameradschaft, die ihm bei der Bundeswehr entgegengebracht wird. Seine Kolleginnen und Kollegen hätten ihm „von Anfang an das Gefühl gegeben, dazuzugehören. Das macht die Arbeit in der Bundeswehr für mich so besonders.“
Geschichte handelt von Menschen
Sein Interesse an der Militärgeschichte begann bereits während der Schulzeit. Was den Historiker daran fasziniert, ist jedoch nicht allein die Geschichte von Kriegen und Konflikten. „Wer sich mit Militärgeschichte beschäftigt, lernt vor allem etwas über Menschen“, sagt er. Es gehe um ihre „Entscheidungen, Bedürfnisse, Sehnsüchte und Nöte“ ebenso wie um ihre Ziele und die technischen sowie organisatorischen Mittel, mit denen sie diese erreichen wollten.
Gerade diese Verbindung von menschlichem Handeln, politischen Rahmenbedingungen und technischen Entwicklungen prägt seinen Blick auf den Cyber- und Informationsraum. Wer forscht, müsse lernen, die entscheidenden Fragen zu stellen und sich schnell in neue Themenfelder einzuarbeiten. Zugleich gelte es, „dabei das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren“. Fähigkeiten, die ihm heute bei seiner Arbeit im KdoCIR zugutekommen.
Bildung, Tradition und Sammlung
Im Referat Innere Führung ist sein Aufgabenfeld breit gefächert. „Langweilig wird es bei uns nie“, sagt der Militärhistoriker. Gemeinsam mit seinem Team organisiert er die Vortragsreihe „Cyber- und Informationsraum Bildung“, kurz CIRBil, die mehrmals im Jahr stattfindet. Diese Reihe widmet sich politischen und historischen Themen, zu denen Referenten eingeladen werden, und richtet sich vorwiegend an Angehörige des KdoCIR. Als Traditionsbeauftragter ist er Ansprechpartner für Fragen der Traditionspflege. Als Sammlungsbeauftragter hat Deppisch außerdem die Fachaufsicht über derzeit fünf militärgeschichtliche Sammlungen und eine regionale Ausstellung.
Darüber hinaus begleitet der 44-Jährige größere Sonderprojekte. Dazu gehören der „Raum der Stille“ im KdoCIR und das geplante Ehrenmal der TSK CIR als Orte des Gedenkens für die Ehrung und Wertschätzung der verstorbenen CIR-Soldatinnen und Soldaten. Seine Arbeit lebt dabei vom Austausch mit den Menschen, die von diesen Projekten betroffen sind – innerhalb des KdoCIR, in anderen Dienststellen der Teilstreitkraft und darüber hinaus.
Besonders wichtig sind ihm Persönlichkeitsbildung, Erinnerungskultur und Traditionspflege. Das mag bei einer jungen Teilstreitkraft zunächst ungewöhnlich erscheinen. Doch gerade CIR müsse sich bewusst werden, was den eigenen Bereich im Vergleich zu anderen Teilstreitkräften und Organisationsbereichen ausmacht. „Der Blick zurück in die Militärgeschichte kann hierfür wertvolle Antworten liefern“, betont er. Sein langfristiges Ziel: dazu beizutragen, dass CIR „nach und nach zu einer eigenen Identität gelangt“.
Die Wurzeln reichen weit zurück
2017 wurde CIR als Organisationsbereich aufgestellt und besteht erst seit 2024 als Teilzeitkraft. Seine organisatorischen Wurzeln reichen jedoch deutlich weiter zurück. Bereits 1867 wurde in Preußen die erste Feldtelegrafenabteilung aufgestellt – ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung der modernen Fernmeldetruppe. Elektronische Kampfführung und Operative Kommunikation gewannen insbesondere im Kalten Krieg große Bedeutung. Auch militärisches Nachrichtenwesen, Kartenmaterial und Geodaten waren zu allen Zeiten entscheidend für das Geschehen auf dem Gefechtsfeld.
Diese Entwicklungslinien will der Militärhistoriker stärker ins Bewusstsein rücken. Die Geschichte von CIR sei bislang nicht so gründlich erforscht worden wie die anderer Teile der Streitkräfte. Er freue sich auf die Arbeit in Archiven, sich „durch Aktenberge zu wühlen“ und Zeitzeugen zu befragen. Viele Geschichten müssten erst noch ans Licht gebracht werden. Gleichzeitig gehe es darum, „die Weichen für die künftige Geschichtsschreibung von CIR zu stellen“.
Aus der Vergangenheit für heute lernen
Militärgeschichte ist für Sven Deppisch mehr als Erinnerung. Sie hilft, den eigenen Standort zu bestimmen und die Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen zu verstehen. „Nur wenn wir über den Tellerrand blicken, wissen wir, wo genau wir stehen“, sagt er. Vor allem aber kann sie praktisches Wissen für die Gegenwart bewahren.
Mit Sorge beobachtet der Historiker, dass in der Bundeswehr viel Wissen über Arbeits- und Vorgehensweisen aus der Zeit des Kalten Krieges verloren gegangen ist. Für das operative Tagesgeschäft von heute könne dieses Wissen jedoch von großer Bedeutung sein. Deshalb möchte er Quellen erschließen, Erfahrungen sichern und historische Zusammenhänge für die Gegenwart und Zukunft nutzbar machen. Er werbe deshalb „unermüdlich dafür, wie wichtig es für uns ist, aus der Vergangenheit zu lernen, um kriegstüchtig zu werden“.
Drei Fragen an den Militärhistoriker
Martina Pump
Was mögen Sie an Ihrem Beruf am meisten?
Dr. Sven Deppisch
Es ist ein sehr abwechslungsreicher Beruf, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verknüpft. Als Historiker blicke ich berufsbedingt zurück in die Geschichte. Ich versuche aber im Hier und Jetzt – auch mit Blick auf die Zukunft – Maßnahmen umzusetzen, die letztendlich etwas bewirken sollen im KdoCIR, in der Teilstreitkraft CIR und in der gesamten Bundeswehr.
Ein wichtiges Thema ist hier die Identitäts- und Traditionsstiftung von CIR. Dabei geht es zum Beispiel um Maßnahmen zur Persönlichkeitsbildung, aber auch darum, ein Bewusstsein zu schaffen, warum Militärgeschichte ganz wichtig ist. Warum es sich gerade auch für uns lohnt, in die Vergangenheit zurückzublicken. Ein Gespür dafür zu entwickeln, dass die Geschichte des CIR nicht 2024 oder 2017 begonnen hat, sondern dass wir durch die Vorgängerinstitutionen und Truppenteile eine deutlich längere Vergangenheit haben. Dieses Potpourri an Aufgaben macht meine Arbeit so reizvoll.
Martina Pump
Welches sind die größten Herausforderungen in Ihrem Job?
Für mich persönlich ist es eine Herausforderung, dass ich keinen militärischen Hintergrund habe und viele Aspekte der Bundeswehr nur aus Büchern kenne. Es gibt eben immer wieder neue Dinge, auf die ich stoße: Ich lerne jeden Tag etwas Neues dazu. Gerade das macht es aber auch spannend.
Dr. Sven Deppisch
Herausfordernd ist es auch, Dinge für das CIR zu etablieren, die in anderen Teilstreitkräften ganz normal sind und sich schon eingespielt haben. Im CIR interpretieren wir das in vielen Fällen neu. Die größte Aufgabe ist es, dies alles in Maßnahmen für die Identitäts- und Traditionsstiftung im CIR umzusetzen.
Martina Pump
Wie haben Sie den Schritt von der zivilen Wissenschaft in die Bundeswehr erlebt?
Dr. Sven Deppisch
Da ich zuvor in der Ausbildung von Polizisten tätig war, hatte ich bereits sehr gute Erfahrungen im Umgang mit Uniformierten gesammelt. Insofern war es für mich keine große Umstellung, als ich zur Bundeswehr kam. Leicht gemacht haben es mir außerdem die Kameradinnen und Kameraden, mit denen ich seitdem zu tun habe. Nur an die Bürokratie in der Bundeswehr werde ich mich wohl nie so recht gewöhnen.