Heer

Der Wille entscheidet

Der Wille entscheidet

  • Spezialkräfte
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Datum:
Ort:
Calw
Lesedauer:
7 MIN

Kaum eine Verwendung in der Truppe ist körperlich und psychisch so anspruchsvoll wie die der Kommandosoldaten. Mit einem neuen Ansatz arbeitet das Kommando Spezialkräfte in Calw daran, seine Einsatzbereitschaft langfristig zu sichern.

Ein Soldat in Gefechtsuniform hält seine Hände mit Boxhandschuhen vor sein Gesicht.

Hohe Schlagkraft: Kommandosoldaten trainieren wie Spitzensportler. Um ihre Leistung immer weiter zu steigern, arbeiten sie täglich hart an sich.

Bundeswehr/Jana Neumann

Kommandosoldaten sind wie Spitzensportler, die sich auf Olympia vorbereiten. Nur, dass sie nicht wissen, in welcher Einzeldisziplin sie antreten werden. Am Ende müssen sie Experten auf vielen Gebieten sein“, sagt Oberfeldarzt Jens Freydank*. Er ist seit Oktober 2016 Kommandoarzt in Calw und eben auf dem Sprung in die nächs­te Verwendung. Freydank berät den Kommandeur des Kommandos Spezialkräfte (KSKKommando Spezialkräfte) in Fachfragen. Außerdem ist er für die Weiterentwicklung der medizinischen Betreuung zuständig. Besonderes Augenmerk liegt hier auf der Einsatzbereitschaft der Männer und Frauen. Der Facharzt für Unfallchirurgie und Orthopädie kennt die Sorgen der Kommandosoldaten gut. In der Regel sind sie mehr als 200 Tage im Jahr unterwegs. Übungen, Lehrgänge und Einsätze wechseln einander ab. Lange Tren­nungen von den Familien sind normal. Hinzu kommt der körperlich fordernde Dienst, der mit den Jahren an der Substanz zehrt. Nicht wenige aktive und frühere Kommandosoldaten leiden zudem einsatzbedingt an posttraumatischen Belastungsstörungen.

Die Maxime: optimieren und schonen

Vier bewaffnete Soldaten stehen hintereinander mit Waffen im Anschlag.

Die komplexen Aufträge von Spezialkräften erfordern Teamwork. In einer Trainingshalle üben sie das Vorrücken im Trupp.

Bundeswehr/Jana Neumann

„In den Jahren seit der Aufstellung des KSKKommando Spezialkräfte wurden die Anforderungen an unseren Nachwuchs nie gesenkt“, sagt Freydank. „Auch der Auftrag ist gleichgeblieben, der Dienst entbehrungsreich und gefährlich.“ Nur wenige Kandidaten seien geeignet, die personelle Basis ist daher schmal. „Für uns heißt das, dass wir mit unseren Ressourcen haushalten müssen: Die Jungen gezielt fördern und die erfahrenen Leute möglichst lange halten. Dabei hilft uns HPO.“ Die Abkürzung steht für Human Performance Optimization, also eine Leistungsoptimierung beim Menschen. Das Prinzip wird seit einigen Jahren sowohl von verbündeten Spezialkräften als auch von erfolgreichen Sportvereinen angewandt. Der Kommandoarzt hat sich dafür eingesetzt, HPO auch in Calw zu implementieren. „Im Kern geht es um Nachhaltigkeit. Um einen gesamtheitlichen Ansatz, der auf den Gleichklang von Körper, Geist und Seele abzielt“, sagt Freydank.

Gleichgewicht statt Raubbau

Ein Soldat in Sportanzug steht auf einem Bein auf einer Fitnessmatte.

Trotz hoher Belastung im Alltag erhalten, verbessern und rekonstruieren die Spezialisten ihre Leistung durch den Gleichklang von Körper, Geist und Seele.

Bundeswehr/Jana Neumann

Der Arzt formuliert vier Hauptziele: die Leistung der Soldatinnen und Soldaten auf allen Gebieten optimieren, diese Leistungsfähigkeit möglichst lange erhalten, Verletzungen, so gut es geht, vermeiden und schließlich die Kommandosoldaten nach Verletzungen so schnell wie möglich wieder fit machen. „Dazu müssen wir eine Umgebung schaffen, in der unsere Soldaten die bestmögliche Unterstützung erhalten.“ Zugleich seien sie selbst gefragt, ihr Verhalten nach Kräften zu professionalisieren. Schlafhygiene, die richtige Ernährung oder angemessene Ruhephasen nach dem Training sind nur einige Beispiele. Das könne ein schwieriger Spagat für die Männer und Frauen sein, räumt Freydank ein. Die Sinnhaftigkeit des Verzichts auf Tabak oder Energiedrinks sei noch klar zu vermitteln. „Aber die Bereitschaft, sich selbst körperlich immer wieder an die Grenze zu bringen, gehört hier in Calw zur DNA. Und das kann irgendwann in Raubbau am eigenen Körper ausarten. Manchmal müssen wir die Leute vor sich selbst schützen.“ Allerdings sieht Freydank bereits Fortschritte: „Wir stoßen ein Umdenken an und zeigen den Kommandosoldaten, wie sie besser werden können. Das Mindset der Leute stimmt und die Motivation ist bei uns kein Problem.“

Volles Programm im hochmodernen Fitnessbereich

Ein Soldat in Sportanzug stemmt im Sportraum stehend eine schwere Langhantel.

Körperliche Fitness ist ein absolutes Muss. In der Halle trainieren die Soldaten unter Anleitung von Profis und nach wissenschaftlichen Methoden.

Bundeswehr/Jana Neumann

Die 2020 am Standort in Calw fertiggestellte Multifunktionale Trainingshalle (MFTH) ist groß. Die Halle lässt sich grob in drei Bereiche unterteilen: ein hochmodernes Gym mit angeschlossenem Labor für Leistungsdiagnostik und Analyse, ein Bereich für militärischen Nahkampf sowie eine Schwimmhalle für die amphibische Ausbildung. Zusätzlich stehen Bereiche für Reha-Maßnahmen und zur Erholung zur Verfügung. Im Fitnessbereich kümmern sich drei Sportlehrer um die körperliche Verfassung der Kommandos.

„Die Teilnahme an HPO ist freiwillig. Aber der Zuspruch ist hoch“, sagt Trainer Michael Grothe. „Zunächst führen wir eine detaillierte Leistungsdiagnostik durch. Dabei werden verschiedene Leistungsbereiche analysiert“, erklärt er. „Hierbei geht es um Schnellkraft, Ausdauer, Maximalkraft und Agilität. Das liefert uns objektive Ergebnisse und einen Datensatz, der als Basis für spätere Vergleiche geeignet ist.“ Sollten sich Kommandosoldaten etwa verletzen, können ihnen die Sportlehrer genau zeigen, wo ihr Leistungsniveau zuvor gelegen hat und gezielter in die Reha starten. Nach der Analyse werden die Trainingspläne optimiert. Sie werden nach Zyklen von 18 Monaten aufgestellt, wobei jeweils verschiedene Schwerpunkte gesetzt werden. „Kommandosoldaten sind auch nur Menschen. Ausdauertypen gehen gern laufen und Pumper gehen unters Eisen. Aber wir brauchen Generalisten. Darauf stimmen wir das Training ab.“ Außerdem können die Übungspläne an die Auftrags­profile für anstehende Missionen angepasst werden, so Grothe.

Neben diesem Ansatz für die Ausschöpfung des körperlichen Leistungspotenzials werden auch Hilfestellungen im psychologischen Bereich angeboten. Unterstützung bei der Fokussierung und Stressbewältigung oder bei der Verbesserung der Resilienz sind nur einige Beispiele. Oder wie Oberfeldarzt Freydank es ausdrückt: „Wir tun alles für den Erhalt und die stetige Verbesserung des Waffensystems Kommandosoldat. Und wir werden immer besser.“ Die Kommandosoldaten müssen bei belastenden Einsatzerlebnissen Hilfe finden, ohne dass Scham oder falscher Stolz ihnen im Weg stehen. Hierfür würden gerade neue Angebote geschaffen, um professionelle Hilfe ohne Hürden zugänglich zu machen, sagt Freydank.

Unabhängig von Wetter und Helikopter

Vier bewaffnete Soldaten in Uniform und ein Hund hocken am Rand eines Schwimmbeckens.

Für das amphibische Training können im Wasserbecken auch Wellengang und Gefechtslärm simuliert werden.

Bundeswehr/Jana Neumann

Besuch im amphibischen Trainingsbereich: Dieser Teil der Multifunktionalen Trainingshalle mutet zunächst wie eine normale Schwimmhalle mit Sprungturm an. Bei einer Bahn von 25 Meter Länge und 15 Meter Breite kommen 375 Quadratmeter Fläche zusammen. Bis zu sechs Meter ist das Becken tief, das reicht selbst für Sprünge vom Fünfmeterturm mit voller Ausrüstung. Oberstabsfeldwebel Eric Geyer ist der Beauftragte für amphibische Operationen beim KSKKommando Spezialkräfte und somit der verantwortliche Hauptnutzer der Halle. „Wir sind zwar keine Kampfschwimmer, aber eine Mission kann für die Operateure jederzeit die Infiltration über das Wasser erforderlich machen. Dazu haben wir hier perfekte Übungsvoraussetzungen“, sagt er.

Gerade ist hinter ihm ein Team von vier Kommandosoldaten auf den Sprungturm ge­klettert. Von dort lassen die Männer auf Geyers Kommando ein zusammengerolltes Schlauchboot auf das Wasser klatschen und springen hinterher. Im Becken wird das Boot dann binnen kurzer Zeit mithilfe einer Pressluftflasche entfaltet und von Soldaten besetzt werden. „So üben wir in der Halle zum Beispiel das Absetzen eines Teams vom Hubschrauber ins Wasser“, erklärt der Oberstabsfeldwebel. Mit der realen Situation im Freiwasser sei das zwar nicht zu vergleichen. Aber in der Halle bleibe ausreichend Zeit, die Basishandgriffe für den Aufbau des Boots drillmäßig zu üben. „Das wäre sonst in der Natur nicht durchführbar. Hier sind wir rund um die Uhr unabhängig von der Witterung und Hubschrauberflugstunden. Verfeinert und perfektioniert wird dann draußen.“ Hilfreich ist, dass in der Halle – fast wie im Spaßbad – auch Wellengang simuliert werden kann. Zum Planschen haben die Kommandosoldaten allerdings keine Zeit. Sie sind nicht zum Spaß hier. Ihr Übungsplan ist eng getaktet. Ein einzigartiges Hubsystem ermöglicht außerdem das Anheben des Beckenbodens, sodass ein amphibisches Anlanden am Strand geübt werden kann. Die Halle selbst lässt sich auch komplett verdunkeln, um das Training bei eingeschränkten Lichtverhältnissen möglichst realistisch zu gestalten. Über Kameras im Becken können die Ausbilder die Fortschritte beobachten und im Debriefing auswerten.

Kühlen Kopf bewahren

Zwei Soldaten in Sportanzug boxen mit Handschuhen in einem achteckigen Käfig.

Die Kommandosoldaten werden intensiv im militärischen Nahkampf unterwiesen. Dazu gehört auch die psychologische Vorbereitung auf Stresssituationen.

Bundeswehr/Jana Neumann

Aus der Schwimmhalle raus, gerade über den Flur im Eingangsbereich beginnt das Reich von Stabsfeldwebel Stefan Rudolf, dem Leiter des Fachbereichs Militärischer Nahkampf beim KSKKommando Spezialkräfte. Mit einem Stab von Kampfsportexperten kümmert sich der bärtige Hüne darum, dass die KSKKommando Spezialkräfte-Angehörigen auf alle Eventualitäten bestmöglich vorbereitet sind. Das Prinzip HPO ist hier ebenso verankert, Rudolf wurde vom Kommandeur kurzerhand zum HPO-Beauftragten des KSKKommando Spezialkräfte ernannt. „Auch im Kampfsport arbeiten wir an drei Ebenen – Körper, Geist und Seele. Die Parallelen zum Ansatz von HPO drängen sich auf“, sagt der Stabsfeldwebel. „Um im Einsatz unter Stress und Lebensgefahr seinen Auftrag erfüllen zu können, muss jeder Operator in Nahkampfsituationen immer die Initiative behalten. Dafür muss er aggressiv vorgehen, aber auch jederzeit kühlen Kopf bewahren.“ Im Nahkampfbereich der Multifunktionalen Trainingshalle ist alles vorhanden, was für das Training erforderlich ist. „Unser Bereich fürs Kämpfen, der Athletikbereich mit Schlagmessern und Crossfit erfüllt Profianforderungen“, sagt Rudolf. Auch das Oktagon, wo sich die Kommandosoldaten unter Aufsicht eines Kampfrichters im Faustkampf üben, erfülle seinen Zweck. „Am Ende wird ein Kampf im Kopf gewonnen. Und hier legen wir die Basis dafür, dass unsere Leute im Einsatz ihr Handwerk beherrschen.“ Gemäß dem Motto des KSKKommando Spezialkräfte: Der Wille entscheidet.

*Alle Namen zum Schutz der Soldaten geändert.

Der Originaltext erschien in der Ausgabe Nr.1 Februar/März 2021 des Y-Magazins der Bundeswehr.

von Markus Tiedke
  • Zwei Soldaten stehen mit der Waffe im Anschlag in einem dunklen Raum.
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  • Auf dem dunkelblauem Grund weist ein schwarzer, spitzer Pfeil nach oben, darauf ein goldener Adler im Sturzflug.
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