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Laufbahnwechsel

Grat(d)wanderung zum Offizier – Teil 2

Grat(d)wanderung zum Offizier – Teil 2

  • Karriere
  • Heer
Datum:
Ort:
Strausberg
Lesedauer:
6 MIN

Fahnenjunker Andreas Geyer hat bereits ein Berufsleben als Soldat hinter sich. Er wird zum Panzergrenadier ausgebildet, dient acht Jahre und nimmt eine kurze zivile Auszeit. Er kehrt zur Bundeswehr zurück und will nun Offizier werden. Wie ist es, als einsatzerfahrener Soldat die Grundausbildung erneut zu durchlaufen? Wir haben den 27-jährigen Scharnhorst-Preisträger getroffen und mit ihm in Teil 2 über seinen neuen Berufsweg als Offizieranwärter gesprochen.

Ein Soldat liegt draußen auf rotem Tartanboden und macht Liegestütze.

Wiederholung ist für Andreas Geyer ganz normal und gehört in die Truppe, damit alle auf einen gleichen Ausbildungsstand kommen

Bundeswehr/Maximilian Dietrich

Vor seinem Studium begann für Panzergrenadier Andreas Geyer noch einmal alles von vorn. „Ich musste 2020 auch noch mal in die Grundausbildung gehen. Danach kam eine Ausbildung bis zum Truppführer auf dem modernen Schützenpanzer Puma. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, mich auf dem Puma ausbilden zu lassen, weil ich denke, das ist die Zukunft.“ Auf dem Puma sei im Vergleich zum Schützenpanzer Marder vieles neu und auch komplexer. Zugleich verfügt Geyer bereits über das Grundwissen eines Grenadiers, kennt die Abläufe des ab- und aufgesessenen Kampfes. „Das ist für mich unglaublich wertvoll und es ermöglicht mir, meinen Fokus auf die Sachen zu lenken, die auch für mich neu sind.“ Was Andreas Geyer noch viel wichtiger erscheint: Er gibt seine Erfahrungen gern an die Kameraden in seiner Gruppe und die anderen Offizieranwärter in der Einheit weiter. „Ich teile gern mit ihnen mein Wissen und setze das genauso um, wie ich das in meiner Vordienstzeit bei meinen älteren Kameraden erlebt habe. Es ist nur gut, wenn man Wissen nicht für sich behält. So können alle davon profitieren“, betont Geyer bescheiden.

Wissen sinnvoll einbringen, nicht vorpreschen

Mehrere Soldaten marschieren im Sonnenschein mit Flaggen an dreistöckigen Bürgerhäusern einer Stadt vorbei.

Viele interessante Erlebnisse verbindet Andreas Geyer mit seiner Dienstzeit. Bei einer Jubiläumsfeier in Vilnius, der Hauptstadt Litauens, während der Übung Iron Wolf lernt er viele Soldaten aus anderen Nationen kennen.

Bundeswehr/Panzergrenadierbataillon 122

Wie gehen Ausbilder und Kameraden mit seinem Wissensvorsprung um? Andreas Geyer beschreibt es als Gratwanderung. Für ihn sei es besser, Wissen dort einzubringen, wo es angebracht ist und sich dort zurückzunehmen, wo alle den Ausbildungserfolg selbst erfahren müssen. „Es bringt keinem etwas, mit einem Wissen aus acht Jahren Dienstzeit in der Grundausbildung voranzugehen, sich selbst herauszuheben. Dann bleiben andere auf der Strecke“, findet er. Sein Prinzip ist es, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, wann immer Unterstützung gefragt ist. Die Reaktion der Kameraden war nach Geyers Eindruck auch sehr positiv: „Viele waren sehr interessiert und wer mochte, der hat von mir Infos und Antworten bekommen.“

„Ich wusste, was auf mich zukommt“

Zwei Soldaten liegen mit einem Funkgerät und Gewehren in einer Stellung im Wald.

Als Panzergrenadier verlässt Andreas Geyer die Bundeswehr. Nach einer Pause startet er als Offizieranwärter neu durch. Ein wichtiges Vorbild: sein Kompaniechef.

Bundeswehr/Einsatzkameratrupp

„Bei grundsätzlichen Dingen, wie der Erstausbildung am Sturmgewehr G36, war es ein notwendiges Übel, noch einmal von vorn zu beginnen“, erzählt der Soldat. Aber er habe gewusst, was auf ihn zukäme. „Und es ist ja auch zeitlich absehbar, dass es danach auch wieder auf ein anderes Ausbildungslevel geht.“ Auf der anderen Seite gäbe es aus seiner Sicht Dinge, wo es tatsächlich gut war, noch einmal zu starten, sagt er. Gerade nach seinem kurzen beruflichen Ausstieg aus der Bundeswehr, als er die Fachhochschulreife schon in der Tasche hatte. „Ich habe mich dazu entschieden, weil die acht Jahre Verpflichtungszeit rum waren und ich durch den Berufsförderungsdienst die Möglichkeit hatte, mich auch mal komplett neu auszuprobieren, bei uns daheim im Familienunternehmen. Wir haben einen Handwerksbetrieb. Ich wollte mir das einfach mal anschauen, mal jeden Tag Zuhause sein, um mit der Familie zu arbeiten. Das bringt natürlich Vorteile mit sich im Vergleich zum Alltag als Soldat. Es war auch eine interessante und vielseitige Arbeit. Allerdings konnte ich dafür nicht die gleiche Leidenschaft entwickeln wie für den Beruf des Soldaten beziehungsweise des Grenadiers.“

Immer wieder neu beginnen

Ein Soldat kniet mit Karte und Funkgerät in der Hand auf dem Laubboden im Wald.

Der Umgang mit Karte und Kompass, das Funken – all das musste Andreas Geyer als Grenadier schon früher perfekt beherrschen

Bundeswehr/Andreas Geyer

Die kurze berufliche Pause hat Andreas Geyer merklich gutgetan: „Das kurze sich aus der Stellung lösen, um dann wieder mit neuem Angriffsschwung in die neue Laufbahn zu gehen, war unglaublich gut. Ich konnte wieder mit neuer Motivation in die Bundeswehr zurückkehren, mit einem neuen Ziel: Offizier werden. Sicher gibt es Zwischenziele, wie Lehrgänge, wo für mich auch wieder alles neu sein wird.“ Auch im normalen Dienstbetrieb sei das ständige Von-vorn-beginnen ganz normal. Dies habe er auch bei den Grenadieren die Jahre zuvor schon so erlebt: „Dass man Sachen wiederholt, weil man immer wieder neue Kameraden in der Truppe hat und man dadurch immer wieder im Ausbildungsstand ein, zwei, manchmal drei Schritte zurückgehen muss, um alle abzuholen und dann wieder gemeinsam auf ein neues Ausbildungslevel zu kommen - das ist Alltag in der Truppe.“

Besondere Verantwortung nach der Ehrung

Drei Soldaten stehen auf einem Platz bei Sonne nebeneinander bei einer Preisverleihung mit einer Urkunde in den Händen.

Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais (r.) und Schulkommandeur Brigadegeneral Olaf Rohde (l.) überreichen Fahnenjunker Andreas Geyer (M.) den Scharnhorstpreis 2021

Bundeswehr/Offizierschule des Heeres

Im vergangenen Jahr wurde Fahnenjunker Andreas Geyer an der Offizierschule des Heeres in Dresden mit dem Scharnhorstpreis ausgezeichnet und ist damit der beste Offizieranwärter seines Jahrgangs. Die Namen der Preisträger sind auf einer Ehrentafel an der Offizierschule verzeichnet. Wie ist er zu dieser sehr anerkannten Auszeichnung gekommen? „Passender wäre vielleicht: Wie ist der Preis zu mir gekommen?“, fragt Geyer lächelnd. „Was mich von anderen unterschieden hat und warum ich den Preis erhalten habe und andere nicht, kann ich selbst nicht beurteilen, will ich auch überhaupt nicht“, verdeutlicht er bescheiden. „Ich habe mich darüber gefreut, den Preis zu bekommen. Das war für mich eine große Überraschung. Zum Abschlussappell der Heeresprägungswoche stand ich mit meinen Kameraden in Formation. Erst kurz vor Beginn des Antretens wurde mir gesagt, dass ich woanders zu stehen habe, weil ich einen Preis bekäme. Es ist eine Auszeichnung, aber es ist auch etwas, an dem ich gemessen werde. Daran sind auch ganz viele Erwartungen geknüpft.“ Der Preis sei für ihn aber in erster Linie eine Motivation, genauso weiterzumachen und sich weiter zu steigern.

Die erste Zeit an der Uni

Mehrere Soldaten mit Mund-Nasenschutz in Zivil besprechen sich in einem hellen Hörsaal an der Uni.

Andreas Geyer und seine Kommilitonen sind sich einig: „Es kommt darauf an, dass man sich gegenseitig unterstützt.“

Bundeswehr/Maximilian Dietrich

Geyer studiert Management und Medien an der Universität der Bundeswehr in München. Von den angebotenen Studiengängen habe dieser Doppelstudiengang aus BWL Betriebswirtschaftslehre und Journalismus besonderes Interesse bei ihm geweckt: „Meine Mutter war lange Zeit Journalistin. Sie und ihre Arbeit haben mich beeindruckt. Für mich gibt es schon gewisse Parallelen zum Soldatenberuf, zur Bundeswehr, weil wir auch immer Informationen aufnehmen, auswerten, zusammenzufassen und nutzen.“ Er könne sich vorstellen, dass diese Fähigkeit für die spätere Verwendung schon nützlich sei, gerade was die Themen Internationale Sicherheit und Social Media anginge.

In der Eigenverantwortung

Nach der Heeresprägungswoche an der Offfizierschule, bei der Geyer auch andere Kameraden verschiedener Truppengattungen kennenlernte, ging es für ihn direkt an die Uni. „Die erste Woche war noch recht militärisch mit Antreten in der Früh und einem ersten Blick ins Gelände, auf den Campus hier.“ Als Student und Nachwuchsoffizier muss man relativ schnell umschalten und vom Geführten in die Eigenverantwortlichkeit übergehen, sich also selbst organisieren. Er habe hier ein gutes Haus. Sehr kameradschaftlich. Die Älteren würden ihm alles zeigen: „Die wissen natürlich auch, dass das für viele eine neue Welt ist. Und jetzt kann ich auch mal auf deren Erfahrungswert zurückgreifen, weil ich viele Dinge, die ich davor nutzen konnte, jetzt hier nicht mehr nutzen kann. Es kommt darauf an, dass man sich gegenseitig unterstützt.“

Als Führer, Erzieher und Ausbilder müssen Offiziere die Fähigkeit haben, sich in allen Situationen auf andere Menschen einzustellen und sie so zu führen, dass sie ihnen vertrauen und sich mitreißen lassen. Empathie, Teamfähigkeit und Respekt sind ihre Schlüsselqualifikation. Der Offizier geht voran und lässt sich am Leitsatz messen: „Sei beispielhaft!“ Dieser Leitsatz begleitet Andreas Geyer auf seiner persönlichen Gratwanderung des Soldatseins, von Etappe zu Etappe.

von Peter Müller

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