Sanitätsdienst

Der größte COVID19-Impfstoffverteiler Deutschlands

Der größte COVID19-Impfstoffverteiler Deutschlands

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Datum:
Ort:
Quakenbrück
Lesedauer:
4 MIN

Flottenapotheker Martin Pape ist der Leiter des Versorgungs- und Instandsetzungszentrums Sanitätsmaterial (VersInstZ SanMat) in Quakenbrück. Das Zentrum ist derzeit die wichtigste Lagerstätte für den Corona-Impfstoff und verteilt diesen an zivile und militärische Einrichtungen in Deutschland. Wie sich die Lage verändert hat, erklärt Pape im Interview.

Ein Soldat steht vor Containern unter einem Schleppdach, im Hintergrund ist ein Gabelstapler bei der Arbeit.

Der Leiter des Versorgungs- und Instandsetzungszentrums Sanitätsmaterial in Quakenbrück, Flottenapotheker Martin Pape im Impfstoffverteilzentrum

Bundeswehr/Daniel Wolter

Wie hat sich der Auftrag Ihrer Dienststelle in den letzten Wochen entwickelt?

Bisher war unser Auftrag, die Impfstoffe der Hersteller Astra Zeneca, Jansen (Johnson & Johnson) sowie Moderna als zentrale Annahmestelle der Bundesrepublik Deutschland aufzunehmen, einzulagern, sowie deren Verteilung sicher zu stellen. Außerdem organisiert das VersInstZ SanMat Quakenbrück den Weitertransport an die Impfstoffverteilzentren der Bundesländer und elf pharmazeutische Großhandlungen. Nicht vergessen werden darf die Versorgung der Bundeswehrapotheken und sanitätsdienstlichen Behandlungseinrichtungen, der Bundespolizei sowie der nachgeordneten Bereiche weiterer Ressorts.

Nun hat sich dieser Auftrag in den vergangenen Wochen erheblich geändert. Zusätzlich zu den eben genannten Impfstoffen werden nunmehr auch die Impfstoffe des Herstellers BioNTech/Pfizer einzig über Quakenbrück in die Bundesrepublik eingeführt, bewirtschaftet und verteilt. Die Verteilung der Impfstoffe des Herstellers Astra Zeneca wurde hingegen auf nationaler Ebene beendet. Die Impfstoffverteilzentren der Bundesländer haben ihren Betrieb eingestellt. Die hier noch vorhandenen Impfstoffe hat unser Zentrum zurückgenommen.

Das VersInstZ SanMat Quakenbrück unterstützt außerdem die Länderhilfe des Auswärtigen Amtes, beziehungsweise des Bundeskanzleramtes, mit dem Impfstoff des Herstellers Astra Zeneca. Die Ukraine, Ghana, Namibia, Ägypten und Vietnam erhielten bereits Lieferungen aus unseren Lagern. Die Abgabe von Impfstoffen an Thailand ist vorbereitet. Mit den Impfstoffen der Hersteller BioNTech/Pfizer, Jansen und Moderna sind wir aufgefordert worden, eine nationale Impfstoffreserve aufzubauen. Diese Warenmenge erforderte die Erweiterung des Großhandels um eine weitere Betriebsstätte am Standort Wilhelmshaven.

Da die Aufgaben der mittlerweile geschlossenen Länderverteilzentren durch pharmazeutische Großhandlungen übernommen wurden, beliefern wir nun insgesamt 62 Großhändler.

Was bedeutet dies für Ihr Team?

Drei Soldaten verpacken Impfstoffe in Styroporboxen

Soldaten bereiten eine Lieferung von Astra-Zeneca-Impfstoff im Auftrag des Auswärtigen Amtes vor

Bundeswehr/Daniel Wolter

Mit der Zahl von Aufträgen ist auch die Belastung für das Team deutlich gestiegen. Ich will das an ein paar Beispielen verdeutlichen:

Die Rücknahme der Impfstoffe aus den Impfstoffverteilzentren der Bundesländer und deren Abgabe im Rahmen der Länderhilfen erfordern ein Höchstmaß an Organisation, Konzentration und pharmazeutischer Genauigkeit. Schließlich müssen wir als „Absender“ die Kühlkette während des gesamten Transportes in die verschiedenen Empfängerstaaten garantieren. Die parallel laufenden Aufträge waren der sogenannte „Ritt auf einer Rasierklinge“. Das heißt, ein Fehler hätte das gesamte Versorgungssystem zum Einsturz gebracht. Dieser hochkomplexe und politisch ebenso brisante Auftrag hat nur durch das reibungslose Zusammenspiel der verschiedenen Ministerien, Kommandobehörden und der zivilen Provider funktioniert.

Ebenso erforderte die Erweiterung des Kundenkreises auf die oben genannten 62 Standorte eine Erstversorgung dieser Einrichtungen mit einem Grundvorrat an Impfstoffen.

Trotz ständig wechselnder und komplexer werdender Lagen macht es uns stolz, wie reibungslos die Impfstoffversorgung läuft. Und das treibt uns weiter an. Wir sind uns hierbei jedoch auch bewusst, dass wir ohne die personelle Unterstützung unserer militärischen Nachbarn, insbesondere des Sanitätsregimentes 4, des Kommandos Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst und besonders auch des Logistikbataillons 161 aus Delmenhorst, nie so weit gekommen wären.

Welche technischen Herausforderungen mussten bewältigt werden?

Die technischen Herausforderungen liegen überwiegend in der Lagerung und der Menge der Impfstoffe. Insbesondere die Impfstoffe des Herstellers BioNTech/Pfizer erfordern die Bereitstellung entsprechender Tiefstkühllagercontainer. Aber auch das Personal benötigt hierfür entsprechende Schutzkleidung und eine intensive Schulung im Umgang mit Tiefstkühlware und mit Trockeneis.

Was sich erst einmal unspektakulär anhört, ist in der Praxis recht komplex. Die Nutzung eines Tiefstkühlcontainers beispielsweise erfordert den Vorbau einer sogenannten „Kältebrücke“. Diese gewährleistet eine permanente Umgebungstemperatur von rund -20°C. Aus diesem Vorraum findet dann das Beladen beziehungsweise Entladen des Tiefstkühlbereiches, in dem mindestens -60°C herrschen, statt.

Zwei Personen in dicken Jacken vor einem Tiefstkühlcontainer. Eine der Personen öffnet die dicke Containertür.

Die Arbeit im Tiefstkühlcontainer bei -70°C ist eine enorme körperliche Belastung

Bundeswehr/Daniel Wolter

Da es sich bei den Tiefstkühlcontainern um reine Lagercontainer handelt, sind diese im Inneren unbeleuchtet. Dies hat zur Folge, dass eine Orientierung in den Containern nur mittels Stirnlampen möglich ist, weil die Containertüren auch bei Arbeiten im Container stets verschlossen bleiben müssen. Nur so lässt sich die Temperatur halten. Hinzu kommt, dass wir sämtliche Lagercontainer und Kühlschränke vor der eigentlichen Nutzung zunächst validieren, sprich deren Funktionsfähigkeit prüfen und dokumentieren. Nicht geeignete Lagerbehälter werden somit von vornherein aussortiert.

Wie skizziert sich der weitere Weg?

Nach derzeitigem Kenntnisstand beabsichtigt das Bundesgesundheitsministerium, für das wir seit einem Jahr in Amtshilfe tätig sind, zunächst den Auftrag zur Impfstofflagerung, also Annahme, Bewirtschaftung und Bereitstellung zur Abgabe, an einen zivilen Provider abzugeben. Voraussichtlich soll dies noch bis Ende dieses Jahres passieren. Zu Beginn des kommenden Jahres soll dann auch der Auftrag zur Verteilung an einen zivilen Anbieter übergeben werden.

Die Herausforderung wird es sein, diesen Übergabeprozess so zu planen und zu kommunizieren, dass eine bruchfreie Versorgung der Bundesrepublik Deutschland mit COVID19-Impfstoffen gewährleistet bleibt.


von Uwe Henning

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