Sanitätsdienst
Interview

„Ich glaube, dass in fast allen Menschen das Prinzip Hoffnung irgendwann überwiegt.“

„Ich glaube, dass in fast allen Menschen das Prinzip Hoffnung irgendwann überwiegt.“

Datum:
Ort:
Warendorf
Lesedauer:
6 MIN

Oberstarzt Dr. Andreas Lison ist Leiter des Zentrums für Sportmedizin der Bundeswehr. Der Mediziner spricht im Interview über die Willenskraft von Patientinnen und Patienten als Voraussetzung für den Reha-Erfolg und wie diese auch beeinflusst werden kann.

Zwei Männer stehen nebeneinander und unterhalten sich

Leutnant Marcel O. (links) trägt eine Beinprothese und wird regelmäßig am Zentrum für Sportmedizin in Warendorf betreut

Bundeswehr/Claudia Seidenschwanz

Wie erleben Sie Soldatinnen und Soldaten in der Rehabilitation?

Wenn man in einer gewissen Plötzlichkeit damit konfrontiert wird, dass bestimmte Fähigkeiten nicht mehr da sind, leidet man nicht nur unter Schmerzen am Körper oder Bewegungseinschränkungen – Soldatinnen und Soldaten leiden emotional und sozial sehr stark. Sie verbinden häufig ein idealisiertes Soldatenbild des Allround-Kämpfers mit ihrem tatsächlichen Zustand. Sie haben das Gefühl, die Anforderungen an einen wirksamen Soldaten nicht mehr zu erfüllen, wenn sie bestimmte Tätigkeiten nicht mehr durchführen können. 

Wir verstehen das. Wir haben auch Verständnis dafür, aber wir haben in der Regel kein Einverständnis, denn: Wir erleben bei den Soldatinnen und Soldaten eine unglaubliche Kraft, einen Mut, eine Zielstrebigkeit, Rehabilitationsziele mit uns gemeinsam zu erreichen. Ziele, die sie von ihrem Charakter her zu besonders leistungsfähigen Soldatinnen und Soldaten machen können – wenn beide Partner es wollen. Das heißt: Wenn der Wille des Betroffenen und natürlich auch der Wille der Bundeswehr da ist, also der Personalführung, die Fähigkeiten auch wirklich zu nutzen, die eine Soldatin oder ein Soldat für die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte hat. Das machen wir ihnen in der Rehabilitation begreiflich: Wir brauchen sie.

Müssen Sie die zu Rehabilitierenden in ihrer Motivation eher bremsen oder mehr antreiben, das Bestmögliche aus ihrer Situation zu machen?

Bei der Frage „Wie erreiche ich meine Ziele?“ erleben wir immer wieder Hochs und Tiefs. Das deckt sich auch sehr gut mit den wissenschaftlichen Untersuchungen. Es gibt bestimmte Phasen, in denen ein Mensch seinen Krankheitsprozess versucht zu bewältigen. Das sind Phasen einer Euphorie und Phasen einer tiefen Niedergeschlagenheit. Darin wechseln schon mal die Ziele. 

Deswegen ist es auch so wichtig, Ziele gemeinsam zu erarbeiten und aufzuschreiben. Das hilft in den jeweiligen Phasen, die eigentlichen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren oder diese von der jeweiligen Stimmungslage abhängig zu machen. Wenn wir das von vornherein erklären, dass man selbst so reagiert und die Menschen im persönlichen Umfeld auch so reagieren, dann sind diese Verläufe viel geradliniger. 

Die zu Rehabilitierenden bekommen von uns die Aufgabe, dass sie diese emotionalen Situationen bestmöglich mit uns besprechen, also sich dann auch öffnen und das mitteilen. Denn: Wir haben das Ziel, keine Umwege zu gehen. Hier muss gegebenenfalls auch situativ eingegriffen werden. Deswegen gehört zu jedem Reha-Prozess neben den sozialdienstlichen Tätigkeiten auch immer die psychotherapeutische Unterstützung.

Es gibt Soldatinnen und Soldaten, die durch die Reha bei Ihnen noch mehr Fortschritte machen konnten, als es ihnen in der zivilen Behandlung prognostiziert wurde. Wie ist das möglich?

Ich glaube, dass in fast allen Menschen das Prinzip Hoffnung irgendwann überwiegt. Es gibt den Begriff des posttraumatischen Wachstums. Das bedeutet: Ich habe einen schweren Schicksalsschlag, ich muss den aushalten, ich muss der Wahrheit ins Auge blicken und dann muss ich versuchen, mit der Situation klarzukommen. Das ist ein Krankheitsbewältigungsprozess. Ich denke schon, dass die Grundidee vom Soldatsein dem Einzelnen auch emotional helfen kann. 

Das lässt sich aber nicht pauschalisieren. Aber wir stellen fest, ein unheimlich großer Faktor für Sicherheit bei der Bewältigung dieses Krankheitsprozesses ist die Zugehörigkeit zu der sogenannten Peergroup. Das heißt: Ich bin Soldatin, ich bin Soldat. Ich bewege mich in einem gewohnten Kontext. Ich habe bestimmte Rituale. Ich habe bestimmte Herangehensweisen, die ich kenne. Ich habe ähnliche Begrifflichkeiten und auch Menschen, die mit mir den Rehabilitationsprozess gestalten, sind Teil meines eigenen Systems. 

Das gibt den zu Rehabilitierenden Sicherheit und reduziert Stress. Denn Stress ist der zentrale Risikofaktor für ein Misslingen des Krankheitsbewältigungsprozesses. Ich könnte es auch so formulieren: Unser bestes Medikament ist Kameradschaft.

Jemanden zusätzlich zu motivieren oder Ängste zu nehmen, ist das möglich und haben Sie ein Beispiel dazu?

Es gibt so viele Beispiele. Um eins zu nennen: Wir haben eine im Rollstuhl mobilisierte Soldatin zusammen mit ihrem Mann betreut, der auch Soldat ist. Sie hat eine sehr schwere Verletzung erlitten und kämpft in beeindruckender Weise um ihren Platz in den Streitkräften – und zwar nicht nur im Sinne der Beschäftigung, sondern im Sinne der sinnstiftenden Tätigkeit auf dem Boden ihrer Erfahrungen, ihrer Ausbildung und ihrer Kraft. Eine Kraft, die sie aufbringt, um ihren Alltag zu bewältigen. 

Diesen Prozess zu sehen, wie sich das mit allen Höhen und Tiefen entwickelt, auch in Kombination mit dem Ehemann – das ist etwas, was auch mir persönlich Halt gibt. Es reduziert die Angst davor, selbst vor einer solchen Situation zu stehen. Denn ich sehe, dass diese ganzen Beschwerlichkeiten eben nicht dazu führen, dass man die Sinnhaftigkeit am Leben verliert. Und ich glaube, gerade diese Sinnhaftigkeit ist der zentrale Punkt, warum Menschen existieren. Menschen können es schaffen, nach einem solch harten Schlag nicht klein zu werden, sondern tatsächlich zu wachsen. Für mich sind diese Soldatinnen und Soldaten extrem tapfere Mitglieder unserer Streitkräfte.

Wenn wir an Barrieren sprechen, denken wir oft zunächst an eine Rampe, die mit dem Rollstuhl nicht zu überwinden ist. Was sind für Sie die schlimmsten Barrieren – in den Streitkräften, in der Bundeswehr, im soldatischen Umfeld?

Die schlimmsten Barrieren, die Behinderung auslösen, die schlimmsten Barrieren, die den Rehabilitationserfolg gefährden, sind die, die Reha-Brüche verursachen: Rehabilitation als rein medizinische Angelegenheit zu betrachten. Wir haben ein Wirrwarr an Zuständigkeiten bei verunfallten Soldatinnen und Soldaten, bei denen die Ursache keinem Einsatzschaden entspricht. 

Wir haben für diese Kameradinnen und Kameraden noch kein zentrales Reha-Management und wir sind noch nicht so weit, dass wir einen gemeinsamen und systematischen Weg gehen bei der Arbeitsplatzgestaltung. Diese muss individuell und langfristig gedacht werden. Beeinträchtigungen sind niemals statisch, sie entwickeln sich weiter und können zu anderen Beeinträchtigungen führen. Diese Risiken sind hoch. 

Daher ist der präventiv-medizinische Ansatz auch in der Arbeitsplatzgestaltung für mich eine unverzichtbare Säule. Aber die aktuelle Situation ist eine andere: Die zu Rehabilitierenden sitzen oft zwischen verschiedenen Ansprechpartnern und wissen nicht genau, wie sie sich weiterentwickeln können, wer für was zuständig ist oder wer was entscheiden kann. Da sind wir noch am Anfang in meinen Augen und das ist ein Thema, was wir angehen müssen. Rehabilitation endet eben nicht, wenn die Dienstfähigkeit wiederhergestellt ist.

Was macht die Arbeit mit beeinträchtigten Menschen mit Ihnen selbst?

Da gibt es verschiedene Aspekte. Manchmal bin ich erschöpft, weil es sehr viel Zeit und sehr viel Fähigkeiten erfordert. Fähigkeiten, die eigenen Emotionen immer wieder zu spiegeln. Fähigkeiten, den Anderen in seiner Situation anzunehmen, auch mal etwas nicht persönlich zu nehmen, andererseits aber auch immer wieder Einhalt zu gebieten. Das kann Erschöpfung ausmachen. 

Aber ich bin noch nicht erschöpft genug, um jetzt aufzuhören. Denn: Es ist die wundervollste und sinnhafteste Tätigkeit, die ich in meiner ganzen beruflichen Laufbahn gemacht habe. Im Alter von Mitte 30 habe ich einmal gesagt: Wenn ich einen schweren Unfall und dann eine sehr schwere Beeinträchtigung habe, dann sorge ich dafür, dass ich niemandem mehr zur Last falle. 

Ich schäme mich heute fast für diesen Gedanken. Weil er eben negiert, wie wertvoll ein Leben ist – unabhängig davon, ob ich auf zwei Beinen laufen kann oder mich im Rollstuhl, mit einer Prothese oder Orthese fortbewege oder gar nicht. Und das hat mich wachsen lassen und das wird mir auch nach meiner Pensionierung Sinn geben, in diesem Bereich weiterzuarbeiten. Denn auch beim Altwerden braucht man Sinnhaftigkeit und die habe ich da gefunden.

von Claudia Seidenschwanz