Einsatz zur Katastrophenhilfe in Slowenien

Einsatz zur Katastrophenhilfe in Slowenien

Datum:
Ort:
Slowenien
Lesedauer:
7 MIN

Thorsten E. ist Offizier am Luftfahrtamt der Bundeswehr. Als Hubschrauberpilot war er freiwillig zur Unterstützung in Slowenien. Im Folgenden beschreibt er einige seiner Eindrücke und Erfahrungen.

Der Hubschrauber wird beladen

Der Hubschrauber wird beladen

Bundeswehr/Thorsten E.

Sonntag, 06.08.2023

Endlich wieder unterwegs zum Flugdienst! Als Angehöriger des LufABwLuftfahrtamt der Bundeswehr bin ich auf dem derzeitigen Dienstposten verpflichtet, meine Lizenz auf dem Hubschraubertyp CH-53 auch im Realflug zu erhalten. Hierzu bin ich der Lufttransportgruppe des Hubschraubergeschwaders 64 (LTGrp HSGHubschraubergeschwader 64) in Holzdorf als fliegendem Verband zugeordnet, zu dem ich heute wieder aufbrechen darf.

Montag 07.08.2023

Nach den notwendigen Vorbereitungen geht es nachmittags zum Flugdienst. Aufgrund einer längeren Flugpause werden hierbei wieder alle Verfahren aufgefrischt, die man für die sichere Flugdurchführung beherrschen muss. Soweit noch alles normal…

Vor und nach dem Flugdienst bekomme ich schon mit, dass in den Planungsbereichen mehr Betriebsamkeit herrscht als an anderen Tagen, denn der Verband bereitet sich auf einen möglichen Einsatz in Slowenien vor. Dort hat es vor wenigen Tagen durch monsunartige Regenfälle diverse Überschwemmungen und Zerstörung der örtlichen Infrastruktur gegeben. Leider waren auch Tote zu beklagen. Der Antrag auf Hilfeleistungen von Slowenien an die EUEuropäische Union und die NATO hatte also auch das HSGHubschraubergeschwader 64 erreicht. 

Da ich bereits mehrfach in solchen Einsätzen als Kommandant einer CH-53 eingesetzt wurde, melde ich mich beim Einsatzoffizier der Staffel sofort als Freiwilliger.

Dienstag, 08.08.2023

07:00 Uhr

Morgens, beim täglichen fliegerischen Briefing, ist die Lage noch ruhig. Es gibt noch keine Entscheidung. Der Tag beginnt daher für mich mit einer normalen Flugphase rund um den Flugplatz Holzdorf.

10:30 Uhr

Kurz nach der Landung wird es dann aber hektisch: Mein Handy klingelt und der Einsatzoffizier teilt mir mit, dass der Einsatz in Slowenien jetzt freigegeben ist und wir schnellstmöglich starten sollen!

Also zurück zum Staffelgebäude, die bereits angefertigten Checklisten nochmal gesichtet, letzte Fragen gestellt, Wetter geprüft, Flugplan aktiviert und los!

HALT – nicht ganz so schnell, ich muss ja noch meinen Koffer packen! 

Und einige andere Vorbereitungen sind auch noch zu treffen, so dass wir den Start für 14:00 planen – dann reicht es auch von den Flugdienst- und Ruhezeiten, um noch bis nach Slowenien fliegen zu können.

14:20 Uhr

Jetzt haben wir alles zusammen und es geht los! Die Triebwerke starten. Alle Checks sind absolviert und wir fliegen Richtung Süden.

19:10 Uhr

Wir sind gelandet.

Hier auf dem Flughafen der Hauptstadt Ljubljana gibt es einen militärischen Anteil der slowenischen Luftwaffe, die sich sofort herzlich um uns kümmern und alles organisieren, was eine Besatzung einer CH-53 so brauchen kann.

Der Verbindungsoffizier war ja auch nicht ganz unvorbereitet, denn einige Stunden vorher war schon eine weitere CH-53 aus dem Standort Laupheim vor Ort gelandet und so ähnelten sich unsere Anfragen sehr.

Während sich unsere Techniker um die Nachbereitung des Luftfahrzeuges kümmern, werden wir bereits in die Abläufe vor Ort eingewiesen. Wir bekommen erste Informationen und Karten über das eigentliche Einsatzgebiet sowie Frequenzen und Rufnamen der dort fliegenden Hubschrauber.

Zahlreiche freiwillige Helfer und Hilfsorganisationen aus verschiedenen Nationen beladen die Hubschrauber

Zahlreiche freiwillige Helfer und Hilfsorganisationen aus verschiedenen Nationen beladen die Hubschrauber

Bundeswehr/Thorsten E.

Mittwoch, 09.08.2023

Heute können wir erstmal ausschlafen, denn aus dem Standort Laupheim war gestern eine zusätzliche Crew angereist, die heute Vormittag mit unserem Hubschrauber im Einsatzgebiet fliegt. Der Wechsel ist um die Mittagszeit vorgesehen, sodass wir nach Ankunft am Flugplatz noch in Ruhe alles weiter vorbereiten können. Wir sichten daher die bereitgestellten Unterlagen zum Einsatzgebiet, machen uns mit dem Gelände vertraut, werten Satellitenbilder aus, schauen nach gefährlichen Hindernissen wie z.B. Hochspannungsleitungen.

14:30 Uhr

Es ist soweit, wir sitzen im Cockpit und starten von Ljubljana in Richtung Nordost zum Flugplatz Slovenj Gradec, hier ist eine Forward Operating Base (FOB) eingerichtet. Kaum gelandet, sehen wir auch schon die ersten Gabelstapler mit mehreren Paletten Hilfsgütern auf uns zurollen, die wir einladen und fliegen sollen. Unser deutscher Verbindungsoffizier, der schon seit heute Morgen vor Ort ist, gibt uns weitere Informationen zum Landeplatz und den hier fliegenden Hubschraubern der anderen Nationen, sodass wir gut vorbereitet sind.

Das angelieferte Material ist natürlich für uns keine Standardlast, deshalb müssen die zur Crew gehörenden Bordtechnischen Feldwebel sich alle Mühe geben, die Kartons und Kisten zu sichten, um eine sichere Verladung im Hubschrauber sicherstellen können.

Zum Verladen stehen reichlich Kräfte an der FOB bereit, sowohl die örtliche Feuerwehr als auch Soldaten und viele ortsansässige Zivilisten, die einfach nur helfen wollen!

Der erste Einsatzflug geht Richtung Westen, nach nur etwa. 8 Flugminuten sind wir bereits an unserem Landeplatz. Im Anflug sehen wir, wie hart einige Dörfer hier getroffen wurden: Zerstörte Brücken, teilweise beschädigte Häuser, mit Schlamm und Dreck bedeckte Straßen! Ja, hier ist Hilfe notwendig!

19:00 Uhr

Abschlusslandung für den heutigen Tag am Flughafen Ljubljana, der erste Einsatztag ist geschafft!

Wir tauschen uns noch mit den anderen CH-53 Crews aus über die jeweils gemachten Erfahrungen und die angeflogenen Landeplätze, bevor es wieder in die Unterkunft geht.

Eine besondere Außenlast: Ein Bagger zusammen mit dem Transportfahrzeug

Eine besondere Außenlast: Ein Bagger zusammen mit dem Transportfahrzeug

Bundeswehr/Thorsten E.

Donnerstag, 10.08.2023

Heute Morgen nutzt auch die deutsche Botschafterin in Slowenien, Frau Natalie Kauther, die Möglichkeit, sich ein Lagebild im Einsatzgebiet zu verschaffen und begleitet eine der CH-53 Crews bei ihren Flügen im Einsatzgebiet. Unsere Crew greift ab Mittag wieder in das Geschehen ein.

In der FOB bekommen wir heute unterschiedlichste Hilfsgüter als Ladung, darunter verpacktes Essen, Getränke, Arbeitsgeräte und Werkzeuge – eben alles, was man nach einem Hochwasser gebraucht wird, um die Straßen freizuräumen, den Schlamm zu entfernen und die Ortschaften wieder bewohnbar zu machen.

Und ein besonders interessanter Auftrag steht noch aus – ein Bagger soll als Außenlast geflogen werden! Na ja, erstmal nicht so spannend, aber irgendjemand sagt uns dann, dass der Bagger inklusive dem Transportfahrzeug, auf dem er steht geflogen werden soll. Alles zusammen ein Gewicht von ca. 3,5 to.

Jetzt ist das Interesse geweckt, fliegt man diese Art Last doch eher selten. Da wir vom HSGHubschraubergeschwader 64 entsprechend geschultes Personal mitgenommen haben, die eine solche Last vorbereiten und freigeben dürfen, werden die notwendigen Maßnahmen ergriffen. Den Flug selbst darf dann allerdings die andere Crew durchführen, die erst letzte Woche in Laupheim Außenlastflüge trainiert hatte. Trotz aller Begeisterung für einen solchen besonderen Einsatz muss man hier auch mal im Sinne der Flugsicherheit zurücktreten und anerkennen, dass andere in dem Fall besser qualifiziert sind.

Etwas später beobachten wir dann wie die andere CH-53 erfolgreich mit dieser Außenlast fliegt – Mission erfüllt!

Freitag, 11.08.2023

Heute beginnt unser vermutlich letzter Flugtag im Katastrophengebiet, denn in Deutschland machen sich bereits Wechselcrews auf den Weg, die hier ab morgen übernehmen sollen. Schade, denn wir verspüren alle eine große persönliche Zufriedenheit, dass wir den Menschen in ihrer Notlage helfen können!

Der heutige Tag zeigt uns, dass wir sehr erfolgreich in der Versorgung der verschiedenen Dörfer sind, denn um die Mittagszeit werden erstmal alle Hubschrauber an der FOB am Boden gehalten, da an den Landeplätzen zu viel Material steht und nicht wegtransportiert werden kann.

Einige dringende Güter bekommen wir dann aber doch als Ladung – Stromerzeugeraggregate, Kettensägen, weiteres Arbeitsgerät wie Besen und Schaufeln. Also verteilen wir auch diese Ladung wieder in den Ortschaften.

Zwischendurch werden auch immer wieder Personen transportiert, denn es sind Arbeitstrupps unterwegs, die an verschiedenen Stellen eingesetzt werden, um Brücken zu reparieren, Strommasten wieder aufzustellen und Baumstämme aus den Flussläufen entfernen. 
Da ein Überqueren der kleinen und großen Bäche und Flüsse teilweise nicht möglich ist, werden sie mittels Hubschrauber in ihr Einsatzgebiet gebracht und abends wieder abgeholt.

So geht dann auch dieser Tag erfolgreich zu Ende und wir landen am Abend zufrieden und erschöpft in Ljubljana.

Die internationale Zusammenarbeit lief reibungslos. Auch Serbien schickte Hubschrauber.

Die internationale Zusammenarbeit lief reibungslos. Auch Serbien schickte Hubschrauber.

Bundeswehr/Thorsten E.

Samstag, 12.08.2023

Morgens im Hotel packen wir alle unsere Sachen zusammen, denn es geht wieder zurück in die Heimat. Was für eine spannende Woche! Wir sind alle froh, gesund und munter wieder am Standort angekommen zu sein, aber wir sind auch froh, dass wir helfen konnten und helfen durften!

Die Woche war geprägt durch viele neue Eindrücke, tolle Landschaften, spannende Einsatzflüge und durchweg nette und hilfsbereite Menschen im Einsatzgebiet, egal zu welcher Nation sie gehörten.

Die Zusammenarbeit der verschiedenen Nationen (u.a. Slowenien, Österreich, Spanien, Ungarn, Serbien und eben Deutschland) funktionierte problemlos und professionell. Die verschiedenen Hubschraubertypen (CH-47, CH-53, Bell 212, Bell 412, BlackHawk, H145, Jet Ranger, Mi 17, SuperPuma) haben sich prima ergänzt und jeder konnte mit seinen Fähigkeiten zum Erfolg des Einsatzes beitragen!

von Thorsten E.