Bilanz der Evakuierung aus Kabul: Ministerin für europäische schnelle Eingreiftruppe

Bilanz der Evakuierung aus Kabul: Ministerin für europäische schnelle Eingreiftruppe

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Berlin
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„Voll umfänglich gut gelaufen und abgeschlossen“ sei die militärische Evakuierungsoperation in Kabul, so Generalinspekteur Eberhard Zorn. Gemeinsam mit der Ministerin und dem Führer der Evakuierungsoperation zieht er Bilanz. Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer spricht sich für eine europäische schnelle Eingreiftruppe aus. Ein Papier dazu soll zeitnah vorliegen.

Soldaten geleiten evakuierte Personen über die Laderampe aus dem Airbus A400M am Flughafen in Taschkent

Gelandet: Soldaten des Air Mobile Protection Teams geleiten die Geretteten aus Kabul aus dem A400M.

Bundeswehr/Marc Tessensohn

Insgesamt 5.340 Menschen aus mindestens 45 Nationen wurden von der Bundeswehr vom 16. bis zum 26. August aus Kabul ausgeflogen. Dabei handelt es sich um deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, Ortskräfte und ihre Angehörigen sowie weitere Gefährdete, wie Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer in einer Pressekonferenz zur Bilanz des Einsatzes mitteilte. Brigadegeneral Jens Arlt führte die Evakuierungsoperation in der afghanischen Hauptstadt – und schilderte die Lage vor Ort: „Ein Wettlauf gegen die Zeit“. In kurzer Zeit habe „so viel wie möglich“ erreicht werden müssen. Und das alles in enger Abstimmung mit den weiteren beteiligten Nationen vor Ort. Es habe koordiniert werden müssen, „wer was wann wo macht“, so General Arlt.

Deutschland sei als eine der ersten Nationen vor Ort in Kabul gewesen und habe „schnell Fuß gefasst“. Immer mehr Nationen seien hinzugekommen und hätten den „direkten Kontakt gesucht. Sie wollten wissen, was da gemacht wird und wie das läuft“, erklärte Arlt. Der Aufwuchs der Nationen und deren Koordinierung sei aber auch eine Herausforderung gewesen. Eine weitere: „Es wurde schnell klar, dass es immer weniger Zeit für bestimmte Möglichkeiten gibt.“ Denn durch die Tatsache, dass nur noch der Flughafen Kabul nutzbar war – alle weiteren Flugplätze seien nicht mehr funktionsfähig –, „lag die Fokussierung auf Kabul“. Das sorgte für dramatische Szenen um und auf dem Flughafen.

Weiter verantwortlich für die Ortskräfte

Aufgrund dieser Umstände sei diese Operation nicht mit einer diplomatischen Evakuierung zu vergleichen, betonte Annegret Kramp-Karrenbauer. Hierbei habe es sich nicht um eine „klassische militärische Evakuierungsoperation gehandelt, sondern es spielte sich vor dem Hintergrund einer Stadt ab, wo große Teile des Landes versuchten, über Kabul und den Flughafen das Land zu verlassen“, führte die Ministerin aus. Mit dem Abzug des Militärs sei die Verantwortung gegenüber den Ortskräften, die sich noch immer in Afghanistan befinden, aber nicht abgeschlossen. Man arbeite daran, sie aus Kabul herauszuholen. „Das hat viel mit diplomatischen Absprachen zu tun.“ Die Teams im Callcenter des Einsatzführungskommandos, an das sich afghanische Ortskräfte wenden können, seien verstärkt worden. Zudem seien Militärattachés verschiedener Nationen in das Verfahren mit afghanischen Ortskräften der Bundeswehr eingewiesen worden. Auch Botschaften seien informiert. Wie das weitere Verfahren zur Rettung der Gefährdeten aussehen könne, müsse noch verhandelt werden. Dabei gehe es auch um den weiteren Umgang mit den Taliban.

Mehr als 5.000 Menschen flog die Bundeswehr aus Kabul aus. Jetzt ziehen die Ministerin, der Generalinspekteur und der Führer der Evakuierungsoperation Bilanz. Kramp-Karrenbauer spricht sich für eine europäische schnelle Eingreiftruppe aus.

Europa braucht eine schnelle Eingreiftruppe

Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse und den daraus resultierenden Erfahrungen ist nun eine europäische schnelle Eingreiftruppe im Gespräch. „Wir sehen die Notwendigkeit – nicht in Abkehr zu den USAUnited States of America, sondern damit wir eigenständig schneller handeln können“, sagte Kramp-Karrenbauer. Das sei auch das Ergebnis des Treffens der EU-Verteidigungsminister und -ministerinnen gewesen zur Bilanzierung des Afghanistaneinsatzes – insbesondere mit Blick auf die Evakuierungsoperation. Jetzt müsse geklärt werden, nach welchem Verfahren und unter welchen Kriterien so eine schnelle Eingreiftruppe auf die Beine gestellt werden könnte. „Wir haben uns als Verteidigungsministerium bereiterklärt, ein Arbeitspapier dazu zu entwickeln. Fast alle europäischen Staaten haben zugesagt, daran mitarbeiten zu wollen“, so die Ministerin.

Spezielles Programm zur Aufarbeitung der Belastungen

Der jüngste Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan habe auch gezeigt, dass es sich bewährt habe, Soldatinnen und Soldaten sowie Krisenunterstützungsteams für solche speziellen Ereignisse bereitzuhalten, betonte Generalinspekteur Eberhard Zorn. Er sprach seinen Dank und seine Anerkennung den Frauen und Männern aus, die diese Belastungen auf sich nahmen. Und auch den Beteiligten im Einsatzführungskommando in Potsdam sowie den Besatzungen der Flugzeuge, wie dem A400M, zollte der ranghöchste Soldat der Bundeswehr Respekt: „Auf sie war zu jeder Zeit Verlass.“ Auch das Material habe den Dauerbelastungen standgehalten.

Der Einsatz sei zwar relativ kurz gewesen, doch die Soldatinnen und Soldaten seien einer „ganz besonderen physischen und psychischen Belastungen“ ausgesetzt gewesen, betonte Zorn. Daher gebe es ein spezifisches Nachbereitungsprogramm. Dieses sei erst einmal auf 24 Wochen terminiert. Nun werde „der Auswertungsprozess in Gang gebracht - wo müssen wir besser werden, welche Ausstattung und was bei Übungen anpassen“.

von Amina Vieth