Invictus Games 2023

Dreimal für Deutschland: Oberstabsfeldwebel Meik Briest tritt erneut bei Spielen an

Dreimal für Deutschland: Oberstabsfeldwebel Meik Briest tritt erneut bei Spielen an

Datum:
Ort:
Düsseldorf
Lesedauer:
6 MIN

Oberstabsfeldwebel Meik Briest wird 1999 im Kosovo schwer verwundet. Lange hadert er mit seinem Schicksal. Erst 15 Jahre später findet er zur Sporttherapie für Einsatzgeschädigte und damit eine wichtige Motivation zum Weitermachen. In Düsseldorf wird er zum dritten Mal für Deutschland bei den Invictus Games antreten.

Ein Soldat trainiert auf der Indoor-Rudermaschine

Beim Indoor-Rudern kommt es sowohl auf die richtige Technik als auch auf genügend Ausdauer an. Briest möchte neben dieser Disziplin auch im Schwimmen, Diskuswerfen und Bogenschießen bei den Invictus Games 2023 in Düsseldorf antreten.

Bundeswehr/Sebastian Wilke

Ein Trainingsraum auf dem Gelände der Sportschule der Bundeswehr in Warendorf Ende März 2023. Etliche Rudermaschinen sind im Halbkreis angeordnet, an ihnen schwitzen zehn Athletinnen und Athleten. Aus dem Radio hämmern Bässe, dazwischen ruft der Trainer seine Kommandos. Einige der Teilnehmenden trainieren eher gemächlich, andere stemmen sich wie entfesselt gegen die Widerstände der Maschine. Bis zu den Invictus Games 2023 ist es an diesem kalten Frühlingstag noch mehr als ein halbes Jahr hin. Heute findet im Rahmen des Trainingslagers eine Potenzialfeststellung für die Angehörigen des deutschen Invictus-Teams statt. 

Reha im Fokus: schmerzfrei für mehr Lebensqualität

Kai* ist Portepeeunteroffizier und trainiert in Warendorf seit Jahren mit körperlich und psychisch versehrten Bundeswehrangehörigen. Auch mit dem Kader für die Invictus Games. „Sportlich liegt der Fokus heute auf dem Starttraining beim Indoor-Rudern“, sagt er. „Wir brauchen dabei eine explosive Anstrengung, um optimal in den Wettkampf einzusteigen.“ Das ist eine Ebene. Die andere, wichtigere Ebene ist der Behandlungserfolg bei den Teilnehmenden. „Sportliche Erfolge sind toll. Aber die Reha ist das eigentlich Entscheidende“, sagt Kai. „Wir versuchen, unsere Leute trotz ihrer individuellen Einschränkungen an lebenslange Bewegung heranzuführen. Das kann gut dabei helfen, irgendwann schmerzfrei zu werden. Und das bringt dann Lebensqualität zurück.“

Ein Mann in Sportkleidung steht vor einer Tafel und erklärt etwas
Stabsfeldwebel Kai C. Bundeswehr/Tom Twardy
„Sportliche Erfolge sind toll. Aber die Reha ist das eigentlich Entscheidende.”

Oberstabsfeldwebel Meik Briest ist einer von denen, die sich auf ihrem Rudergerät schinden. Er hat schon zweimal an den Invictus Games teilgenommen. 2017 in Toronto und 2018 in Sydney. „In Düsseldorf wäre ich gern noch einmal Teil des Teams“, sagt Briest, als er sich nach dem Training mit einem Handtuch umständlich den Schweiß vom Gesicht wischt. Der 58-Jährige zuckt nicht, als er seine auffällig vernarbte rechte Gesichtshälfte abrubbelt. „Beim Indoor-Rudern, Schwimmen, Diskuswerfen und Bogenschießen möchte ich antreten. Mal sehen, ob sie mich lassen.“ Drei Teilnahmen eines Athleten bei den Invictus Games sind nur ausnahmsweise möglich, sagen die Statuten der Weltspiele für versehrte Einsatzkräfte. Sein Fall werde gerade geprüft, sagt Briest.

Ein gutes Vierteljahr später läuft Oberstabsfeldwebel Briest auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow über eine Heidefläche. Hier im Fläming gehört er seit Jahren zum Team der Range Control. Ziemlich heimatnah für ihn. Briest stammt aus dem kaum 40 Kilometer von hier gelegenen Genthin. In der NVANationale Volksarmee war er ab 1983 zunächst zum Fernaufklärer ausgebildet worden. Später gehörte er einer Spezialaufklärungskompanie in Hagenow an. „Anspruchsvolle Ausbildung, physisch und psychisch. Viele Fallschirmsprünge“, brummt Briest und stochert mit dem Stiefel im Heidesand.

Einsatz: Als einer der Ersten ins Kosovo

Nach der Wiedervereinigung ist er in die Bundeswehr übernommen und unter anderem zum Feuerwerker und Schießsicherheitsfeldwebel ausgebildet worden. Aber er ist auch Kampfmittelbeseitiger. Das und die Out-of-area-Einsätze der Truppe ab den Neunzigerjahren wird seinen Lebensweg entscheidend beeinflussen. „Am 13. Juni 1999 bin ich mit meiner Einheit über Mazedonien ins Kosovo eingerückt. Wir waren unter den Ersten im Marschband.“ Am Dulje-Pass fanden Bundeswehrsoldaten damals die Leiche des Stern-Fotografen Volker Krämer, der mit zwei Kollegen von abrückenden Söldnern erschossen worden war. „Ich musste den Leichnam in der Dunkelheit auf eventuelle Sprengladungen untersuchen“, erzählt Briest. Gefunden hat er nichts. Aber es war kein gutes Omen.

Nur ein paar Wochen später ist Briest mit Kameraden auf dem Rückmarsch von einem Räumauftrag, als Kosovaren die deutsche Kolonne zum Anhalten bringen. „Aufgeregt berichteten die Dorfbewohner von einer Bombe, deren Streumunition sich über den Wiesen im Umkreis verteilt hatte“, erinnert sich Briest. „Ganz vorschriftsmäßig bin ich erst einmal allein mitgegangen, um mir ein Bild von der Lage zu machen.“ Und die ist ziemlich eindeutig. Die Kosovaren waren bei der Heumahd, als USUnited States-Kampfflugzeuge in der Nähe Clusterbomben des Typs CBU-87 abwarfen.

Jedes einzelne dieser Abwurfmittel enthält 202 hochexplosive Bomblets, deren Blindgängerrate bis zu 30 Prozent betragen kann. Briest sieht auf den ersten Blick einige der gelben Zylinder herumliegen. Mit Hohlladung und vorfragmentiertem Splittermantel – zum Auslösen des piezoelektrischen Zünders reicht unter Umständen Körperschall. „Ich habe den Leuten noch gesagt, dass sie den Bereich räumen und sich zurückziehen sollen. Wir wären am nächsten Tag zum Sprengen zurückgekommen. In dem Moment kam aber schon ein Kosovoalbaner mit so einem Ding in der Hand an.“

Ein Soldat im Porträt

Briests Narben stehen sinnbildlich für die Einsatzgeschichte der Bundeswehr und die Lehren, die sie aus ihr ziehen musste. Heute können Einsatzgeschädigte auf viele Hilfsstrukturen und -programme zurückgreifen, die sich über Jahre erst entwickelten.

Bundeswehr/Torsten Kraatz

Explosion: Innerhalb eines Moments ändert sich alles

Was Sekunden später passierte, hat Briest schon häufiger erzählt. „Ein greller Lichtblitz und dann hat es gerumst. Ich war desorientiert, um mich hat es gedröhnt wie im Kölner Dom unter den Glocken.“ Die Bilanz ist bitter. Zwei kosovo-albanische Zivilisten sind tot, mehrere verletzt. Briest steht halb verdeckt hinter einem Zivilisten, was ihn teilweise schützt. Aber seine rechte Gesichtshälfte wird von der Explosion und zahllosen Splittern zerrissen. „Ich hatte ein faustgroßes Loch im Gesicht. Augenhöhle und Gaumen, der Oberkiefer rechts – alles war zerstört.“ Sein rechtes Auge hängt nur mehr am Sehnerv und den Augenmuskeln.

Oberstabsfeldwebel Meik Briest
„Ich hatte ein faustgroßes Loch im Gesicht. Augenhöhle und Gaumen, der Oberkiefer rechts – alles war zerstört.“

Die Kameraden holen Briest raus, Ärzte in Deutschland retten später sein Augenlicht. Und sie bauen Stück für Stück sein Gesicht wieder auf. Mehr als 1.600 Tage hat Briest in den vergangenen 24 Jahren stationär im Krankenhaus verbracht und über 60 Operationen erlebt. Und es ist noch nicht vorbei. Briest ist seinen Ärzten dankbar. Aber die sichtbaren Verletzungen bleiben ebenso wie die Reaktionen des Umfeldes darauf. Eine Seite heil, die andere Seite kaputt – beinahe wie der Charakter „Two-Face“ aus Batman. Keine einfache Sache für einen jungen Mann.

„Der Körper ist eine Sache“, sagt Briest und betrachtet plötzlich interessiert ein verbogenes Metallstück zu seinen Füßen. „Gehört wohl zu einem Nebelwerfer der Wehrmacht“, erklärt er dann und notiert die Position des Fundes im Handy. Er will sich das später noch einmal ansehen. Die Belastungen aus dem Vorfall im Kosovo lassen Briest lange nicht los. Er kehrt bald in den Dienst zurück und geht auch wieder in die Einsätze. Aber viele Beschwerden bleiben, der tägliche Blick in den Spiegel zermürbt den einst topfitten Spezialaufklärer. Briest wird übergewichtig und unsportlich. Der Dienst immer mehr zur Qual.

Sporttherapie: Kameraden geben den Anstoß

„Vor etwa zehn Jahren hat mich dann Hauptfeldwebel Naef Adebahr angeschrieben.“ Der Fallschirmjäger war im Karfreitagsgefecht verwundet und später Teilnehmer am Pilotprojekt „Sporttherapie für Einsatzgeschädigte“ geworden. Danach ist er an der Sportschule verblieben. „Komm zu uns. Schau dir das mal an, hat er zu mir gesagt“, erinnert sich Briest. Er geht am Ende eher widerwillig hin.

Joggen ist nicht sein Ding, der Sport unter Anleitung der Experten erst mal ungewohnt, die Leistungsdiagnostik ebenso. Aber die intensive kameradschaftliche Betreuung reißt Briest irgendwann mit. Er probiert sich in verschiedenen Sportarten aus und stellt fest: Schwimmen liegt ihm besonders. „Und die Aussicht, 2017 bei den Invictus Games in Toronto antreten zu können, war eine große Motivation“, sagt er heute. 

Einer wie keiner: Dreimal bei den Invictus Games dabei

Briest schafft den Sprung in den Bundeswehr-Kader für Toronto, auch im Folgejahr reist er mit nach Australien. „Was die Teilnahme für mich bedeutet, kann ich nur schwer in Worte fassen“, sagt er nachdenklich. „Der Kontakt zu Leuten, die ein ähnliches Schicksal haben. Gespräche, die man mit Außenstehenden vielleicht so nicht führen würde. Eine Gemeinschaft ohne Dienstgrade, aber mit dem gemeinsamen Ziel: Klar kommen und das Beste daraus machen. Lebensfreude eben.“ 

Einige Wochen später erfährt Briest, dass er aktiv als Athlet an den Invictus Games in Düsseldorf teilnehmen darf. „Irgendwer hat sich richtig lang gemacht“, sagt er vergnügt am Telefon. Seine letzten Spiele will der Oberstabsfeldwebel zusammen mit seinen Kameradinnen und Kameraden bewusst genießen. Und das Beste für das Team Bundeswehr und Deutschland geben. Am 9. September geht’s los.

*Name zum Schutz des Soldaten abgekürzt.

von Markus Tiedke

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