Gebirgsjäger üben Rettung

Keine zweite Chance: Lawinenrettung erfordert präzise Teamarbeit

Keine zweite Chance: Lawinenrettung erfordert präzise Teamarbeit

  • Ausbildung
  • Heer
Datum:
Ort:
Berchtesgaden
Lesedauer:
4 MIN

Gebirgsjäger lernen in der Ausbildung, wie man es vermeidet, Lawinen auszulösen. Ist das Unglück dennoch geschehen, geht es um Sekunden. Denn neben Unterkühlung droht den Verschütteten unterm Schnee der Erstickungstod. Gesucht wird dann arbeitsteilig anhand eines oft geübten Schemas und mit moderner Technik.

Drei Soldaten in Schneeflecktarn laufen mit ihrer Ausrüstung auf Skiern durch ein verschneites Gelände.

Teamarbeit bei der Rettung: Die Suche beginnt am Lawinenkegel unten und wird systematisch in Schleifen den Hang hinauf fortgesetzt. Hier folgen Sondengängerin und Schaufeltrupp dem Sucher. Das Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS-Gerät) weist den Weg.

Bundeswehr/Jana Neumann

Von Lawinen geht im alpinen Gelände eine besonders große Gefahr aus. Deshalb bildet die Gebirgstruppe eigens Soldaten aus, die einschätzen können, ob ein Hang lawinengefährdet ist. Denn sie wissen: Die beste Lawine ist immer die, die gar nicht erst abgeht. Aber das Risiko bleibt bestehen. Löst sich trotz aller Vorsicht ein Schneebrett und werden dabei Kameraden verschüttet, geht es um Sekunden.

„Unter dem Schnee bleibt meist nicht viel Zeit“, sagt Hauptfeldwebel Manuel Herzog. Er ist ein erfahrener Gebirgsjäger und Führer des Bravo-Zuges. Sich selbst aus den Schneemassen rausgraben wie in Filmen, sei in der Regel unmöglich, sagt Herzog. „In der Lawine stecken die Verschütteten zumeist wie eingebacken fest. Die können sich kaum rühren.“ 

Unterkühlung und Sauerstoffmangel heißen die Feinde

Schon die einsetzende Unterkühlung ist ein großes Problem. Aber die meisten Verschütteten ersticken nach einiger Zeit unter dem Schnee qualvoll. Manchmal gelingt es einem Lawinenopfer noch, mit den Armen vorm Gesicht etwas Platz für Atemluft zu schaffen. Doch die reicht nicht ewig. „Deshalb muss es schnell gehen“, sagt Herzog. „Und wir brauchen Routine beim Suchen.“

Im Winterbiwak der 4./Gebirgsjägerbataillon 232 steht deshalb auch Lawinenrettung auf dem Übungsplan. Zwei Kameraden hat Herzog ein Stück hangabwärts geschickt. Die Männer haben erst einige Spuren gelegt und dann ihre Rucksäcke im Schnee verbuddelt. Sie selbst legen sich erst später hin. „Einsatznah üben, ja. Gesundheit riskieren, nein“, erklärt Herzog dazu.

Ein kleines Gerät hilft Leben retten

Die Suche nach Verschütteten ist immer Teamarbeit, jede und jeder im Zug hat dabei einen Auftrag. Nach einer kurzen Einweisung machen sich die Gebirgsjäger in zwei Trupps ans Werk. Ein besonders guter Skifahrer geht jeweils als Sucher den anderen voran.

Das Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS-Gerät) hilft ihm beim Aufspüren des Lawinenopfers. Jeder am Berg trägt so einen „Pieps“ und der kann die Suchtrupps mittels Magnetwellen zum Verschütteten führen. Schneiden sich nämlich die Signale zweier Geräte, wird das durch ein Piepen angezeigt. Dann muss der Sucher dem Signal vorsichtig weiter folgen.

Die Suche beginnt am Lawinenkegel unten und wird systematisch in Schleifen den Hang hinauf fortgesetzt.

Mehrere Soldaten knien im verschneiten Gelände um einen am Boden liegenden Kameraden.

Ist der Verschüttungsort gefunden, markiert der Sucher eine Stelle im Schnee. Dort wird vorsichtig die Sonde eingeführt. Ist das Lawinenopfer lokalisiert, gräbt sich der Schaufeltrupp von der Seite heran. Die Person muss schnell freigelegt werden.

Bundeswehr/Jana Neumann

Trupp macht sich nach bestimmten Muster auf die Suche

In gewissem Abstand folgen die Sondengänger ihrem Sucher und markieren das bereits abgesuchte Terrain. Den Schluss des Zuges bildet der Schaufeltrupp. Hauptfeldwebel Herzog beobachtet das Vorgehen seiner Leute genau. Später wird er die Übung gemeinsam mit den Gruppenführern auswerten.

Vom Hang hallen jetzt Rufe – der erste Suchtrupp ist fündig geworden. Am mutmaßlichen Verschüttungsort ist behutsame Maßarbeit gefragt. Der Sucher markiert eine Stelle im Schnee und ein Kamerad führt dort vorsichtig eine Sonde ein. Ist das Lawinenopfer dann lokalisiert, gräbt sich der Schaufeltrupp von der Seite heran.

Sauerstoff ist das Wichtigste. „Zuerst müssen wir deshalb immer das Gesicht freilegen“, sagt Herzog. Dabei müssen die Retter ihren Eifer mit Umsicht paaren, um den Verschütteten nicht zu verletzten.

Alle für einen: Wärmeerhalt als Teamaufgabe

Rund um die beiden entdeckten Personen helfen jetzt mehrere Soldaten. Kaum haben sie die verschütteten Kameraden freigelegt, werden die in eine Wärmepackung gehüllt und mit dem Lastenschlitten vom Berg geschafft. „Der Wärmeerhalt ist extrem wichtig“, erklärt Herzog. „Und dafür haben wir die Heating Stations.“ Im Grund handelt es sich dabei um kleine Zelte, in die der Verunglückte auf dem Schlitten hineingefahren wird.

„Drinnen führen wir ihm mit einer Wärmflasche etwas zusätzliche Wärme zu.“ Ein erheblicher Aufwand. Denn das Wasser für die Wärmflasche muss zuvor aus Schnee getaut werden. Das alles machen die Gebirgsjäger auch noch überschlagend. Ist der Tross aus einer Heating Station rausgefahren, wird weiter vorn schon die nächste Station aufgebaut.

Mehrere Soldaten bereiten im verschneiten Gelände ein Zelt für den Transport eines Verunglückten vor.

Wärmeerhalt ist wichtig. Dafür gibt es die Heating Stations. Im Grund kleine Zelte, in die der Verunglückte auf dem Schlitten überschlagend gefahren wird und wo mit einer Wärmflasche etwas zusätzliche Wärme zugeführt wird. Ein aufwendiges Verfahren.

Bundeswehr/Jana Neumann

Vorsichtig vom Berg – dem Bergungstod keine Chance

„Hierbei zeigt sich auch, wie wichtig es ist, dass wir gut mit den Skiern und Schlitten umgehen können“, unterstreicht Herzog. Die Männer und Frauen seines Zuges schwitzen trotz der Kälte gewaltig, wenn sie sich vor den Schlitten spannen oder diesen an Abfahrten abbremsen.

Jede Bewegung muss vorsichtig vor sich gehen. Starke Erschütterungen sind zu vermeiden. Denn sonst droht dem Lawinenopfer der sogenannte Bergungstod. Damit wird ein Phänomen beschrieben, dass auf Unterkühlung zurückgeht. Verliert der Körper längere Zeit mehr Wärme als er wieder generieren kann, konzentriert er sich auf die Versorgung des Körperkerns. Andere Bereiche des Körpers werden nicht mehr so stark durchblutet. Wird die Person dann wieder erwärmt, gelangt stark abgekühltes Blut aus den Extremitäten zur Körpermitte. Das kann wegen der Temperaturunterschiede im schlimmsten Fall zum Herzstillstand führen. 

Die Gebirgsjäger kommen an diesem sonnigen Wintertag auf der Reiteralpe ohne Kammerflimmern zum Ziel. Beim Debriefing hat Hauptfeldwebel Herzog zwar eine Reihe Kritikpunkte, aber im Großen und Ganzen ist er zufrieden. „Lawinenrettung ist eine komplexe Angelegenheit. Die Basics passen. An Details werden wir noch arbeiten.“ 

von Markus Tiedke