Nachgefragt

„Keine Veranlassung“ für höhere Alarmbereitschaft in Deutschland

„Keine Veranlassung“ für höhere Alarmbereitschaft in Deutschland

Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

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Eine Rakete hat ein polnisches Dorf an der Grenze zur Ukraine getroffen und zwei Männer getötet. Zuvor hatte es massive russische Luftangriffe auf Ziele in der Westukraine gegeben. Für Deutschland bestehe momentan keine Gefahr, sagt Brigadegeneral Dr. Christian Freuding in „Nachgefragt“ und ordnet auch die Lageentwicklung in Cherson ein.

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Brigadegeneral Dr. Christian Freuding leitet den Sonderstab Ukraine im Verteidigungsministerium. Mit „Nachgefragt“-Moderatorin, Frau Hauptmann Janet Watson, spricht er über den Raketeneinschlag in Polen und die Bedeutung der Befreiung von Cherson.

„Wir haben einen Angriff auf die Ukraine bisher ungeahnten Ausmaßes erlebt“, sagt Brigadegeneral Dr. Christian Freuding zu „Nachgefragt“-Moderatorin, Frau Hauptmann Janet Watson, mit Blick auf die jüngsten Angriffe auf den Westen des Landes. Die russischen Streitkräfte hätten rund 100 Flugkörper und Drohnen eingesetzt, etwa 30 hätten ihre Ziele getroffen. Die Angriffe seien auf die Infrastruktur der westukrainischen Stadt Lwiw (Lemberg) gezielt gewesen, die 50 bis 70 Kilometer von der Grenze zu Polen und zun NATONorth Atlantic Treaty Organization-Bündnisgebiet liegt.

Erstmals Opfer im NATONorth Atlantic Treaty Organization-Bündnisgebiet

Eine Flugabwehrrakete sowjetischer Bauart schlug am Dienstag im Grenzdorf Przewodów in Polen ein und tötete zwei Männer. Damit hat der Ukrainekrieg erstmals Tote auf NATONorth Atlantic Treaty Organization-Bündnisgebiet gefordert. Sowohl die NATONorth Atlantic Treaty Organization als auch die polnische Regierung aber sagten am Mittwoch, es gäbe keine Hinweise auf einen vorsätzlichen Angriff.

Die Flugabwehrrakete hätten mutmaßlich die ukrainischen Streitkräfte abgefeuert, um einen russischen Marschflugkörper abzuwehren. Es gebe auch keinen Hinweis darauf, dass Russland einen Angriff auf NATONorth Atlantic Treaty Organization-Bündnisgebiet plane. Sowohl die Ukraine als auch Russland setzen das betreffende Flugabwehrsystem ein.

Momentan keine Gefahr für Deutschland

Er halte es im Moment für unrealistisch, dass auch Deutschland von verirrten Raketen getroffen werde, so Freuding. Derzeit werde mit den Verbündeten in Polen und der Slowakei darüber gesprochen, ob die Luftverteidigungsfähigkeiten der Bundeswehr in beiden Ländern ergänzt werden sollten. Für eine Erhöhung der Alarmbereitschaft in Deutschland gebe es „im Moment keine Veranlassung“, so der Brigadegeneral.

Zuvor hatte der Leiter des Sonderstabes Ukraine im Verteidigungsministerium mit Frau Hauptmann Watson über die Rückeroberung der südukrainischen Gebietshauptstadt Cherson vor wenigen Tagen gesprochen. Die ukrainischen Streitkräfte waren unter großem Jubel der Bevölkerung in Cherson eingerückt.

Russland hatte die Stadt und die umliegende Region seit den ersten Kriegstagen besetzt gehalten und im September per Scheinreferendum annektiert. „Es ist natürlich ein Reputationsverlust für die russischen Streitkräfte“, so der Brigadegeneral. Vor allem aber sei der Erfolg der ukrainischen Streitkräfte „unglaublich wichtig für die Menschen, die aus russischer Herrschaft befreit wurden“.

Cherson ist der dritte große militärische Erfolg der Verteidiger

Die Rückeroberung Chersons habe aber nicht nur symbolische Bedeutung, so Freuding. Auch in politischer und militärischer Hinsicht bedeute sie einen Rückschlag für Russland. Zum einen sei die völkerrechtswidrige Annexion der Region nun nicht nur rechtlich, sondern auch faktisch delegitimiert. Zum anderen könnten die russischen Streitkräfte ohne den Brückenkopf Cherson weder nach Odessa ausgreifen noch Kontrolle über die westliche Schwarzmeerregion ausüben.

Eine endgültige Wende im Kriegsgeschehen wollte Freuding aber noch nicht feststellen. „Lassen Sie uns lieber von einer Zäsur sprechen: Es ist ja zum dritten Mal, dass auf operativer Ebene den Ukrainern ein Erfolg gelingt.“ Im Frühjahr hatten die ukrainischen Streitkräfte den russischen Vormarsch auf die Hauptstadt Kiew gestoppt. Mitte September waren die russischen Truppen in der Region Charkiw mit einer erfolgreichen Gegenoffensive vertrieben worden.

20.000 russischen Soldaten gelang der Rückzug

Parallel dazu war es den ukrainischen Streitkräften in Cherson gelungen, die russischen Besatzer durch die Zerstörung von zwei Brücken über den Dnipro-Fluss von der Versorgung abzuschneiden. Die Stellung der Russen war dadurch nicht mehr zu halten gewesen. Der russische Rückzug auf die andere Seite des Dnipro sei aber taktisch geschickt umgesetzt worden, erkennt der Brigadegeneral an. Es sei gelungen, sich vom Gegner zu lösen und abzusetzen. „Wir sprechen von einer Größenordnung von wahrscheinlich 20.000 Soldaten mit dem entsprechenden Material. Das ist schon eine erhebliche logistische Leistung aus russischer Sicht.“

Kontrolle und Ordnung wiederherstellen

Ein direktes Nachsetzen der Ukrainer sei unwahrscheinlich, so Freuding. Die ukrainischen Streitkräfte seien nicht so naiv, die russischen Stellungen über den Dnipro-Fluss hinweg frontal anzugreifen. „Wir werden sehen, dass die ukrainischen Streitkräfte ihre Stellungen am diesseitigen Ufer konsolidieren und von dort aus weiter gegen die russischen Streitkräfte, gegen russische Logistikeinrichtungen, gegen russische Führungseinrichtungen wirken.“

Stattdessen müssten die Befreier die Region Meter für Meter zurückgewinnen. Minen und Sprengfallen müssten beseitigt, versprengte russische Truppen bekämpft werden. „Kontrolle und Ordnung wiederherzustellen: Das sind die Aufgaben, vor denen die ukrainischen Streitkräfte jetzt in diesem Raum stehen und die sie in erheblichem Maße in den kommenden Tagen und sogar Wochen binden werden.“

Eine Unterbrechung oder gar ein Ende der Kämpfe über die Wintermonate sei unwahrscheinlich, so der Leiter des Sonderstabes Ukraine im Verteidigungsministerium: „Wir werden ein Abnehmen des Operationstempos sehen, wir werden aber weiter Operationen sehen. Davon bin ich überzeugt. Auch an allen Fronten.“

von Timo Kather

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