Nachgefragt

Der Ukraine-Krieg und seine psychologischen Folgen

Der Ukraine-Krieg und seine psychologischen Folgen

  • Landes- und Bündnisverteidigung
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Seit sieben Wochen hält der Krieg in der Ukraine die Welt in Atem. Immer wieder erreichen uns Bilder von Massakern und Gräueltaten an Zivilisten. Sollen wir diese Bilder sehen, müssen wir sie sehen? Dazu äußert sich in dieser Folge von „Nachgefragt“ Susanne Bruns, die Leiterin des Psychologischen Dienstes der Bundeswehr. 

Susanne Bruns, die Leiterin des Psychologischen Dienstes der Bundeswehr, spricht über die Wirkung der Bilder des Krieges, die Ursprünge von Gewalt und die Folgerungen für die Ausbildung in der Bundeswehr

„Der Krieg verunsichert uns“, erklärt Susanne Bruns, die Leiterin des Psychologischen Dienstes der Bundeswehr, „denn nach dem Fall der Mauer haben wir gedacht, wir sind umgeben von Freunden, es wird keinen Angriffskrieg in Europa mehr geben.“ Doch jetzt herrscht Krieg in Europa und viele Menschen verspüren Gefühle wie Angst, Wut und Hilfslosigkeit, gerade angesichts der Bilder von getöteten Zivilisten und enormen Zerstörungen in der Ukraine. „Trotzdem ist es wichtig, hinzusehen“, sagt die Psychologin Susanne Bruns. „Man sieht das Leid der Menschen und nicht zuletzt durch die Geflüchteten werden wir damit konfrontiert“.

Ursachen der Gewalt

Wie es zu Gräueltaten im Krieg kommen könne, damit beschäftige sich die Psychologie schon sehr lange, so Susanne Bruns. Die Neigung zu Aggression sei dabei teilweise angeboren, aber auch eine Frage der Erziehung.

„In unserer Gesellschaft versuchen wir Kinder so zu erziehen, dass sie Konflikte gewaltfrei lösen.“ Es gebe aber Menschen, die wenig emphatisch seien und wenig Mitgefühl zeigten und dann schlimmstenfalls Gewalt gegen andere ausübten.

Doch wie kann es zu den Gräueltaten in der Ukraine kommen? „Der Mensch ist ein soziales Wesen und orientiert sich an dem, was andere machen“, erklärt Susanne Bruns. „Wenn ich in einer Gruppe bin, in der es legitim ist, Gewalt auszuüben, in der andere das auch tun, dann denke ich: so kann ich mich verhalten, denn ich habe ja keine Sanktionen zu befürchten“.

Wenn niemand dem Einhalt gebiete, könne es dazu kommen, dass Soldaten, die sich schon ergeben haben, erschossen werden. Ganz wichtig sei dabei die Rolle des Führungspersonals, das solche Situationen erkennen und dagegenwirken müsse. „Wenn das Führungspersonal das nicht unterbindet oder sogar fördert, dann ist der Gewalt Tür und Tor geöffnet.“

Mit Ausbildung zur Handlungssicherheit

Bei der Bundeswehr werde geprüft, ob Bewerber die Grundeignung als Soldat mitbringen, zum Beispiel soziale Kompetenz oder Belastbarkeit. „Dann ist es uns aber wichtig, dass wir junge Offiziere weiterentwickeln. Das beginnt schon mit dem Studium und den anschließenden Verwendungen und Ausbildungen, wo der Soldat und die Soldatin lernen, zu führen“. Das Menschenbild in der Bundeswehr sei dabei geprägt vom Grundgesetz und den Prinzipien der Inneren Führung: „Führungskräfte bei der Bundeswehr lernen eben auch, dass sie Befehle nicht nur stumpf ausführen, sondern sich fragen: darf ich diesen Befehl befolgen? Ist er zulässig vor dem Hintergrund des Grundgesetzes?“ Wenn der Befehl gegeben würde, jemand zu quälen und zu demütigen, sei das nicht vereinbar mit unserer Gesetzgebung und den Befehl dürfe der Soldat dann nicht befolgen, erläutert die Psychologin. „Das ist ein wesentlicher Unterschied zu autoritären Streitkräften, die nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam vorgehen“.

Um Soldatinnen und Soldaten auf Extremsituationen vorzubereiten, sei eine einsatznahe Ausbildung nötig, etwa Sanitätsausbildungen mit Verletztendarstellern: „Da wird man in eine Situation gebracht, die der Realität schon sehr nahekommt und wo man unter Stress handeln muss“. Das trage wesentlich zur Handlungssicherheit bei.
Die Psychologen der Bundeswehr erörterten ständig mit den Soldaten im Einsatz, was belastend sein könne und wie Abhilfe geschaffen werden könne.

Folgen der Bilder des Krieges

Mit der Stärkung der NATO-Ostflanke, an der auch die Bundeswehr beteiligt ist, gingen die Soldaten allerdings sehr professionell um, erklärt Susanne Bruns. Fragen und Sorgen hätten eher die Angehörigen.

Angst sei angesichts der Ereignisse in der Ukraine verständlich und berechtigt. Das gelte gerade bei älteren Menschen, die noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, oder bei Menschen in Deutschland, die vor Kriegen geflohen sind. Dabei einbezogen werden müssten aber auch Soldaten, die in Auslandseinsätzen kriegsähnliche Situationen erlebt haben. „Bei diesen Menschen kommen möglicherweise Erinnerungen an das eigene Erleben hoch, das kann sehr belastend sein“. Hier sei wichtig, dass die Gesellschaft Verständnis dafür habe. 

Wer von den Ereignissen in der Ukraine überwältigt werde, solle eventuell weniger Nachrichten konsumieren, vor allem aber das Gespräch mit vertrauten Menschen suchen, rät die Leiterin des Psychologischen Dienstes. Meditation und Entspannungsübungen könnten ebenfalls helfen. Wenn nötig, müsse man aber auch medizinische Hilfe in Anspruch nehmen.

von Robert Annetzberger

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