Das Fernmeldewesen: Vom „Ackerschnacker“ zur Satellitenkommunikation

Das Fernmeldewesen: Vom „Ackerschnacker“ zur Satellitenkommunikation

  • Cyber- & Informationsraum
  • Bundeswehr
Ort:
Bonn
Lesedauer:
6 MIN

Im November 2020 feiert die Bundeswehr ihr 65-jähriges Bestehen. Von Anfang an wichtig und mit dabei sind die Fernmelder, die seit damals eine rasante Entwicklung erlebt haben.

Arcivfoto: Soldaten bauen eine Antenne auf

1956: Fernmeldesoldaten beim Aufbau ein Richtfunkstelle mit dem Richtfunkgerät TRC 3

Bundeswehr

Die früher liebevoll „Kabelaffen“ genannten Fernmeldebataillone haben sich vielfältig weiter entwickelt. Im Organisationsbereich CIRCyber- und Informationsraum wurden aus ihnen die hoch spezialisierten Bataillone für Informationstechnik und Elektronische Kampfführung (EloKaElektronische Kampfführung). Diese gehören seit 2017 dem in demselben Jahr neu aufgestellten militärischen Organisationsbereich Cyber- und Informationsraum (CIRCyber- und Informationsraum) an. Die beeindruckende technische Entwicklung – vor allem die Digitalisierung der Systeme und die Satellitenkommunikation – zeigt: Diese Truppe kann Fortschritt.

Aufbau der Fernmeldeverbände ab 1956

Ein Blick zurück: In der Zeit des Kalten Krieges sahen die West-Verbündeten die Notwendigkeit, Deutschland in ihre militärische Strategie gegenüber der Sowjetunion einzubinden. Nach dem Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zum transatlantischen Bündnis 1955 begann die Aufstellung der Bundeswehr als Verteidigungsarmee innerhalb der NATONorth Atlantic Treaty Organization.

Die Geschichte der Fernmeldetruppe in der Bundeswehr beginnt mit der Fernmeldetruppe des Heeres. Ihr Auftrag: Fernmeldeverbindungen herstellen, betreiben und schützen, um die Führungs- und Handlungsfähigkeit der Streitkräfte zu gewährleisten. Auch die elektronische Kampfführung gehörte von Anfang an zu ihrem Auftrag: Einblick in die Führungsmaßnahmen des Feindes, Stören und Täuschen des gegnerischen Fernmeldeverkehrs und -elektronik sind nur einige Beispiele dieser Aufgaben.

Archivbild: Ein Soldat an einem Telefon

1977 fand im Fernmeldeverbindungsdienst des Feldheeres die Einführung des automatischen Selbstwählsystems AutKo statt.

Bundeswehr
Ein Soldat baut eine Antenne auf.

2020: Mit kleinsten Satellitenanlagen können Verbindungen hergestellt und betrieben werden.

Bundeswehr/Andrea Bienert

Gebrauchte Geräteausstattung für den Anfang

Die Geräteausstattung der Fernmeldekräfte besteht anfangs aus Funkgeräten der USUnited States-Armee, teilweise des Bundesgrenzschutzes sowie aus Fernsprech- und Fernschreibgerät der ehemaligen Wehrmacht. Mit wenigen Kurzwellenempfängern beginnen die Fernmeldeaufklärungskräfte (spätere EloKaElektronische Kampfführung) mit der Erfassung des sowjetischen Funkverkehrs auf dem Gebiet der DDRDeutsche Demokratische Republik. 1959 wurde die Truppe mit Fahrzeugen der ersten geländegängigen Fahrzeuggeneration der Bundeswehr ausgestattet. Ab 1964 verschiebt sich der Schwerpunkt beim Material immer weiter in Richtung mobile Einsatzbereitschaft (Elo-Aufklärungsgerätesatz Luchs/RMBRadio Multiband).

Funktechnik ersetzt den „Ackerschnacker“

Oberstabsfeldwebel Dieter Schmitz, der heute als Leiter Service Desk im IT-Bataillon 293 in Murnau eingesetzt ist, erinnert sich noch gut an die Zeit der kabelgebundenen Feldtelefone, auch „Ackerschnacker“ genannt. In den Jahren 1987 bis 1990 hat er als Fernsprechgerätemechaniker in der Fernmeldewerkstatt des Flugkörpergeschwaders 2 in Geilenkirchen fast täglich mit dem Ackerschnacker zu tun gehabt. „Bei allen Übungen des Geschwaders war es das Kommunikationsmittel überhaupt“, so Schmitz.

In einer mobilen Werkstatt haben er und seine Kameraden defekte Geräte repariert. „Bei der Instandsetzung wurde immer eine ,Blasprobe' zum Prüfen der Sprecheinrichtung und ein ,Weckerfunktionstest' zum Prüfen der Rufeinrichtung durchgeführt. Gerade beim Weckerfunktionstest haben sich unerfahrene Soldaten oftmals sehr erschreckt, weil beim Drehen der Kurbel und gleichzeitigem Berühren der Drehklemmen ein durchaus kräftiger Stromschlag an den Finger entstehen konnte“, lacht Schmitz.

Ein Soldat mit einem Feldfernsprecher

Oberstabsfeldwebel Dieter Schmitz erinnert sich noch gut an die Zeit der kabelgebundenen Feldtelefone, auch „Ackerschnacker" genannt

Bundeswehr/Dieter Schmitz


Mit steigender Mobilität der militärischen Einheiten wird der Feldfernsprecher dann zunehmend durch Funktechnik ersetzt. Mit der Einführung der Richtfunkgeräte FM 12/800 und der Trägerfrequenzsysteme VZ 12 T verfügt die Fernmeldetruppe in den Sechzigerjahren über bewegliche und leistungsstarke Weitverkehrsmittel. Richtfunkverbindungen werden damit zum Hauptverbindungsmittel. Das Richtfunkgerät FM 120/5000 ermöglicht es, mit dem Einsatz fester und mobiler Stationen analoge Richtfunknetze einzurichten. Eine komplette Richtfunkstelle mit einem 25-Meter-Gittermast passt in zwei Fahrzeuge für 1,5 Tonnen Nutzlast: Die Mobilität ist in vollem Gange.

Vom Troposcatter zur Satellitenkommunikation

Vorrangige Aufgabe der Fernmeldetruppe bleibt es, die technischen Voraussetzungen für die Führungsfähigkeit der Bundeswehr zu schaffen. 1971 findet die erste NATONorth Atlantic Treaty Organization-Übung statt: Dort wird die Zusammenarbeit politischer, militärischer und ziviler Institutionen – sowie national als auch bündnisübergreifend – im Krisenfall geübt.

Damals wie heute geht es dabei vor allem um die Aus- und Weiterbildung des Personals, die Erprobung von Verfahren und das Erkennen von Schwachstellen. Vor allem die Kommunikation untereinander steht im Vordergrund ebenso wie bei heutigen multinationalen Cyberübungen wie der CWIX (Coalition Warrior Interoperability Exercise). Ab 1971 werden die ersten Troposcatter-Verbindungen – auch Troposphärenfunk genannt – erprobt, mit denen Reichweiten um 800 Kilometer möglich sind, die mit Richtfunk nicht erzielt werden können.

Eine Kabine von innen

Truppenversuch AutoKo: ein wählfähiges Weitverkehrsnetz

Bundeswehr

Das automatische Selbstwahlsystem

1977 wird das automatische Selbstwählsystem AutoKo I (Automatisierung des Korps-Stammnetzes), ein Weitverkehrsnetz, eingeführt. Dies sorgt dafür, dass es auf dem Gefechtsfeld ausreichend Anschlussmöglichkeiten an die Knotenpunkte für die Fernverbindungen gibt. Ab 1986 wird AutoKo II eingesetzt, das noch auf analoger Technik aufbaut. Neben der Sprach- und Fernschreibübertragung lassen sich über Modems Daten bis zu einer Übertragungsrate von 2,4 kbit/s übermitteln. Es ist ein korpsweites Fernmeldenetz aus miteinander verbundenen Fernmeldeknoten, die über digitalisierten Richtfunk miteinander verbunden sind.

1998 wird ein Wählfernsprecher mit Modemanschluss von der Firma Krone beschafft. Dieser Feldfernsprecher wird im System AutoKo 90 (Automatisiertes Kommunikationsnetz 90) betrieben und hauptsächlich von Truppenteilen genutzt, die für Richtfunkstrecken verantwortlich sind. Mit dem mobilen, digitalen und automatisierten Weitverkehrskommunikationsnetz AutoKo 90 kann die Fernmeldetruppe flexibel konfigurierbare Fernmeldenetze für Großverbände einrichten und raumdeckend mit Fernmeldeanschlussstellen betreiben. Das Netz besteht im Kern aus mobilen Vermittlungsknoten. Richtfunk- und Kabelverbindungen, Satellitenverbindungen oder terrestrische Übertragungswege verbinden die Netzstruktur im Operationsgebiet.

Einsatz von Satellitenkommunikation

Nach der Wiedervereinigung 1990 wird die Nationale Volksarmee (NVANationale Volksarmee) der ehemaligen DDRDeutsche Demokratische Republik aufgelöst. Personal und Material werden in begrenztem Umfang in die Bundeswehr integriert. Für die Fernmeldetruppe beginnt aufgrund einer umfassenden Änderung ihrer Aufgaben- und Organisationsstruktur eine Zeit der Neuorientierung. Die Zeit der Auslandseinsätze beginnt: Nachdem sich die Bundeswehr bereits seit 1960 an einer Vielzahl von Einsätzen im Rahmen humanitärer Hilfeleistungen beteiligt hat, nimmt sie ab 1990 in größerem Umfang an der ganzen Bandbreite internationaler Einsätze teil.

Die Führungsunterstützung bei Auslandseinsätzen erfolgt im Bereich der Informationsübertragung über einen Verbund aus stationären und mobilen Systemen. In Kambodscha richten Fernmelder im Rahmen einer UNUnited Nations-Mission 1992 eine Kommunikationszentrale im deutschen Hospital ein. Für die Verbindung zwischen Einsatzgebiet und Heimatland werden dort erstmals einkanalige Satellitenkommunikationsanlagen eingesetzt.

1993 werden in Somalia zum ersten Mal mehrkanalige Satellitenfunkverbindungen verwendet. Aber auch bei Katastrophenhilfe-Einsätzen in Deutschland wie dem Hochwassereinsatz entlang der Elbe im Sommer 2002 sind Fernmeldesoldaten im Einsatz, die mit ihren mobilen Richtfunkverbindungen die Kommunikationsanbindung zur Verfügung stellen.

Soldaten beim Sandsackschleppen

Auch beim Elbe-Hochwasser haben die IT-Spezialisten mit unterstützt

Bundeswehr/Panzergrenadierbrigade 37

Führung unterstützen

Nach den historischen Umbrüchen in Mittel- und Osteuropa ist das Aufgabenspektrum der Bundeswehr insgesamt vielfältiger und differenzierter geworden: von humanitären Hilfseinsätzen und von friedenssichernden und friedensschaffenden Operationen bis zur Landes- und Bündnisverteidigung. Tägliche Realität sind die Einsätze im Rahmen des internationalen Krisenmanagements.

Der Auftrag der Fernmeldetruppen besteht nun auch darin, die Führungsunterstützung für den Einsatz sowie des Ausbildungs- und Übungsbetriebs zu gewährleisten. In den Auslandseinsätzen, etwa im Kosovo, Afghanistan oder Mali, sind die Fernmeldekräfte mit ihren mobilen Führungs- und Fernmeldemitteln im Einsatz. Auch heute stellen sie die Kommunikation und die Anbindung aller Truppenteile an mittlerweile digitale Lagebilder sicher, von Deutschland aus mit strategischen Kommunikationssystemen wie beispielsweise dem stationären Bodensegment Satcom-Mehrkanal und einer Kommunikationsbasis im Einsatzgebiet. 

Zwei Personen an einem Rechner

Die IT-Systeme der Bundeswehr werden rund um die Uhr überwacht

Bundeswehr/ Martina Pump

Neues Wirken im Cyber- und Informationsraum

Seit Juli 2017 sind das Kommando Informationstechnik der Bundeswehr und das Kommando Strategische Aufklärung in den Organisationsbereich CIRCyber- und Informationsraum integriert. Damit ist, neben den in den übrigen Teilstreitkräften und Organisationsbereichen vorhandenen Kräften, ein bedeutender Teil der früheren Fernmeldekräfte in dem Wirkungsraum gebündelt, der aufgrund der steigenden Gefahr von Cyberangriffen und hybriden Bedrohungen zu einer wichtigen militärischen Dimension geworden ist. Es sind gerade auch IT-Soldaten, die in den Einsätzen als Erste vor Ort sind und ihn als Letzte verlassen, um mit ihren Fähigkeiten in den Bereichen Satellitenkommunikation, Netzwerktechnik, Servertechnik, verschlüsselte mobile Kommunikation und digitaler Richtfunk für eine reibungslose militärische Kommunikation zu sorgen und somit die Voraussetzung für eine erfolgreiche Auftragserfüllung der Streitkräfte sorgen.

von Martina Pump  E-Mail schreiben
Ein Soldat steht vor zwei Fahrzeugen mit Antennen

Verbinden

Das ist der Auftrag des Organisationsbereiches CIR.