„Wir tun gut daran, den Gegner nicht zu unterschätzen“
Landes- und Bündnisverteidigung- Datum:
- Ort:
- Berlin
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Die Debatte um den Schutz Grönlands zeigte erneut, welche Bedeutung die maritimen Handels- und Nachschubwege für die NATONorth Atlantic Treaty Organization haben. Dies gilt sowohl im Nordatlantik als auch in der Ostsee, wo sich Verbände des Bündnisses und die Flotte Russlands nahekommen. Wie trägt die Marine der Bundeswehr zur maritimen Sicherheit bei?
„Grönland hat eine ganz wichtige Riegelstellung im Nordatlantik“, sagt Vizeadmiral Jan Christian Kaack zu Major Hannes Lembke, welcher für die neue Folge von „Nachgefragt Extra“ zum Marinekommando nach Rostock gefahren war. „Hier gehen die wichtigen Seeverbindungswege zur Versorgung Europas von Nordamerika durch“, erklärt der Inspekteur der Marine. „Und hier ist auch das Aufmarschgebiet russischer Seestreitkräfte über und unter Wasser mit den bekannten Atom-U-Booten, die – wenn sie durchbrechen – Europa und Amerika von hinten bedrohen können.“ Um dies zu verhindern, seien Kriegsschiffe und Aufklärungsflugzeuge der Bundeswehr regelmäßig in der Region unterwegs, so Kaack – entweder als Teil von Ständigen NATONorth Atlantic Treaty Organization-Einsatzverbänden oder bei Manövern an der Seite der Alliierten.
Doch die Sicherheit der Seewege im Nordatlantik ist nicht das einzige Thema, das den Chef der Seestreitkräfte umtreibt – denn Russland verfügt auch über starke Kräfte in der Ostsee: Die baltische Flotte Russlands hat ihre Basis in der Exklave Kaliningrad zwischen Polen und Litauen. „Wir sehen den Gegner täglich in See und wir sehen, was sich verändert“, berichtet Kaack. „Wir sehen, dass er aggressiver auf unsere Einheiten zugeht. Wir sehen Drohnenüberflüge, wir sehen GPSGlobal Positioning System-Störungen.“ Zudem rüste Russland seine Seestreitkräfte massiv auf, so der Vizeadmiral. „Auch wenn die Masse der russischen Streitkräfte in der Ukraine gebunden ist: In der Nordflotte und in der baltischen Flotte wird ungebremst gerüstet und modernste Waffensysteme, auch Hyperschallflugkörper, werden installiert.“
Mit Finnland und Schweden habe die NATONorth Atlantic Treaty Organization zwar kürzlich zwei neue Ostseeanrainer mit schlagkräftigen Seestreitkräften hinzugewonnen, so der Inspekteur der Marine – dennoch könne die russische Marine den Alliierten in der Ostsee das Leben schwermachen. „Wenn die Ostseezugänge dicht sein sollten aufgrund gegnerischer Aktionen, werden Finnland und das Baltikum zur Insel“, warnt Kaack. „Insofern tun wir gut daran, alles daran zu setzen, dass wir den Gegner hier nicht unterschätzen.“
Insgesamt würde er die Sicherheitslage in der Ostsee aber dennoch als stabil bezeichnen, so der Marine-Inspekteur. „Aber auch nur deswegen, weil wir erhebliche Mittel ansetzen zusammen mit unseren Partnern in der Ostsee, um die Lage sicher und stabil zu halten.“ Deutschland sei für den Aufbau des Kommandos Task Force Baltic zur Kontrolle der Ostsee maßgeblich verantwortlich und beteilige sich auch an den Einsatzverbänden der NATONorth Atlantic Treaty Organization, die für den Schutz des Binnenmeeres sorgen.
Die Marine der Bundeswehr übernehme somit eine führende Rolle beim Schutz der Ostsee, so der Vizeadmiral. Dies werde von den Alliierten erwartet – auch, weil Deutschland der größte NATONorth Atlantic Treaty Organization-Partner in der Region sei. „Man schaut auf uns, ob wir das wollen oder nicht“, sagt Kaack. Den Verbündeten müsse gezeigt werden, dass man für sie einstehe.
Auch deshalb investiert die Bundeswehr viel Geld in moderne Waffen- und Aufklärungssysteme für die Marine. Mit dem Seefernaufklärer P-8A Poseidon, dem Hubschrauber Sea Tiger und der Beschaffung von Großdrohnen werde insbesondere der fliegerische Bereich der Marine komplett umgebaut, so Kaack. Anschließend werde die gesamte Marine nach und nach erneuert. „Wir werden über längere Zeiträume in den großen Seeräumen noch bemannte große Schiffe haben, die lange stehen können, die ihre Aufträge erfüllen können in Zusammenarbeit mit unbemannten Systemen oder auch Seefernaufklärern“, sagt der Vizeadmiral. In besonders gefährdeten Küstengewässern hingegen werde man künftig eher auf unbemannte oder teilbemannte Systeme setzen, schließt der Inspekteur der Marine. „Einfach um auch die Truppen, die Männer und Frauen, aus der Gefährdung herauszunehmen.“
von Timo Kather