„Wir müssen mit einer sehr hohen Zahl von Verwundeten rechnen“
Landes- und Bündnisverteidigung- Datum:
- Ort:
- Berlin
- Lesedauer:
- 4 MIN
Würde die NATONorth Atlantic Treaty Organization zum Beispiel im Baltikum angegriffen, gäbe es viele Verwundete. Um sie angemessen zu versorgen, müsste der Sanitätsdienst der Bundeswehr mit zivilen Rettungsorganisationen und Krankenhäusern in Deutschland zusammenarbeiten. Der Transport aus dem Kampfgebiet und die Verteilung der Verletzten wird bei der Übung Medic Quadriga geprobt.
Was passiert, wenn die NATONorth Atlantic Treaty Organization angegriffen wird und der Bündnisfall eintritt? Generaloberstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann gibt eine ehrliche Antwort: „Wir müssen schon mit einer sehr hohen Zahl von Verwundeten rechnen“, sagt der Befehlshaber des Sanitätsdienstes der Bundeswehr zur Moderatorin von „Nachgefragt“, Frau Hauptmann Beate Schöne. Um die verletzten Soldatinnen und Soldaten zur Behandlung in die Heimat zu bringen, würden verschiedene Transportmittel eingesetzt. „Weil wir nicht genau wissen, ob wir über Land transportieren können, ob wir die Patienten über die Luft zurücktransportieren können oder über See.“
Eines dieser Transportmittel sind Flugzeuge des Typs A400M. „Das ist das Arbeitspferd für den Transport von Verwundeten durch die Luft zurück von einem möglichen Einsatzgebiet nach Deutschland“, sagt Hoffmann. Die neueste Variante könne in nur 90 Minuten in eine „fliegende Intensivstation“ für zehn schwer verwundete Patientinnen und Patienten verwandelt werden. „In der Regel haben sie eine erste Versorgung im Einsatzland bekommen“, sagt Hoffmann. „Dennoch muss die Kontinuität der Behandlung sichergestellt sein, damit es nicht zu einer Verschlechterung des medizinischen Zustandes kommt.“
Um die nahtlose Behandlung verwundeter Soldatinnen und Soldaten zu gewährleisten, gibt es die sogenannte Rettungskette. „Es geht darum, die Versorgung von verwundeten Soldatinnen und Soldaten vom Ort der Verwundung bis hin zur Rehabilitation sicherzustellen“, fasst Hoffmann zusammen. Die Erste Hilfe werde direkt vor Ort von den Kameraden und Kameradinnen geleistet. „Danach steigt der Sanitätsdienst ein, übernimmt die Patienten und transportiert sie zur ersten medizinischen Stabilisierung.“ Dafür werde ein Radpanzer des Typs Boxer eingesetzt, denn Rettungskräfte könnten in der Kampfzone gezielt beschossen werden, so Hoffmann. Der Boxer sei gegen Explosionen geschützt und könne bis zu drei Patienten in Sicherheit bringen.
Nach der Behandlung durch einen Notarzt gehe es für die Verwundeten zur chirurgischen Stabilisierung und danach ins Einsatzlazarett. „Das ist eine große Einrichtung, wo verschiedene medizinische Fachgebiete abgebildet werden“, sagt der Generaloberstabsarzt. Die vierte und letzte Ebene der Rettungskette befinde sich dann in Deutschland, wo es um die Genesung und die Rehabilitation der Patienten gehe. Über einen Sammelpunkt müssten die Verletzten zur Weiterbehandlung in die Fachkliniken verteilt werden. „Die Verteilung der Patienten auf die Ebene Vier ist dann die Herausforderung, vor der wir hier in Deutschland stehen – und das ist genau das, was wir hier zusammen mit unseren zivilen Partnern auch üben bei Medic Quadriga“, sagt Hoffmann.
Der Sanitätsdienst sei bei der Versorgung einer großen Zahl von Verletzten auf die Unterstützung der zivilen Krankenhäuser angewiesen, so Hoffmann – denn im Konfliktfall seien die Kräfte des Sanitätsdienstes in der Kampfzone gebunden. Die zivil-militärische Zusammenarbeit klappt, lobt Hoffmann: „Wir haben während der Übung festgestellt, wie außergewöhnlich gut das funktioniert und wie sehr doch zivile und militärische Kräfte Hand in Hand arbeiten, um einen möglichst gezielten und fachlich begründeten Patientenfluss zu gewährleisten.“
Im Bündnisfall müsse von einer starken Belastung des Gesundheitssystems ausgegangen werden, ergänzt er. „Das betrifft nicht nur eine Mehrbelastung durch zurückkehrende Soldatinnen und Soldaten, die behandelt werden müssen“, so Hoffmann. „Wir gehen davon aus, dass es auch Aktionen in Deutschland geben wird des Feindes und es zu einem Mehr an Patienten kommen wird.“ Entscheidend sei, sich bestmöglich auf eine solche Situation vorzubereiten, sagt Hoffmann. „Wir werden weiterhin intensiv üben müssen, was das Zusammenspiel der Kräfte angeht.“
von Timo Kather