Cyber Phoenix 2025: IT-Forensik im Fokus
Cyber-Reservistinnen und -Reservisten trainieren die IT-Forensik und Analyse komplexer Cyberangriffe in multinationaler Zusammenarbeit.
Im Cyber- und Inforamtionsraum beobachten Soldatinnen und Soldaten im Schichtbetrieb rund um die Uhr gleichzeitig mehrere komplizierte Systeme. Sie sammeln eine Flut komplexer Daten, die sie schnell bewerten müssen. Der mentale Druck ist oft enorm. Eine Truppenpsychologin berichtet über Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit und Möglichkeiten, die Resilienz zu stärken.
Durch Übungen wird nicht nur die technische, sondern auch die kognitive Resilienz bei der Bundeswehr trainiert
Bundeswehr/Susanne CarleDie Menge an Informationen – im beruflichen wie im privaten Umfeld – die über verschiedene Software- und Kommunikationssysteme eingehen, kann das menschliche Gehirn schnell an seine Grenzen bringen. Vor allem dann, wenn diese Informationen wie in verschiedenen Dienststellen der Teilstreitkraft CIR – beispielsweise der Aufklärung oder dem Militärischen Nachrichtenwesen – parallel überwacht, sehr schnell ausgewertet und priorisiert werden müssen.
Das gilt besonders im militärischen Umfeld, in dem viele Datenströme unter Zeitdruck zusammenlaufen und dennoch zuverlässig eingeordnet werden müssen. Von der Schnelligkeit und Zuverlässigkeit können wichtige militärische Entscheidungen abhängen. Diese dauerhafte Reiz- und Informationsflut kann jedoch zu digitalem, sogenanntem Techno-Stress führen. Wie sich diese ganze Flut an eingehenden und zu verarbeitenden Informationen auf die kognitive Leistungsfähigkeit und Resilienz auswirkt, erklärt Frau Oberregierungsrätin Britta H., Truppenpsychologin im Kommando CIR in Bonn.
Was ist bei einer Informationsflut aus psychologischer Sicht die größte Gefahr für die Soldatinnen und Soldaten?
Die größte Gefahr liegt darin, dass unter hoher Belastung relevante Informationen zu spät erkannt, falsch bewertet oder übersehen werden. Im militärischen Kontext kann das unmittelbare Folgen für die operative und taktische Planung haben. Hinzu kommt der Druck, unter Stress gleichzeitig mehrere Dinge im Blick behalten zu müssen: Displays, Systeme, Meldungen und die Lage im Umfeld. Genau hier entsteht schnell die Multitasking-Falle. Das menschliche Gehirn kann diese Vielzahl an Informationen nur begrenzt gleichzeitig verarbeiten. Auf Dauer kann dies zu Gefühlen der Angst und Überforderung, Gereiztheit sowie Erschöpfung führen.
Kann man die Widerstandsfähigkeit gegen kognitive Überbelastung erhöhen?
Ja, auf jeden Fall. Resilienz lässt sich trainieren, indem Abläufe regelmäßig geübt und unter steigenden Schwierigkeitsgraden wiederholt werden. Wenn bestimmte Reaktionsmuster verinnerlicht sind, greift der Kopf in Stresssituationen quasi automatisch auf diese erlernten Handlungsabläufe zurück. Das wiederum stärkt die Handlungssicherheit und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Ein gutes Beispiel dafür sind die internationale Übungen Locked Shields, die Defence Cyber Marvel oder die in Zusammenarbeit mit der Universität der Bundeswehr München und der Cyberreserve jährlich stattfindende Übung Cyber Phoenix. Dort wird unter realitätsnahen Bedingungen trainiert, wie man in einer komplexen Cyberlage auch unter Zeitdruck den Überblick behält. Teams müssen gleichzeitig Angriffe erkennen, Systeme stabil halten, Informationen bewerten und Entscheidungen abstimmen. Gerade diese Mischung aus technischer, zeitlicher und mentaler Belastung hilft dabei, Stresssituationen besser zu bewältigen und Routine für den Ernstfall aufzubauen.
Welche anderen Wege gibt es, um eine Überbelastung oder Stress zu vermeiden?
Wichtig ist zunächst, dass Software und Systeme möglichst benutzerfreundlich gestaltet sind. Informationen sollten intuitiv auffindbar und klar priorisiert sein. Je einfacher die Bedienung, desto geringer ist die zusätzliche kognitive Belastung. Auch künstliche Intelligenz kann hier unterstützen, ersetzt aber nicht die menschliche Prüfung, Einordnung und Verantwortungsübernahme.
Darüber hinaus helfen bewusste Pausen, technische Auszeiten und digitales „Detoxing“, also das digitale „Entgiften“, indem man sich bewusst Zeit ohne technische Geräte wie PC, Tablet oder Smartphone nimmt. Auch soziale Kontakte, Achtsamkeitsübungen, Atem- und Entspannungstechniken sowie Bewegung — am besten in der Natur — können den Körper und den Kopf entlasten. Wissenschaftlich ist belegt, dass Aufenthalte in der Natur und Bewegung den Stresspegel senken und die kognitive Leistungsfähigkeit unterstützen.
Beide können im Zusammenhang mit weiteren physischen und psychischen Belastungen auch zu Folgeerkrankungen führen, wenn sie dauerhaft auf Personen einwirken und nicht behandelt werden. Bei einer dauerhaft hohen Belastung sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden, um solche Folgeerkrankungen zu vermeiden.
Komplexe Systeme, viele Daten, hoher Zeitdruck: Kognitive Belastung ist ein Thema, was viele Branchen betrifft – auch der Soldatenberuf ist davon nicht ausgenommen
Bundeswehr/Rolf Klatt
Übermäßige Belastung durch Informationsflut und digitaler Stress können krank machen
Bundeswehr/Anna Derr