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Mann unter Feuer – als Zugführer in Afghanistan

Mann unter Feuer – als Zugführer in Afghanistan

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Ort:
Strausberg
Lesedauer:
9 MIN

Als Zugführer in Afghanistan hat Stabsfeldwebel Ralf Siegenführ viel erlebt. Seine Soldaten und er standen 2009 von März bis Juli oft unter Feuer. Sie kämpften gegen die Taliban und die Gefahren durch Selbstmordattentäter. Sprengfallen waren allgegenwärtig. Wir sprechen mit ihm über die damaligen Gefechte und Lehren für die Ausbildung heute.

Mehrere Soldaten stehen verteilt am Rand einer Dorfstraße und sichern den Weg des herannahenden Panzers.

Stabsfeldwebel Ralf Siegenführ (r.) koordiniert per Funk seinen Zug. Der Transportpanzer Fuchs im Hintergrund hat seine Beschussklappen für die Scheiben geschlossen – ein Zeichen für Gefahr.

Bundeswehr

Herr Stabsfeldwebel, wie haben Sie sich persönlich auf diesen Einsatz von März bis Juli 2009 bei der ISAFInternational Security Assistance Force-Mission in Afghanistan vorbereitet?

Stabsfeldwebel Siegenführ: In der Vorbereitungsphase, als klar war, dass wir nach Afghanistan gehen, habe ich mich persönlich intensiver mit dem Land beschäftigt, habe im Internet recherchiert, Nachrichten geschaut, Text- und Bildquellen ausgewertet, Bücher gekauft. Es war klar, dass der Einsatz gefährlich und intensiv werden wird. Auch war klar, dass es „den“ Feind nicht gibt, sondern dass es Mafia, Taliban, andere sogenannte Aufständische, in Englisch insurgents, geben wird. Natürlich haben auch wir mitbekommen, dass es bereits Gefallene gab. Meine Frau machte sich Sorgen. Sie weiß natürlich, was ich für einen Job habe. Wegen des bevorstehenden Einsatzes 2009 in Afghanistan war sie aber sehr beunruhigt.

Wie war das, als Sie schließlich Anfang März aus dem Flugzeug in Afghanistan stiegen?

Als wir aus dem Flugzeug, der Transall, stiegen und dann zum ersten Mal auf dem Flugfeld in Afghanistan standen, da haben wir ganz deutlich diese „bad vibrations“, also die schlechten Schwingungen, gespürt. Daran kann ich mich heute noch gut erinnern.

Ein Fahrzeug ist von einem unbefestigten Weg abgekommen und teilweise in einen Graben gerutscht. Soldaten sichern es.

Ein Transportpanzer Fuchs ist auf einer engen und brüchigen Straße abgerutscht. Besonders brisant: Die Straße befindet sich inmitten einer Taliban-Hochburg.

Reuters/Kai Pfaffenbach

Im Rückblick, mit dem Abstand von mittlerweile mehr als zehn Jahren, habe ich festgestellt, dass die Schlagzahl dann später unwahrscheinlich hoch war. Zunächst übernahmen wir Material. Mein Vorgänger wies mich ein, erläuterte mir die Lage. Oberflächlich war alles ruhig. Das hieß aber nicht, dass wir nichts zu tun hatten – im Gegenteil. Bereits vier Tage nach unserer Ankunft erhielten wir schon den ersten Auftrag bei Kundus in einer Taliban-Hochburg. Das war eine große Verantwortung, als Frischling für seine 36 Soldaten gleich in die Vollen zu müssen. Wir fuhren quasi von null auf 100 in kürzester Zeit hoch. Die Belastung und der Druck waren enorm. Ich hatte noch den Verabschiedungsappell im Kopf, bei dem mir eine Mutter sagte, ich solle ihren Sohn heil nach Hause bringen.

Wie sind Sie dann in den Einsatz hineingekommen, nach dem ersten Auftrag?

Ein Soldat liegt mit seiner Waffe im Anschlag hinter einem Sandwall.

Ein Soldat ist in Stellung gegangen. Wann greift der Feind an?

Bundeswehr

Das ging tatsächlich recht schnell, es gab keine Verschnaufpause. Man wächst ja bekanntlich mit seinen Aufgaben und wir mussten uns zwangsläufig schnell zurechtfinden. Später habe ich einen Tagebucheintrag aus der Zeit entdeckt. Da heißt es: „Nach drei Wochen Dauerbelastung – ich bin müde und erschöpft.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte der Einsatz ja eigentlich gerade erst begonnen und ehrlicherweise war da auch noch keine einzige Kugel geflogen.

Zusammenfassend stelle ich fest, dass uns das alles einiges abverlangt hat. Aber wir haben das durchgestanden. Es gab keine Alternative. Schließlich hatten wir unseren Auftrag. Hinzukommt: Ich als Zugführer hatte schließlich die Verantwortung für meine unterstellten Soldaten. Der Anspruch an mich selbst war, dass ich meinen Job so gut wie möglich erfülle und vor allem alle wieder lebend nach Hause bringe. Nachlassen war keine Option.

Ich hatte das Glück, dass ich einen Co-Zugführer hatte, der in Donaueschingen in unserem Bataillon damals auch tatsächlich Zugführer war. Zusammen bildeten wir ein tolles Team. Wir teilten uns eine Stube und sind bis heute gut befreundet. Ich war heilfroh, dass ich ihn dabeihatte – nicht nur als zweiten Zugführer, sondern vor allem als mentale Stütze.

Wie haben Sie Ihre Feuertaufe erlebt, was ist da Anfang April passiert?

Ein Gefechtsfahrzeug steht auf einer engen Dorfstraße. Drei Soldaten ringsherum sichern das Fahrzeug.

Jederzeit kann der Angriff kommen: Bei einem kurzen Stopp in einer Ortschaft sichert ein Soldat an einem Fahrzeug.

Reuters/Kai Pfaffenbach

Wir waren zu dem Zeitpunkt der schnelle Eingreifzug, das war ein 24-Stunden-Dienst. Wir waren dazu da, bei einer Krise schnellstmöglich rauszufahren und die Kräfte dort zu verstärken, also andere Soldaten zu unterstützen. Ich weiß es noch genau: Wir saßen beim Abendessen und ich hatte da das Gefühl, irgendwas wird passieren. Das bestätigten mir auch später bei einer Kur Psychologen. In Extremsituationen werden die Antennen geschärft und das war tatsächlich so. An diesem Tag war irgendwas anders. Zunächst hatte an dem Tag das Fahrzeug der Hundeführer einen Getriebeschaden. Dann wurde ein anderer Zug draußen mit einer Riesensprengladung angesprengt – das müssen so zwischen 40 und 50 Kilogramm Sprengstoff gewesen sein. Da war klar: Wenn am Morgen schon ein Zug angegriffen wird, dann wird es dabei nicht bleiben.

Fliegende Panzerfaustgranaten

Prompt klingelte das Mobiltelefon und ich sah schon auf dem Display, dass es die Operationszentrale ist: „Sofort herkommen, Befehlsausgabe, es geht los!“ Auf dem Weg dorthin rief ich dem Zug zu: „Klar zum Gefecht, auffahren am Ehrenhain!“ Der Rest ging dann automatisch. Sie lassen dann tatsächlich alles stehen und liegen, wo sie gerade sind und machen sich fertig für den Einsatz. In der Operationszentrale erhielt ich ein kurzes Briefing, wie der Auftrag lautet, wo es hingeht und dann ging es los.

Wir sollten zur Mischa-Meier-Brücke, die über den Kundus-Fluss führt, verlegen. Als wir dort ankamen, befahl uns der Chef der Schutzkompanie, erst einmal unterzuziehen und zu warten. Ich stand auf einem Sandhügel zusammen mit meinem Sicherer und dem Funker – da wurden wir plötzlich angegriffen. Das war fast surreal: Ich stand dort oben, als wenn ich gar nicht dazu gehöre, quasi weit weg von dem eigentlichen Geschehen und konnte die Szene beobachten. Dann flog die erste abgefeuerte Panzerfaustgranate Richtung Chefpanzer, verfehlte diesen aber deutlich. Dahinter war der Echo-Zug. Der Zugführer stand auf dem Dach seines Dingos. Eine weitere Panzerfaustgranate flog auf ihn zu. Ich wollte noch rufen, es hätte aber wahrscheinlich eh nichts genutzt, weil er zu weit weg war. Dann drehte er sich um und zeitgleich flog die Granate an ihm vorbei, in maximal einem Meter Entfernung. Er merkte das gar nicht.

Zwei Soldaten laufen neben einem Gefechtsfahrzeug her und sprechen miteinander.

Während einer laufenden Operation tauscht Stabsfeldwebel Ralf Siegenführ (l.) sich mit seinem Stellvertreter aus.

Bundeswehr

Die Feinde, wahrscheinlich so fünf, sechs Mann, wichen dann aus. Wenig später beruhigte sich die Lage wieder, erst einmal. Im Anschluss bekamen wir vom Kompaniechef den Auftrag, dem Feind in Form eines Spähtrupps nachzusetzen. Die Auseinandersetzung fand übrigens genau in dem gleichen Gebiet statt, in dem ein Jahr später das Karfreitagsgefecht toben sollte. Also war schon 2009 bekannt, dass dieses Gebiet sehr gefährlich ist.

Wir zogen dann in einem Pappelhain unter und bereiteten uns für die Nacht vor. In dieser Phase klärten uns dann zivile Kräfte des Feindes auf. Zunächst kamen drei Männer auf uns zu, landestypisch gekleidet. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es hilfreich sein kann, wenn man zumindest die Höflichkeitsfloskeln des jeweiligen Landes beherrscht. Also rief ich denen ein „Salam aleikum“ zu und es kam auch etwas zurück. Von daher hatte ich dabei kein schlechtes Gefühl. Kurze Zeit später kamen uns drei finster dreinblickende Männer entgegen. Die wollten uns mit Blicken fast töten. Das beunruhigte mich und wie sich später herausstellen sollte, nicht zu unrecht.

„Der Angriff galt uns“

Es wurde dunkel und wir gingen weiter. Als wir auf einen Weg abbiegen wollten, waren meine Soldaten wie ein L aufgereiht. Genau um 19.05 Uhr knallte und zischte es – scheinbar eine Rakete. Über Funk rief ich: „Stellung, Lageinfo!“ Dies bedeutet, dass sich alle Soldaten hinlegen und ich Informationen und einzelne Wahrnehmungen der Unterführer gemeldet bekomme. Aber keiner konnte orten, woher der Beschuss wirklich kam. Dann gab es einen zweiten Beschuss. Der Einschlag war etwa 20 Meter neben mir, ich spürte die Druckwelle deutlich. Da war klar: Der Angriff galt uns. Ich befahl dann Deckung und das Feuer erwidern lassen. Das war unser erster Feuerkampf in dieser Nacht. Es war wieder fast schon surreal, man erkennt in einer Millisekunde: So, jetzt ist es da. Jetzt kannst du zeigen, was du 20 Jahre gelernt hast. Dann läuft alles automatisiert ab. Befehle geben, Meldungen absetzen, usw.

Das erste Gefecht war dann vorbei, und ich habe entschieden, dass wir nicht ausweichen, sondern uns dem Feind vor Ort stellen. Mein Stellvertreter fragte damals, wie es mir ginge. Er wollte nicht wissen, wie das Gefecht gelaufen ist, sondern wissen, wie es mir persönlich geht. Ich weiß es heute noch. Das ist immer noch sehr präsent. Ich habe geantwortet: „Mir geht es super, ich bin angekommen.“ Das ist halt das, was unseren Beruf ausmacht. Für einen Nicht-Militär klingt das vielleicht komisch, aber das ist doch das, worauf ich mich all die Jahre vorbereitet habe: Das Bestehen im Kampf. Das ist der Kern des Soldatenberufes.

Ein Soldat mit einer Waffe im Anschlag steht in einem grünen Kornfeld, im Hintergrund ein Gefechtsfahrzeug.

Die Soldaten in Afghanistan müssen ständig mit Anschlägen, Hinterhalten und Attentätern rechnen. Deswegen werden die Konvois bei einem Halt immer von abgesessenen Soldaten gesichert.

Reuters/Kai Pfaffenbach

Mein Stellvertreter fragte mich nun nach meinen weiteren Absichten, die Operationszentrale habe nachgefragt. Darauf antwortete ich: „Ich werde jetzt gleich zum Gegenangriff antreten.“ Wir griffen dann mit unserem Zug den Feind an und nahmen die Stellung des Gegners, wie es militärisch heißt. Wir mussten dazu durch einen Wassergraben, standen also hüfttief im Wasser, immerhin mit 35 Kilogramm Ausrüstung am Körper. Das war schon anspruchsvoll.

Als wir in die gegnerische Stellung einbrachen, entdeckten wir alles Mögliche, wie Schuhe, Waffen, Munition, Blut- und Schleifspuren. Sie waren scheinbar überrascht von unserer Reaktion. Sie dachten anscheinend: „Die weichen eh wieder aus und suchen nicht das Gefecht.“ Das war dieses Mal aber anders.

Gegen 21 Uhr kamen wir dann an einem Gehöft an. Von der USUnited States-amerikanischen Pilotin, die uns mit ihrer und einer weiteren Maschine vom Typ F15 bei der Operation unterstützte, hörten wir dann die Meldung, dass auf dem Dach noch sieben Personen zu sehen seien, die ihre Waffen abgelegt hätten. Sie würden beten. Anscheinend befürchteten sie, aus dieser Situation nicht mehr lebend herauszukommen. Damit waren die Voraussetzungen für einen weiteren Angriff nicht mehr gegeben. Wir übernahmen dann nur noch die Sicherung und warteten auf die afghanische Polizei. Die sollten das Gebäude dann überprüfen. Um 4 Uhr am nächsten Morgen war die Gefechtssituation beendet. Nur zur Erinnerung: Sie hatte gegen 19 Uhr begonnen. Dann gab es noch Folgeaufträge, sodass wir erst 12 Uhr mittags schließlich wieder zurück im Feldlager Kundus waren.

Vom ersten Gefecht bis hin zum Ende des Kontingentes – wie muss man sich die Intensität vorstellen?

Zwei bewaffnete Soldaten sitzen auf einer flachen Lehmmauer, rechts von ihnen steht ein Haus.

Die Belastung ist bereits in den ersten Wochen sehr hoch: Stabsfeldwebel Ralf Siegenführ (l.) und sein Funker während einer Gefechtspause.

Bundeswehr

Das erste Gefecht hatten wir Anfang April. Das nächste dann etwa zwei bis drei Wochen später und danach waren die Zeiträume dazwischen immer kürzer. Somit hatten wir, das 19. Kontingent, alle zwei Tage, fast schon täglich solche Situationen wie bei unserer Feuertaufe.

Wie bekommt man das als militärische Führer hin, dass die Soldaten ihren Job machen, egal, was vorher passiert ist?

Die Männer müssen einem folgen, gerade wenn es auch mal hässlich und heftig wird. Das ist eine Frage der Führung. Man kann nur das von seinen Soldaten fordern, was man selbst bereit ist zu geben. So habe ich auch meinen Zug geführt. Da gab es kein Zögern, die haben alle mitgemacht und sind mir gefolgt.

Fließen Ihre Erfahrungen aus Afghanistan in die Ausbildung mit ein?

Gefechtswagen stehen auf einem breiten Sandweg, bewaffnete Soldaten sichern die Umgebung.

Sprengfallensuche oder Aufklärungsaufträge prägen die erste Phase des Einsatzes von Stabsfeldwebel Ralf Siegenführ in Afghanistan.

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Inzwischen schon. Es hat sich gezeigt, dass vor allem die mentale Vorbereitung eines jeden einzelnen enorm wichtig ist. Es gibt hier am Ausbildungszentrum Spezielle Operationen unter anderem Schießtechniklehrgänge, bei denen ich die Lehrgangsteilnehmer vor allem mental schule. Da gehört zum Beispiel der Bereich Stressbewältigung dazu. Unsere Ausbilder haben die Erfahrung gemacht, dass es die sogenannten Trainingsweltmeister gibt. Das sind diejenigen, die ohne Drucksituation enorm gut abliefern. Aber wenn es darauf ankommt, bei einer Prüfung oder im Extremfall, wie bei einem Einsatz unter Stress, sind ihre Ergebnisse nicht mehr so gut. Das kann man durch spezielles mentales Training ändern. Genau dort fließen die Erfahrungen auch aus Afghanistan mit ein.

Auch ganz wichtig bei der Vorbereitung für einen Auslandseinsatz ist der Umgang mit Tod und Verwundung. Damit muss sich ein Soldat zwingend beschäftigen. Es kann immer etwas passieren. Wir hatten 2009 vier Tote und zwölf Verwundete. Deswegen sollte man sich unbedingt mit dem Thema auseinandersetzen.

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