Sanitätsdienst
Landes- und Bündnisverteidigung

Rehabilitation zukunftsfest machen

Rehabilitation zukunftsfest machen

Datum:
Ort:
Warendorf
Lesedauer:
3 MIN

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine zeigt, dass ein solcher Konflikt sehr lange andauern und hohe Zahlen an Kriegsverletzten fordern kann. Die Bundeswehr verfügt nicht über unerschöpfliche Personalressourcen. Gerade deshalb kommt der Rehabilitation von Verwundeten eine besondere Bedeutung zu.

Ein Mann sitzt auf einem Ergometer und ist mit Sensoren verkabelt

Regelmäßiger Check-up und Dokumentation der Leistungsfähigkeit sind Teil des Reha-Prozesses

Bundeswehr/Claudia Seidenschwanz

Was für die Bundeswehr noch abstrakte Szenarien sind, ist in der Ukraine längst Realität. Der Krieg dauert nun bereits über zwei Jahre. Allein auf ukrainischer Seite sind tausende Verwundete zu beklagen. Die Verletzungsmuster reichen von Schädel-Hirn-Traumata, Verbrennungen und Wirbelsäulenverletzungen bis hin zu Amputationen.

Eine einsatzbereite, durchhaltefähige und resiliente Bundeswehr braucht entsprechende rehabilitative Kompetenzen, die bereits im Frieden aufgebaut werden müssen. Hierzu gehören medizinische, wie auch nichtmedizinische Rehabilitationsmaßnahmen. Denn: Es geht darum, die Fähigkeiten von verwundeten Soldatinnen und Soldaten für den Dienst so wiederherzustellen, dass ihre Erfahrung und ihr Wissen für die Bundeswehr nicht verloren geht.

Teil der militärischen Gemeinschaft

Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass Verwundete so schnell wie möglich zurück an die Front wollen. Für uns ist dies aus einer Außenperspektive mit einer langen Friedensphase auf den ersten Blick kaum nachvollziehbar. Doch finden sich bei genauer Betrachtung ähnliche Haltungen bei Soldatinnen und Soldaten, die durch Unfälle während und außerhalb des Dienstes bleibende Beeinträchtigungen erlitten haben. Ihren Beitrag zur Sicherheit unseres Landes im Dienst leisten zu können, erscheint hier als Teil eines Bewältigungsprozesses. 

Hierzu gehört die Akzeptanz, aufgrund verbliebener Funktionsstörungen bestimmte Fähigkeiten nicht mehr abbilden zu können. Sie wollen aber durch Haltung und Pflichterfüllung ein wichtiger Teil der militärischen Gemeinschaft bleiben. Grundlage hierfür bilden gelebte Kameradschaft, gemeinsame Sprache und Rituale.

Integration als Ziel

Die Zugehörigkeit zur militärischen Gemeinschaft gewinnt an Bedeutung, seitdem innerhalb der Bundeswehr ein Umdenken in Bezug auf das Eintreten einer Dienstunfähigkeit bei bleibenden Beeinträchtigungen stattgefunden hat. War früher eine Entlassung aufgrund von „Dienstunfähigkeit“ der Normalfall bei einer schweren Einschränkung, findet jetzt eine ergebnisoffene Überprüfung vorhandener und verbliebener Fähigkeiten mit dem Ziel einer Re-Integration in den Dienst statt. 

Das Umdenken der Personalführung bedeutet, dass vermehrt Soldatinnen und Soldaten einen Platz innerhalb der Bundeswehr behalten können, wenn ihre Fähigkeiten auf einen bestimmten Dienstposten passen. Um hier die notwendigen Strukturen zu schaffen, muss Rehabilitation schon im Frieden funktionieren. Die Abläufe bleiben dieselben, sodass sie als Blaupause für die Landes- und Bündnisverteidigung dienen können. 

Verschiedene Modelle

Wie Rehabilitation in der Bundeswehr zukünftig organisiert werden könnte zeigen Pilotprojekte einer regionalen Rehabilitation auf der einen Seite und das Modell einer zentralen Rehabilitation wie am Beispiel der Rehabilitationseinrichtung der niederländischen Streitkräfte in Doorn auf der anderen Seite. Beide Modelle haben Vor- und Nachteile. Unstrittig ist, dass es eine zentrale Steuerung inklusive Patientenmanagement geben muss. 

Darüber hinaus wird mit der neuen Aufgabe auch sichtbar, dass die derzeitigen Kapazitäten nicht ausreichen. Schwere Verletzungen, bei denen die grundsätzliche Dienstfähigkeit tangiert wird, müssen in einem Zentrum gesteuert und auch zu großen Anteilen in einem sogenannten transdisziplinären Ansatz und multiprofessionell rehabilitiert werden.

Ein schneller Aufwuchs des Rehabilitationszentrums im Kriegsfall wäre sicherlich eine Möglichkeit, um den hohen Fallzahlen zu begegnen. Im Krieg, das zeigen ganz aktuelle Statistiken, ist mit vielen Wirbelsäulenverletzungen und Hirnschädeltraumata zu rechnen. Das Zentrum für Sportmedizin der Bundeswehr hat schon jetzt die Kompetenz, neurologische Patientinnen und Patienten zu betreuen und zu versorgen. So könnte im Verteidigungsfall auch die neurologische schmerzmedizinische Komponente abgedeckt werden, um alle Verwundungen, die im Krieg auftreten, im Rehabilitationszentrum behandeln zu können.

Ausblick

Rehabilitation aus einer Hand in der Bundeswehr ist einmalig. Schließlich arbeiten vom ersten Tag an Orthopädie, Allgemeinmedizin, Sozialdienst, Physiotherapie und Psychotherapie eng zusammen. Dabei ist die Wiedereingliederung des Rehabilitierenden das oberste Ziel. Die Strukturen und Prozesse der Bundeswehr bieten bereits jetzt viele Möglichkeiten. 

Doch um Rehabilitation in der Bundeswehr zukunftsfähig zu machen, ist eine flächendeckende und bedarfsgerechte Weiterentwicklung notwendig, weiß Oberstarzt Dr. Andreas Lison. „Hierfür müssen Mittel und Abläufe, fachliche Standards und rehabilitative Grundsätze, vor allem aber das Zusammenwirken aller am Reha-Prozess Beteiligten verstanden, gebündelt und eingeübt werden“, so der Leiter des Zentrums für Sportmedizin der Bundeswehr. 

von Matthias Frank und Claudia Seidenschwanz