Katastrophenhilfe Türkei

Rettungszentrum im Erdbebengebiet: „Es ist uns eine Ehre zu helfen“

Das deutsch-türkische Rettungszentrum im Altınözü hat seine ersten Patientinnen und Patienten behandelt. Das ist der Startschuss des auf insgesamt acht Wochen angesetzten Hilfseinsatzes in der am stärksten betroffen Erdbebenregion in der Türkei.

Ein Militärfahrzeug mit rotem Kreuz steht auf einer unbefestigten Straße vor Trümmern und zerstörten Gebäuden.

„Danke Deutschland, danke, dass ihr hier seid.“ Memmet* überschüttet den Übersetzer mit so vielen Komplimenten, dass es diesem fast schon unangenehm ist, die Sätze ins Deutsche zu übertragen. Wegen seiner schmerzenden Hand lässt Memmet sich gerade im deutschen Rettungszentrum behandeln. Er ist der erste Patient. Eine Ehre, wie er findet, die ihn ein bisschen stolz macht, sagt er. Der ältere Mann, um die 60 Jahre, kam in den vergangenen Tagen jeden Morgen an den Zaun des Feldlagers. Er schaute, ob das „Krankenhaus der Deutschen“, über das hier alle in Altınözü reden, endlich fertig ist. Tage zuvor stand er in der langen Schlange vor der örtlichen Klinik. Einen Termin bekam er nicht. 

Memmet ist kein Einzelfall. In seiner Provinz Hatay im Süden der Türkei ist die Gesundheitsversorgung nach dem schweren Erdbeben am 6. Februar weitgehend zusammengebrochen. Nach Angaben des türkischen Gesundheitsministeriums sind allein hier rund 84.000 Gebäude zerstört und 292.000 Menschen direkt betroffen.

Altınözü, an dessen Stadtrand das deutsche Rettungszentrum liegt, ist zum Schmelztiegel geworden. Früher hatte die türkische Kleinstadt rund 85.000 Einwohner, heute leben rund 200.000 Menschen hier. Die meisten sind Binnengeflüchtete aus der rund 20 Autominuten entfernten Millionenmetropole Antakya. Sie kamen auf der Suche nach Schutz vor Nachbeben und medizinischer Hilfe. Obwohl das Epizentrum des Bebens weiter nördlich lag, sind in Antakya die Schäden am größten. Die ersten Kräfte internationaler Hilfsorganisationen erlebten hier „apokalyptische Szenen“. Ganze Wohnviertel sind kollabiert, Brände haben weitere Zerstörungen angerichtet, Tausende Männer, Frauen und Kinder stehen unter Schock.

Dritte Phase der Katastrophenhilfe hat begonnen

Nachdem die meisten Toten geborgen und die Schwerstverletzten behandelt sind, haben die internationalen Hilfsorganisationen ihre Kräfte in den letzten Wochen weitestgehend abgezogen. „Die Bundeswehr schließt jetzt an diese dritte Phase nahtlos an. Es gilt das Gesundheitssystem zu stabilisieren, dafür sind wir hier“, sagt Oberstarzt Dr. Kai Schlolaut. Als Kontingentführer der Mission HumHi TUR (Humanitäre Hilfeleistung Türkei) ist er verantwortlich für die rund 140 Männer und Frauen des Feldlagers. Schlolaut war bereits sechs Mal für die Bundeswehr im Einsatz, hat den Krieg in Afghanistan hautnah miterlebt. Die Bilder aus dem zerstören Antakya bewegen ihn: „Das ist schwer zu ertragen, gleichzeitig ist es schön, dass wir hier sind und einen Betrag leisten können.“ 

Im ostfriesischen Leer ist er Kommandeur der Schnellen Einsatzkräfte Sanitätsdienst. Die Einheit ist spezialisiert auf die sanitätsdienstliche Unterstützung von Evakuierungs- und Rettungsaktionen. Im Alarmierungsfall kann sie nach 72 Stunden weltweit zum Einsatz kommen. Dazu verfügt sie über das in der Türkei eingesetzte Rettungszentrum, kleine Rettungsstationen und luftverlegbare Sanitätsfahrzeuge.

Enge deutsch-türkische Zusammenarbeit

Bevor Patient Memmet von den Deutschen behandelt wird, ist er von türkischem Fachpersonal der staatlichen Hilfsorganisation UMKE am Eingang aufgenommen worden. Die Türkei hat angeboten, mit eigenem Personal bei der Triage sowie der Patientenaufnahme am Eingang zu unterstützen. Ein Angebot, das das deutsche Einsatzkontingent gerne angenommen hat. Seit Beginn der Aufbauarbeiten sind die krisenerprobten Rettungskräfte der Gesundheitsorganisation täglich zu Besprechungen im Feldlager. Dank eines Teams von Dolmetschenden, alles Soldatinnen und Soldaten mit Migrationshintergrund, läuft die Kooperation reibungslos.

Einen Tag, bevor das Rettungszentrum den ersten Patienten empfängt, wird es formell eröffnet. Rund 30 Personen sind der Einladung gefolgt. Die Stimmung ist auf allen Seiten herzlich. Vertreter des Gesundheitsministeriums, der staatlichen Hilfsorganisation und der Bürgermeister halten kurze Reden. „Das Rettungszentrum wird die deutsch-türkischen Beziehungen weiter festigen“, so der Vertreter aus dem türkischen Gesundheitsministerium. Oberstarzt Scholaut bedankt sich bei den Gastgebern. „Es ist uns eine besondere Ehre, unseren Freunden in der Türkei in dieser schweren Phase beizustehen.“ Symbolträchtig durchschneiden Deutsche und Türken gemeinsam ein Band aus den Farben der beiden Nationen, das vor den Eingang zur Ambulanz gespannt ist. Es folgt eine kurze Führung durchs Rettungszentrum. Nach einer Stunde ist die Rettungsstation eröffnet. Kurz, knapp, so wollte es Schlolaut. Bereits beim Antreten Tage zuvor hatte er seinen Frauen und Männern angekündigt, dass er auf große Feierlichkeiten verzichten möchte. Eine Party im Erdbebengebiet halte er für unangemessen. „Der Grund, weshalb wir hier sind, ist kein schöner“, sagt er.

Hilfeersuchen über die NATONorth Atlantic Treaty Organization

Nach dem Erdbeben hatte die Türkei über den Katastrophenschutzmechanismus der NATONorth Atlantic Treaty Organization um eine Bereitstellung von Feldhospitälern ersucht. Die Bundeswehr bot Hilfe in Form ihres Rettungszentrums an. Am 22. Februar nahm die Türkei formell an. Ein Erkundungsteam des Einsatzführungskommandos und des Sanitätsdienstes der Bundeswehr verlegte am 27. Februar in die Türkei und verschaffte sich einen Überblick über die Notwendigkeiten in der Region und das Gelände der alten Tabakfabrik, auf dem heute das Feldlager steht. Die deutsch-türkische Freundschaft, der gute Ruf des deutschen Sanitätspersonals, die schnelle Einsatzbereitschaft: Vieles sprach für den Einsatz. 

Im Verteidigungsministerium in Berlin ahnte man daher bereits, dass grünes Licht für den Einsatz aus Ankara kommen wird. Auch für Kontingentführer Schlolaut kam der Einsatz nicht überraschend. Bereits am Folgetag nach der Katastrophe prophezeite er seinen Offizieren am Mittagstisch einen möglichen Einsatz. Der erfahrene Berufssoldat behielt recht. Am 8. März flog Schlolaut zusammen mit einem Vorkommando aus 22 Soldatinnen und Soldaten zur amerikanischen Airbase Incirlik. Sein Auftrag: „Aufbau des Feldlagers und Vorbereitung der Ankunft der Hauptkräfte“. 


Erste Operationstermine, Hilfe die ankommt

Schon am Tag der Eröffnung wurden bis 17 Uhr Ortszeit im Rettungszentrum mehr als 40 Patientinnen und Patienten behandelt. Meist Wunden aus der Nacht des Erbebens, die nun nachversorgt werden. Das Rettungszentrum ist stets bis 21 Uhr regulär geöffnet, für Notfälle auch nachts. Für den Abend erwartete die Ambulanz aufgrund des dann beginnenden Ramadan eine weitere Welle an Behandlungen. Für den nächsten Tag war die erste Operation geplant – an einer Frau, die unter Trümmern verschüttet wurde und deren Verletzungen sich inzwischen entzündet haben.

Ein reguläres Schichtsystem gibt es für das täglich geöffnete Rettungszentrum nicht. Für das Personal bedeutet das acht Wochen durcharbeiten, ohne Ruhetag. So lange ist der Einsatz geplant. „Wir werden alles tun, unsere Frauen und Männer so gut es geht zu entlasten, aber die Rahmenbedingungen werden dem Personal das Höchste abverlangen“, sagt Oberfeldarzt Dr. B, der Leiter der Rettungszentrums.

Die Spuren des verheerenden Erdbebens werden noch über Jahre sichtbar sein. Zu gravierend sind die Zerstörungen der Infrastruktur. Es wird zudem lange dauern, bis die Menschen in der Region diese Naturkatastrophe verarbeitet haben. Schlolaut und sein Kontingent helfen jeden Tag mit, die Not der Menschen hier ein bisschen zu lindern.

*Name geändert

  • Drei türkische Frauen sitzen vor einem Rettungszelt und warten

    Die Strapazen sind den Patientinnen anzusehen. Das Gesundheitssystem ist in der Erdbebenregion Hatay im Süden der Türkei weitgehend zusammengebrochen.

    Bundeswehr/Patrick Enssle
  • Mehrere Personen befinden sich in einem türkischen Rettungszelt. Eine Person sitzt auf einem Stuhl und notiert sich etwas.

    Pünktlich um neun Uhr werden die ersten Patientinnen und Patienten im Rettungszentrum von der türkischen Rettungsdienstorganisation UMKE empfangen

    Bundeswehr/Patrick Enssle
  • Soldaten der deutschen Einheit stehen zum Antreten in einer Formation

    Ankündigung beim Antreten: Aus Rücksicht vor den Opfern des Erdbebens hat Oberstarzt Dr. Kai Schlolaut bewusst auf große Feierlichkeiten verzichtet. „Der Grund, weshalb wir hier sind, ist kein schöner“, sagt Schlolaut.

    Bundeswehr/Patrick Enssle
  • Ein Soldat sitzt vor einem Computer. Vor ihm liegt ein Blatt mit Illustrationen und türkischen Begriffen.

    Um die Symptome schnell zu lokalisieren, hilft diese Übersicht, auf der Körperteile ins Türkische übersetzt sind

    Bundeswehr/Patrick Enssle
  • Ein Arzt nimmt einen ambulanten Eingriff an einem Patienten vor. Assistierend stehen ihm zwei weitere Personen bei.

    Viele Patientinnen und Patienten leiden noch an den infolge des Erdbebens erlittenen Verletzungen. Dieser jungen Frau wird ein Glassplitter entfernt, der ihr seit der Katastrophennacht im Zeh steckte.

    Bundeswehr/Patrick Enssle
  • Eine Person verbindet einen Fuß nach einem ambulanten Eingriff

    Große Motivation beim Personal: Alle wissen, wie hoch der Bedarf an medizinischer Hilfe ist, nachdem durch das Erdbeben Krankenhäuser und Behandlungszentren zerstört worden sind

    Bundeswehr/Patrick Enssle