Bündnisverteidigung

RSOMReception, Staging, Onward Movement: Wie Mensch und Material im Einsatzraum zum Kampfverband werden

RSOMReception, Staging, Onward Movement: Wie Mensch und Material im Einsatzraum zum Kampfverband werden

Datum:
Ort:
Litauen
Lesedauer:
4 MIN

Am Beginn jedes Gefechtes steht die Logistik. Das gilt auch für die Bündnisverteidigung der NATO-Partner. Diese kann nicht nur die Verlegung über lange Distanzen erfordern. Im Einsatzraum müssen militärische Kräfte und Mittel zudem zusammengeführt und ausgerüstet werden, um gefechtsbereit zu sein. Das geschieht im RSOMReception, Staging, Onward Movement-Prozess.

Mehrere Fahrzeuge der Typ-Klasse GTK Boxer sind für einen Transport auf einem Zug befestigt

Auf der Schiene: Jede militärische Operation beginnt mit einer strategischen Verlegung. Schweres Gerät wie gepanzerte Fahrzeuge, hier das GTKGepanzertes Transport-Kraftfahrzeug Boxer, gelangen in der Regel auf der Schiene ins Einsatzgebiet, um das Material zu schonen (Symbolfoto).

Bundeswehr/Marc Tessensohn

Die Fähigkeit zur schnellen Verlegung von Streitkräften gilt als Kernelement glaubhafter Abschreckung. Denn nur wenn Einsatzkräfte im Konfliktfall so schnell wie möglich gefechtsbereit vor Ort sind, kann dies die Angriffsbereitschaft eines potenziellen Gegners senken. Doch der Transport in das Einsatzgebiet ist nur das erste Glied einer komplexen logistischen Kette, die vom Heimatstandort aufs Gefechtsfeld führt.

Nach der strategischen Verlegung folgt zuerst der sogenannte RSOMReception, Staging, Onward Movement-Prozess: Reception Staging Onward Movement. Hierbei werden Streitkräfte, Mittel und Material, also Waffensysteme, Munition, Treibstoff und Ersatzteile, aber auch Wasser, Verpflegung und medizinisches Material im Einsatzraum aufgenommen (Reception), zusammengeführt (Staging) und ins Operationsgebiet verlegt (Onward Movement).

Das Ziel des RSOMReception, Staging, Onward Movement-Prozesses ist, dass die militärischen Kräfte so verzugslos wie möglich ihren Verteidigungsauftrag wahrnehmen können.

Reception: Ankommen und Aufnahme im Einsatzgebiet

Soldatinnen und Soldaten, militärische Mittel und Material gelangen in der Regel auf unterschiedlichen Wegen ins Einsatzgebiet: auf der Schiene oder der Straße, per Schiff oder Flugzeug. Schnelligkeit ist dabei nur ein Faktor. Auch der Materialverschleiß oder die Belastung der beteiligten Soldatinnen und Soldaten fließen in die Planung ein. Beispielsweise kann ein Straßenmarsch weniger Zeit kosten als eine Verlegung per Schiff, beansprucht das Material jedoch deutlich mehr – und ermüdet die Einsatzkräfte, bevor sie ihren eigentlichen Auftrag überhaupt beginnen können. 

Deswegen begleiten in der Regel nur Rumpfbesatzungen das militärische Großgerät. Die übrigen Soldatinnen und Soldaten verlegen getrennt von ihren Panzern oder Waffensystemen. Das bedeutet jedoch: Ankunftszeiten an Häfen oder Bahnhöfen müssen genau vorgeplant werden, damit die Einsatzkräfte zeitgleich mit ihrem Gerät ankommen und es sofort übernehmen können. Eine Herausforderung insbesondere in einem Szenario der Bündnisverteidigung nach Artikel 5 des NATO-Vertrags, so Oberstleutnant i. G. Sebastian Süß. Er leitet derzeit den vorgeschobenen Gefechtsstand der eVAenhanced Vigilance Activities-Brigade in Litauen. Er sagt: „Bei einem Artikel-5-Szenario kommen im gleichen Zeitfenster militärische Kräfte mehrere Nationen an denselben Verkehrsknotenpunkten an. Wird dann eintreffendes Material nicht sofort von den Soldaten übernommen, kommt es zu Verzögerungen – nicht nur für die eigene Truppe, sondern auch die Kräfte anderer Nationen.“

Süß betont, dass eine einzige Unregelmäßigkeit an der falschen Stelle eine gesamte Logistikkette durcheinanderbringen kann. Denn als Abteilungsleiter der Generalstabsabteilung 4 verantwortet er die gesamte Logistik und Materialbewirtschaftung der Panzergrenadierbrigade 41 in Neubrandenburg: „In einem Worst-Case-Szenario kann das die Einsatz- und Gefechtsbereitschaft gefährden. Die Synchronisierung der logistischen Abläufe ist daher ein Schlüsselfaktor für die anschließende Auftragserfüllung.“

Monitionslager stehen aneinandergereiht auf einem Gelände in Litauen. Es liegt Schnee.

Im Munitionslager: Vorausstationiertes Material trägt wesentlich zur Durchhaltefähigkeit der kämpfenden Truppe bei. Gerade bei Munition ist der Platzbedarf an Lagerfläche jedoch enorm (Symbolfoto).

Bundeswehr/Gil de Clercq

Staging: Die Marschvorbereitung

Nach der Aufnahme im Einsatzgebiet werden beim Staging die Soldatinnen und Soldaten und ihr Gerät ausgerüstet. Bei kleineren Operationen kann dies innerhalb der Reception Area geschehen. Meist fahren die Einsatzkräfte jedoch zu einem nahe gelegenen Materiallager, um Munition, Treibstoff, Verpflegung und mehr zu erhalten. Auch hier gilt das Just-in-Time-Prinzip logistischer Prozesse, also die Bereitstellung genau des benötigten Materials zu genau dem Zeitpunkt, an dem es benötigt wird. 

Ein Beispiel: Eine Panzerbesatzung trifft mit ihrem Kampfpanzer in einem vorgegebenen Zeitfenster ein, wird in einem ebenso vorgegebenen Zeitfenster beladen und fährt sofort weiter. Das wird sooft wiederholt, bis alle Kräfte das von ihnen benötigte Material erhalten haben und bereit zur weiteren Verlegung sind. „Auch hier liegt die Herausforderung in der Synchronisierung. Alles muss passgenau in der richtigen Reihenfolge bereitgestellt werden“, so Süß.

Onward Movement: Der Aufbruch in den Verfügungsraum

Sind alle Kräfte einsatzbereit ausgestattet, verlegen sie im Straßenmarsch in die einsatznahen Verfügungsräume: das Onward Movement. Dort finden zwar keine unmittelbaren Gefechtshandlungen statt, eine Feindbedrohung ist jedoch gegeben. Das heißt, Marschrouten müssen immer wieder erkundet oder auch angepasst werden, beispielsweise weil gegnerische Kräfte eine Brücke gesprengt haben. Zudem müssen die Soldatinnen und Soldaten auf mögliche Angriffe oder Sabotageakte vorbereitet sein. Auch Fluchtbewegungen aus den umkämpften Gebieten können den Marsch erschweren. 

Unterstützung erhalten die Einsatzkräfte bei längeren Strecken durch sogenannte Convoy Support Centres, die nicht nur Unterkunft, Verpflegung und Treibstoff bereitstellen, sondern auch Instandsetzungsmöglichkeiten und passende Ersatzteile vorhalten. Meist werden diese über den sogenannten Host Nation Support bereitgestellt. Das bedeutet: Die Nation, deren Staatsgebiet bei der Verteidigung eines NATO-Partners als Aufmarsch- und Verfügungsraum der militärischen Operationen dient, unterstützt die multinationalen Kräfte mit Infrastruktur, Transportraum, Versorgungsgütern und gegebenenfalls Schutz- und Absicherungskräften. 

Mehrere Panzer befinden sich auf einem Gelände, aus einem Kanonenrohr kommt ein großer Feuerball

Ins Gefecht: Ziel und Abschluss des RSOMReception, Staging, Onward Movement-Prozesses nach der Verlegung ist die Einsatz- und Kampfbereitschaft der Streitkräfte (Symbolfoto)

Bundeswehr/Sebastian Moldt

Gefechtsbereit: Die Zusammenführung zum Kampfverband

Ist der RSOMReception, Staging, Onward Movement-Prozess abgeschlossen, folgt der letzte Schritt zur Gefechtsbereitschaft: die Integration. Alle Kräfte werden auftragsbezogen zu Kampfverbänden zusammengeführt und gegebenenfalls in bereits bestehende, multinationale Führungsstrukturen integriert. Erst dann kann der Kampfverband gemeinsam effektiv gegen den Feind wirken. Doch zeitgleich beginnt die Prozesskette von Neuem. Denn auch alle Folge- und Verstärkungskräfte durchlaufen den RSOMReception, Staging, Onward Movement-Prozess bis zum Punkt „gefechtsbereit“. 

von Simona Boyer

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