Versehrtensport

Ins Hier und Jetzt holen: Sporttherapie-Umgang mit posttraumatischen Schlüsselreizen

Ins Hier und Jetzt holen: Sporttherapie-Umgang mit posttraumatischen Schlüsselreizen

  • Invictus Games
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Den Haag
Lesedauer:
3 MIN

Ein Geräusch, eine unübersichtliche Situation oder Menschenmengen können bei Vorbelasteten bereits zu einer akuten Stresssituation führen. Die Folge: die Betroffenen sind völlig aufgelöst und können sich alleine nur schwer regulieren. Truppenpsychologin Katja Schadow erklärt, wie sie hinter den Kulissen der Invictus Games mit den Athleten arbeitet.

Eine lächelnde Frau im Porträt

„Ich möchte, dass unsere Athleten gesehen werden. Ihren Geschichten und Erfahrungen zugehört wird. Deshalb bin ich sicher, dass die Invictus Games, trotz aller Herausforderungen, jeden Einzelnen weiterentwickeln werden“, sagt Psychologin Katja.

Bundeswehr/Sebastian Wilke

Trigger sind Sinneseindrücke, die Erinnerungen an alte, traumatische Erlebnisse auslösen – die aktuelle Situation wird von Betroffenen dann wie in einem schon erlebten Film empfunden. „Trigger, Schlüsselreize katapultieren einen in Sekundenbruchteilen in vergangene Situationen. Wenn wir getriggert werden, verlieren wir unseren Realitätsbezug“, sagt Psychologin Katja Schadow. Diese Erinnerungen kommen plötzlich. Oft werden diese intensiven Reaktionen aus Scham von Betroffenen überspielt: Für Außenstehende sind manche dieser Reaktionen auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar.

Die Schlüsselreize sind sehr individuell und vielfältig. Wichtig sei es, zu verstehen, dass Trigger-Reaktionen eigentlich sinnvolle, angeborene Mechanismen des Körpers seien, um Gefahrensituationen einzuschätzen. Bei Gefahr gäbe es drei Grundreflexe des Menschen: Ohnmacht (Todstellen), Flucht oder Angriff. Physiologische Reaktionen wie Schweißausbrüche, erhöhte Puls- und Atemfrequenz, Herzrasen, Zittern und Weinen könnten die Folgen sein.

Als Psychologe brauch man eine gute Beobachtungsgabe

Katja und der Truppenpsychologiefeldwebel Naef begehen vor Wettkampfbeginn alle Trainings- und Austragungsorte, um einen Überblick über mögliche Trigger-Quellen zu gewinnen. Vorbereitung, Vorausschau und dauernde Aufmerksamkeit sind wichtig, um die Sportler bestmöglich zu unterstützen. „Wir arbeiten sehr methodisch und durchorganisiert. Bei der Eröffnungszeremonie haben wir uns neben die empfindsamsten Athleten gestellt und unser Betreuungspersonal taktisch verteilt. Zwei in der Mitte beim Einlaufen auf die Bühne, zwei hinten und zwei vorne – die Athleten sollen ein Geborgenheitsgefühl bekommen und wissen, dass immer jemand greifbar ist“, sagt Katja.

Als Hubschrauber das Gelände überfliegen, ist dem Psychologen-Duo bewusst, dass auch das Geräusch der kreisenden Rotorblätter ein Problem darstellen könnte. Da sie ihre Athleten sehr gut kennen, wissen Katja und Naef, auf was sie achten müssen. „Sobald wir einen möglichen Trigger wahrnehmen, gehen unsere Blicke direkt zum Betroffenen. Manchmal ist dann alles okay, aber manchmal eben auch nicht.“ Für die Fälle, wo eben nicht alles okay ist, stehen die Psychologin und der Psychologiefeldwebel bereit, um die Sportler wieder auf das Hier und Jetzt zu fokussieren.

Sicherheit durch Kameraden, Family and Friends

Als Backup stünden auch jederzeit die Team-Kameraden bereit. Die Zimmeraufteilung in den Hotels ist so gestaltet, dass im Fall der Fälle gegenseitiger Halt geleistet werden kann. „Die Athleten beobachten sich auch gegenseitig und unterstützen sich“, sagt Katja. Sicherheit gäben auch die mitgereisten Family and Friends. 

Wie wird man Trigger wieder los?

Die Sporttherapie beruht auf ständigem Austausch mit unseren Athleten und einem jahrelangen, intensiven Beziehungsaufbau. Wir besprechen vor den Invictus Games belastende Erfahrungen, potenziell kritische Situationen und bereits erlernte, eigene Strategien“, erklärt Katja. „Es kann schon helfen, einen Gegenreiz zu setzen, der einen Realitätsbezug herstellt, wie ein Geruch, einen Geschmack oder etwas Taktiles. Das kann wie folgt aussehen: einen Gegenstand berühren, ein bestimmtes Riechsalz unter die Nase halten oder ein saures Bonbon essen. Das ist für jeden anders.“ Aber was kann man langfristig machen, um Trigger loszuwerden? Katja sagt: „Hier setzt die Traumatherapie an, die meist Jahre dauert.“ Spätestens jetzt wird deutlich, wie viel Arbeit es ist, die Athleten psychologisch zu betreuen. Vertrauen und eine enge, belastbare Bindung sind unabdingbare Voraussetzungen.

Nach den Invictus Games nimmt sich Katja selbst einige Tage frei für die eigene „Psychohygiene“ – um selbst wieder aufzutanken und auf Ressourcen wie Familie und Sport zurückzugreifen. Mit Blick auf das Sportereignis resümiert sie: „Das Schönste ist, dass die Athleten durch die Invictus Games Selbstwirksamkeit erfahren. Die Sportveranstaltung ist weit mehr als das, womit sich Sportler mit PTBSPosttraumatische Belastungsstörung sonst konfrontieren: Lärm, Presse, lange Tage und auch Erwartungsdruck. Umso schöner ist es zu sehen, wie alle deutschen Athleten über sich selbst hinauswachsen.“

von Lara Weyland

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