Tesla Tender: Von Seekarte und Filzstift zum digitalen Lagebild

Tesla Tender: Von Seekarte und Filzstift zum digitalen Lagebild

Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
5 MIN

Bei manchen Mobilgeräten und Browsern funktioniert die Sprachausgabe nicht korrekt, sodass wir Ihnen diese Funktion leider nicht anbieten können.

Seekarte mit Dreieck, Zirkel und Bleistift – so wurden kürzlich noch Routen und taktisches Lagebild auf dem Tender „Mosel“ gezeichnet. Jetzt wird alles digital. Dank des Projektes Tesla Tender hat die Besatzung bald alles zu ihrem Schiff, zur Umgebung im Gewässer und in der Luft auf dem Bildschirm – Fortschritt und Erleichterung für die Crew.

Ein Soldat arbeitet an einem Laptop, auf dem eine Seekarte zu sehen ist

Simulation: So soll die Darstellung des digitalen Lagebildes später aussehen

Bundeswehr/Marcel Kröncke

Aus der Marine für die Marine

Ein Tender ist ein kleines Versorgungsschiff der Marine. Dieses sollte ursprünglich immer gemeinsam mit anderen Schiffen und Booten auf See sein. „In der Realität ist der Tender aber häufig allein unterwegs, beispielsweise im Einsatz im Mittelmeer“, erklärt Kapitänleutnant Leon Evers. Er gehört zum Projekt Tesla Tender, das das Versorgungsschiff mit einer neuen Software ausstattet, die ein vollständiges taktisch-operatives Lagebild darstellen kann. Natürlich digital. Das Besondere: Die Idee dazu und die Software kommen direkt aus der Marine.

Initiator und Kopf hinter dem Projekt ist Fregattenkapitän Volker Voß. Knapp zehn Jahre befasst er sich bereits damit und hat auf diesen Moment hingearbeitet. „Es ist das erste Mal, dass das System fest auf einem Schiff integriert wird“, so Voß. Seine Vision: Eine gemeinsame Software für die gesamte Marine und später für die gesamte Bundeswehr.

Die Software ist grundsätzlich in allen Dimensionen einsetzbar, also prinzipiell auch in fliegenden Einheiten oder Fahrzeugen des Heeres“, erklärt Voß. Unterstützt wird er dabei im Zuge des Intrapreneurship-Programms vom CIHBwCyber Innovation Hub der Bundeswehr (Cyber Innovation Hub der Bundeswehr). Intrapreneure sind in diesem Fall Bundeswehrangehörige, die innovative und lösungsorientierte Ideen für die Bundeswehr entwickeln und umsetzen.

Ein Soldat sitzt vor Bediengeräten auf der Kommandobrücke eines Schiffes

In die Jahre gekommen: Die Bedienkonsole (l.) auf der Brücke des Tenders hat keine richtige Tastatur und keine Maus. Mit dem Projekt kommt der Fortschritt.

Bundeswehr/Marcel Kröncke
Auf der Kommandobrücke eines Schiffes stehen zwei aufgeklappte Laptops auf einer Seekarte

Alt und neu: Die Laptops stehen auf der Seekarte, wo bisher noch Routen mit einem Stift eingezeichnet wurden

Bundeswehr/Marcel Kröncke

Die Umgebung auf dem Monitor im Blick

Das System von Voß nennt sich MESE (Militärische Erweiterbare Software-Entwicklung). Die Brücke wird dadurch digital. Ein großer Fortschritt für die Tender-Besatzung. Denn der Tender ist nicht mit allen Systemen, die unter anderem auf einer Fregatte integriert sind, ausgestattet. So fehlt diesem Schiff ein Führungs- und Waffeneinsatzsystem. Ein vollständiges taktisch-operatives Lagebild gibt es somit nicht. „Routen und andere Schiffe in der Umgebung werden noch handschriftlich auf einer Karte eingezeichnet“, erklärt Evers. Ein kompletter Überblick fehlt jedoch. Dabei ist dieser für das allein agierende Schiff notwendig – insbesondere im Einsatz und als Führungsschiff.

MESE macht die Karte mit Buntstift überflüssig. Alle Daten können auf digitalen Karten dargestellt werden. Dafür bedarf es lediglich der von Voß entwickelten Software. „Ich bin mir sicher, dass es noch viel mehr Intrapreneure in der Bundeswehr gibt“, betont Jan Krahn, im CIHBwCyber Innovation Hub der Bundeswehr zuständig für Intrapreneurship. „Intrapreneure stoßen meistens dann an ihre Grenzen, wenn es um Investitionen und Ressourcen geht. Da knüpfen wir dann an“, so Krahn.

Zwei Soldaten schauen auf einen Laptop auf der Kommandobrücke eines Schiffes

Ein Team: Fregattenkapitän Volker Voß (l.) und Kapitänleutnant Leon Evers arbeiten gemeinsam an dem Projekt

Bundeswehr/Marcel Kröncke

Erst Skepsis, dann Begeisterung

In diesem Fall hat der CIHBwCyber Innovation Hub der Bundeswehr die Hardware für das Vorhaben eingekauft. Denn das funktioniere schneller und unkomplizierter als bei der Bundeswehr. „Uns stehen finanzielle Mittel für Innovationsvorhaben zur Verfügung.“

Vom ersten Kennenlernen zwischen Voß und dem CIHBwCyber Innovation Hub der Bundeswehr bis zum Einbau auf dem Tender Mosel dauerte es knapp ein Jahr. Vorher wurde das System bereits auf anderen Schiffen getestet. „Das war aber immer nur temporär. Auf dem Tender bleibt es. Damit fährt das Schiff auch zur See“, berichtet Voß erfreut. Der Einbau im Dezember war der Startschuss. Die Software ist installiert, Kabel und Anschlüsse sind angepasst. „Fregattenkapitän Voß ist dafür selbst unter die Konsolen gekrabbelt und hat angepackt“, berichtet Evers. Das sei ein eher seltener Anblick, dass ein Fregattenkapitän sich auf den Boden lege und Kabel verlege.

Für die Crew gab es mittels einer Simulationssoftware einen ersten Eindruck, was mit dem System möglich ist.  Anfangs sei die Besatzung skeptisch gewesen. Nach den ersten Demonstrationen sei die Begeisterung dafür umso größer gewesen.

„Wenn das jemand sieht, der sonst mit einem Stift auf Folie gemalt hat, der ist hin und weg“, sagt Evers erfreut. „Jetzt gibt es ein modernes, digitales Lagebilddarstellungssystem, das die Daten aller Sensoren des Schiffes auf einem Monitor vereint“, erläutert Evers. Gemeint sind damit die GPSGlobal Positioning System-Antenne, das Navigationsradar, die Wetterdaten, ein System, das per Funk Schiffe informiert, wer wer ist und welches Ziel man hat mit Richtung, Geschwindigkeit und einer Antenne, die Daten des Flugverkehrs übermittelt. „So ergibt sich ein gutes Lagebild.“  

Auch die Aufnahmen der drei Kameras, die auf dem Tender installiert sind, können jetzt live verfolgt werden. So wissen auch die Schiffstechniker, die sich die meiste Zeit im Inneren des Bootes aufhalten, was draußen passiert. „Das ist ein bisschen wie Satellitenfernsehen“, so Evers.

Ein Soldat arbeitet mit einem Schraubendreher an der Elektronik eines Gerätes

Anschluss an die Schiffssensorik: Fregattenkapitän Volker Voß (r.), Kopf hinter dem Gesamtprojekt, schließt die Kabel persönlich an

Bundeswehr/Marcel Kröncke

Alle Daten fließen in einen Computer

Um das alles zu ermöglichen, fließen alle Daten in einen Computer. „Der wandelt diese in unsere eigene Sprache um. Das kann dann von jedem unserer Geräte verstanden und dargestellt werden.“ Natürlich müsse sich der Laptop oder Computer, über den das abgerufen wird, in demselben Netzwerk befinden. Via Laptop wird das System bedient. Je nachdem, welche Daten abgerufen werden sollen – öffentliche oder geheime –, kann der Laptop über WLAN oder LAN-Kabel genutzt werden.

Darum geht es konkret auch in der nächsten Phase. „Dann wird gemeinsam mit der Besatzung abgesprochen, wo die Arbeitsplätze sein sollen.“ Und es werde dann insbesondere darum gehen, die verschlüsselten und öffentlichen Daten getrennt voneinander zu übermitteln. „Was geheim ist, darf nicht über WLAN übertragen werden“, sagt der Experte. Weiter geht es dann im Januar. Dann geht es auch auf dem Einsatzgruppenversorger „Berlin“ in die nächste Phase. Dort wurde MESE ebenfalls eingerichtet. „Im Januar wird dort alles an die Nutzer und Nutzerinnen angepasst“, so Voß.

Doch warum eigentlich Tesla Tender? Tesla bezieht sich beim Projektnamen nicht auf den elektrischen Antrieb der Elektroautos, sondern auf den Ansatz, Autos zu einem Computersystem zu machen. Mit dem Vorhaben Tesla Tender verfolgt der CIHBwCyber Innovation Hub der Bundeswehr das Ziel, mit genau diesem softwarezentrierten Ansatz in der Bundeswehr Erfahrungen zu sammeln.

von Amina Vieth

Bei manchen Mobilgeräten und Browsern funktioniert die Sprachausgabe nicht korrekt, sodass wir Ihnen diese Funktion leider nicht anbieten können.

Mehr zum Thema