Y-Story: Angriff aus der Höhe

Y-Story: Angriff aus der Höhe

  • Y-Magazin
  • Bundeswehr
Datum:
Lesedauer:
6 MIN

Eine Story aus der aktuellen Y Ausgabe. Gebirgsjäger erobern zusammen mit der Luftwaffe einen feindlichen Stützpunkt in den Bergen, denn am Berg geht der Kampf nur gemeinsam. Bei Mountain Hornet trainieren die Gebirgsjäger zusammen mit der Luftwaffe das Gefecht – und trotzen Schnee und Kälte zu jeder Jahreszeit.

Zwei Soldaten knien mit ihrer Ausrüstung im verschneiten Wald, einer schaut durch ein Fernglas in die Ferne

Hauptmann Timo Seemann ist Schneefall zu fast jeder Jahreszeit gewohnt. Auf dem Berg kann das Wetter schnell umschlagen.

Bundeswehr/Sebastian Wilke

Die Wolken hängen tief. Es schneit und die Truppe kommt nicht voran. Hauptmann Timo Seemann ist nicht zufrieden. „Das ist sinnlos“, brummt er in seinen Bart. Er muss seinen Plan verwerfen: Ein Kampfjet sollte im Tiefflug über das Hochplateau der Reiteralpe auf 1.700 Meter hinwegdonnern. „Show of Force“, eine Machtdemonstration nennt er das. Die angreifenden Gebirgsjäger sollten aus der Luft unterstützt werden, die feindlichen Soldaten damit eine deutliche Warnung erhalten. Der nächste Anflug könnte für sie tödlich sein. Seemann weiß, manchmal reicht das, um den Widerstand zu brechen. Doch das Wetter macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Die Gebirgssoldaten müssen erst einmal allein angreifen.

Bei der Übung Mountain Hornet simulieren Soldatinnen und Soldaten um Seemann den Gebirgskampf in den Berchtesgadener Alpen. Mit dabei sind die Kampfflugzeuge der Luftwaffe. Es ist eine Übungsreihe der Gebirgsjägerbrigade 23, bei der vor allem die Kampfunterstützer im Fokus stehen: Aufklärungszüge und Feuerunterstützungstrupps, die Joint Fire Support Teams. Eine Besonderheit, denn in der Regel übt die Kampftruppe für sich. Dabei ist die Fähigkeit, den Kampf mit anderen Verbänden und Teilstreitkräften zu koordinieren, die hohe Kunst der Gefechtsführung. Mitte Mai bedeutet das, mit frischem Schneefall und schlechter Sicht auf einem Gebirgsübungsplatz zu kämpfen. Seemann steht im Fokus der Übung. Er ist der Joint Terminal Attack Controller (JTAC) – oder Fliegerleitoffizier, wie das auf Deutsch übersetzt heißt – und gehört zum Joint Fire Support Team aus dem Gebirgsjägerbataillon 232 aus Bischofswiesen. Sein Team besteht aus sechs Soldaten. Sie sind darauf spezialisiert, Feuerunterstützung über Artillerie und Mörser anzufordern – oder wie Seemann über die Luftwaffe. Deshalb ist er als Luftwaffensoldat auch bei einer Gebirgsjägerkompanie stationiert. Das wirkt merkwürdig, denn Soldatinnen und Soldaten mit Luftwaffenschwingen auf den Schulterklappen verirren sich selten in das Gebirge. Er fühlt sich trotzdem wohl auf dem Berg. Langsam stapft er durch den Schnee zu seinem Trupp, der sich zwischen verschneiten Latschenkiefern eingerichtet hat. Zwischen ausgebreiteten Karten und Funkgeräten mit Antennen aller Art befindet sich sein Arbeitsplatz. „Das hier ist mein Joint Fire Support Team“, sagt er. „Wir sind der große Bruder, den die Infanterie ruft, wenn sie mal wieder verprügelt wird.“

Drei Soldaten mit einem optoelektronischen Beobachtungsgerät im verschneiten Gelände

Mit dem Beobachtungsgerät Nyxus können die Joint Terminal Attack Controller (JTAC) bis auf den Meter genau die Zielkoordinaten bestimmen.

Bundeswehr/Sebastian Wilke

Seit 2018 ist Seemann ein ausgebildeter JTAC. Zehn Monate intensive Ausbildung in Deutschland und Frankreich hatte der Hauptmann dafür hinter sich gebracht. Nicht jeder kann ein JTAC werden: Eine Eignungsfeststellung mit flugmedizinischer Untersuchung ist Voraussetzung, um die Ausbildung zu beginnen. Seine Fähigkeit, vom Boden mit Kampfpiloten zu kommunizieren und Bomben ins Ziel zu lenken, verschafft den Gebirgssoldatinnen und -soldaten im Kampf eine Übermacht. Sogar dann, wenn sie zahlenmäßig unterlegen sein sollten. Im Gebirge braucht man normalerweise deutlich mehr angreifende Soldatinnen und Soldaten als die Verteidiger. „Durch mich stehen den Gebirgsjägern die 27-Millimeter-Bordkanonen eines Tornados und Hunderte Pfund an Bomben zur Verfügung“, erklärt Seemann. „Das ist Kampfkraft, die kein Muli auf den Berg bringen kann.“ Ein lockerer Durchmarsch ist die Übung für die Gebirgssoldatinnen und -soldaten sowie ihre Unterstützer wie Seemann trotzdem nicht. Der Angriff stockt. Die Verteidiger haben sich geschickt um einen Bunker herum positioniert. Die Gebirgsjäger kommen nicht voran. Seemann hat einen neuen Plan: Er will einen Bombenabwurf anfordern, obwohl er weiß, dass die Flieger keine Sichtverbindung zum Ziel haben können. „Bomb on coordinate“ heißt das Verfahren, bei dem eine Bombe blind auf eine Zielkoordinate abgeworfen wird. Wer Seemann und sein Team mit Notizzettel und Karte am Boden liegen sieht, vermutet nicht, dass Seemann eine zentrale Schaltstelle für Hunderte Kilometer entfernt startende Kampfjets ist.

Die Verstärkung naht

Im 500 Kilometer entfernten Büchel in Rheinland-Pfalz starten zwei Tornados, die Seemann in den bayerischen Alpen zum Ziel navigieren wird. Anders als in den wechselhaften Berchtesgadener Alpen scheint in Büchel die Sonne. „Ich weiß nicht genau, was mich erwartet“, sagt Hauptmann Felix Meyer*. Der Waffensystemoffizier soll mit seinem Piloten tief über die Gebirgsjäger hinwegfliegen und sie im Kampf gegen die feindlichen Schützen unterstützen. Dieser Close Air Support ist nicht einfach. „Wir haben beim Briefing und der Planung nur das große Bild vom Einsatz“, so Meyer. „Wie die Lage am Boden zum Zeitpunkt unserer Ankunft ist, wissen wir nicht.“ Alles, was sich vorbereiten lässt, hat er erledigt. Flugrouten, Ausweichplätze und Luftbetankung sind eingeplant – das schwierige Terrain bleibt eine Herausforderung. Meyer weiß nicht genau, wo die Ziele sind – und die Berge machen tiefe Flüge schwer: „Wir müssen flexibel sein und können nur wahrscheinliche Optionen durchplanen.“ Die Crew besteht aus einem Piloten, der den Kampfjet fliegt und die Bordkanone bedient. Hinter ihm sitzt Meyer, der als Waffensystemoffizier für Radar, Kommunikation und den Waffeneinsatz der Bomben zuständig ist. Mit 800 Stundenkilometern fliegen die Tornados in Two-Ship-Formation Richtung Alpen. Im Übungsgebiet angekommen, checken sie beim JTAC ein. Mit einem standardisierten Briefing, dem „9-Liner“, tauschen Flieger und JTAC die wichtigsten Informationen aus. Das Lagebild für die Crews in der Luft verdichtet sich: Sie wissen jetzt, wo die feindlichen Kräfte sind. Der JTAC hat ein Ziel ausgemacht.

Ein Soldat begutachtet die Bombe an einem Kampfflugzeug

Letzter Check vor dem Start: Hauptmann Felix Maier kontrolliert die Bewaffnung.

Bundeswehr/Maximilian Euler
Ein Soldat mit Helm sitzt vor Monitoren in einem Kampfflugzeug

Als Waffensystemoffizier sitzt er im Jet hinter dem Piloten.

Bundeswehr/Maximilian Euler

Blindes Vertrauen

„Vom Boden bekommen wir die Koordinaten für den Abwurf der Bomben“, erklärt Hauptmann Meyer. „Ich gebe sie in den Bordcomputer ein und wiederhole sie für den JTAC, damit wir auf der sicheren Seite sind.“ Mit dem Readback-Verfahren werden die Infos nochmals verifiziert – Präzision ist alles. JTACs müssen sowohl die Details als auch das große Ganze im Blick haben. Am Boden inmitten des unbeständigen Gebirgswetters ermitteln sie auf den Meter genau GPSGlobal Positioning System-Koordinaten von Zielen. Gleichzeitig müssen sie die Luftraumordnung von Tausenden Metern überblicken. Gerade im Gebirge muss die Feuerunterstützung nah an die eigenen Kräfte ran. Ein Fehler und es könnten die eigenen Soldatinnen und Soldaten getroffen werden. Meyer muss Seemann blind vertrauen. Umgekehrt müssen sich die Truppen am Boden auf die Expertise der Piloten verlassen. Die ursprünglich geplante „Show of Force“ ist wegen der dichten Wolkendecke nicht möglich. Die Piloten sehen mit ihren Sensoren weder Boden noch Ziel und können keine Geländepunkte zur Orientierung erkennen. Die Gefahr eines Absturzes wäre zu groß. Die einzige Möglichkeit: ein Bombenabwurf über Zielkoordinaten. Der Bordcomputer im Tornado berechnet den Abwurfzeitpunkt, die Bomben werden nach Freigabe durch den JTAC durch Meyer ausgelöst. Dabei setzt er einen kurzen Funkspruch ab. Seemann und seine Kameraden ziehen die Köpfe ein

Auf der Reiteralpe dröhnt der Gefechtslärm, der Angriff der Gebirgsjäger ist auf dem Höhepunkt. Der Bombeneinschlag wird mit lauten Knallkörpern dargestellt. Der JTAC ist mittendrin. „Ich muss ganz vorne dabei sein, um die Übersicht zu behalten. Sonst kann ich die Kampftruppe nicht unterstützen“, beschreibt Seemann seine Aufgabe. Die Bombe hat die Bunkeranlage zerstört. Die Gebirgsjäger können weiter angreifen, Seemann ist zufrieden. Er bestätigt Meyer über Funk, dass das Ziel zerstört wurde, und checkt ihn aus dem Luftraum aus. Die Piloten drehen ab und fliegen zurück zu ihrem Fliegerhorst. Nach dem anstrengenden Gefechtstag notiert Seemann Koordinaten und Meldungen. Der Hauptmann faltet seine vom frischen Schnee bedeckten Karten zusammen und nimmt seinen Rucksack auf. „Ich bin abends nicht im warmen Bett“, sagt Seemann. „Ich bleibe mit der Infanterie draußen.“

von Matthias Lehna

Mehr zum Thema