Den Knopf im Ohr – Personenschützer bei der Bundeswehr

Besonders gefährdete Personen müssen besonders geschützt werden. Das ist auch bei der Truppe so. Der Generalinspekteur und sein Vertreter werden deshalb im Dienst von speziell geschulten Feldjägern begleitet – den Personenschützern der Bundeswehr. Etwa 30 Frauen und Männer der 13. Kompanie des Feldjägerregiments 1 in Berlin stellen den Schutz des GI sicher. Falls erforderlich rund um die Uhr und in allen Klimazonen.

Generalinspekteur im Gespräch, dahinter Personenschützer
Bundeswehr/Sebastian Wilke

Als Personenschützer der Bundeswehr: Den General immer im Blick

Zu Personenschützern halten sich gewisse Klischees: grimmig dreinschauende Hünen in Anzügen, Knopf im Ohr, nicht zu Scherzen aufgelegt. Mit seinen durchtrainierten Einsneunzig bedient Stabsfeldwebel Thomas Kranz* optisch genau das Bild. Auf der Stirn des Mittvierzigers haben sich Furchen eingegraben. Er wirkt unwirsch, schlecht gelaunt. Bei genauem Hinsehen wölbt sich seine Jacke an der rechten Hüfte, dort steckt eine P30 im Holster. Definitiv ist der Kampfsportler nicht der Typ, mit dem man Ärger kriegen will. Dass er eigentlich ein grundsympathischer Kerl und fürsorglicher Vorgesetzter ist, bleibt erst mal Berufsgeheimnis.

Funkgerät des Personenschützers

Stabsfeldwebel Thomas Kranz trägt ein digitales Funkgerät.

Bundeswehr/Sebastian Wilke
Personenschützer in Nahaufnahme

Eine Olive im Ohr, ein transparentes Kabel im Hemdkragen – die typische Tarnsprechgarnitur gehört zur Ausrüstung der Personenschützer.

Bundeswehr/Sebastian Wilke

Ein langer Tag – „open end” für die Personenschützer der Bundeswehr

An einem Dienstag Ende Oktober steht der Stabsfeldwebel früh am Morgen in der zweiten Etage eines Businesshotels in Hannover und behält den Flur im Auge. Mit seinem Team begleitet er diese Woche den Generalinspekteur der Bundeswehr. Der GI, General Eberhard Zorn, wird heute die Spießtagung eröffnen und später der Truppe einen Überraschungsbesuch abstatten. Am Nachmittag geht es zurück in die Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne gehen. Geselliger Abend mit den Spießen für den Chef, Dienstende offen für die Personenschützer der Bundeswehr.

„Bing!“ Die Fahrstuhltür schwingt auf, ein Hipster mit großen Kopfhörern schlendert hinein. Kranz streift ihn mit einem kurzen Blick. Auch er trägt Kopfhörer, allerdings dezenter. Nur eine kleine Olive in der Ohrmuschel, von der sich ein transparentes Kabel in seinen Hemdkragen kringelt. Die Tarnsprechgarnitur für das digitale Funkgerät, mit dem er und sein Team immer in Kontakt stehen. Der berühmte Knopf im Ohr.

Personenschützer und Generalinspekteur vor Fahrstuhl

Stabsfeldwebel Kranz begleitet den Chef, Generalinspekteur Eberhard Zorn, zum Frühstück.

Bundeswehr/Sebastian Wilke

Guten Morgen, Herr General“, sagt der Stabsfeldwebel, als der Generalinspekteur aus seinem Zimmer tritt. „Wir kommen runter“, knurrt er in sein Mikro. Er begleitet den Chef in den Fahrstuhl und von dort zum Frühstücksraum, wo schon dessen persönliche Referentin und der Adjutant warten. Beim Essen halten die Personenschützer etwas Abstand. Sie sitzen an einem Tisch abseits und nehmen auch ein schnelles Frühstück ein. Der Blick geht immer wieder Richtung Chef, im Zweifel wären die Jungs mit ein paar kurzen Sprüngen dort. „Wir müssen einen guten Mittelweg finden“, sagt Kranz und nimmt einen Schluck Kaffee. „Wir sollen den Chef wirksam schützen, aber nicht ständig im Weg rumstehen.“ Klingt nach Widerspruch, aber der Tag wird zeigen, dass die Personenschützer der Bundeswehr diese Balance gut hinbekommen.

Wichtig: Gute Tagesplanung

„Unser Kernteam steht“, erklärt Hauptfeldwebel Oliver Krüger*. Der Hauptfeldwebel ist Kranz‘ Stellvertreter als Kommandoführer. Daneben gibt es noch Andy und Max. Die Portepees sind als Kraftfahrer für die gepanzerten Limousinen des Kommandos eingeteilt.

Eine gute Tagesplanung ist wichtig. Aber die beste Planung ändert nichts an den vielen Terminen, 18-Stunden-Tage sind eher die Regel als die Ausnahme. Kranz‘ Augen sind rot gerändert vom Schlafmangel, seinen Kameraden geht es nicht besser. Tags zuvor war der General von einem Termin in Bayern überraschend zur Ministerin gebeten worden. Also ging es von Bayreuth nach Berlin und von dort am Abend gut 300 Kilometer nach Hannover. Irgendwo nahe der niedersächsischen Landeshauptstadt hatten Kameraden der 3. Kompanie des Feldjägerregiments 2 die beiden Limousinen an der A2 aufgenommen und zum Hotel gelotst.

Die Unterstützungskräfte vor Ort kennen die lokalen Gegebenheiten am besten und sammeln wichtige Informationen. Wo ist das nächste Krankenhaus? Wo ist die nächste Dienststelle, wo der nächste Hubschrauberlandeplatz? Wenige Stunden vor dem Eintreffen des GI haben sie das Hotelzimmer durchsucht, um danach auf die Kolonne zu warten. Im Anschluss haben sie eine Kladde mit allen Infos übergeben und den Folgetag mit den Berlinern durchgesprochen.

Personenschützer der Bundeswehr sind besonnene Profis

Soldaten und Generalinspekteur vor Autos

Unauffällig: Der GI steigt aus dem „Panzer”, einem Mercedes-Benz S600 SG VR9 mit 530 PS – von den Personenschützern der Bundeswehr immer im Blick.

Bundeswehr/Sebastian Wilke

Aufbruch. Im einsetzenden Berufsverkehr geht es mit den Unterstützungskräften zur Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne. Die schweren Mercedes S600er fahren dicht hintereinander und leicht versetzt. „Dieses taktische Fahren verhindert, dass andere Autos in unsere Kolonne einscheren“, erklärt Hauptfeldwebel Krüger. Das kann entscheidend sein. „Außerdem verbessert es das Blickfeld des zweiten Fahrers.“ Das Blaulicht haben die Männer auf dem Dach, eingesetzt wird es aber in Ausnahmefällen und zum Warnen des Verkehrs.

Kein Job für Adrenalinjunkies

In der Kaserne angekommen fährt die Kolonne direkt zum Tagungsort. Kranz springt aus dem Wagen, sichert und öffnet dem General die Tür. Dann geht es ins Gedränge des Foyers. Die Personenschützer der Bundeswehr beziehen an verschiedenen Stellen Position und scannen die Umgebung. Als der Chef ans Podium tritt und sein Grußwort spricht, sitzt Hauptfeldwebel Krüger mit im Raum. Kranz bleibt draußen an der Tür. „Natürlich sind wir in einer Kaserne entspannter als auf der Straße“, sagt Krüger später. „Mit der Zeit lernt man, die richtigen Schwerpunkte bei so einem Auftrag zu setzen. Kitzlige Momente gibt es immer wieder, es kommt auf Augenmaß an. Und dafür braucht man Erfahrung.“

Ein Knackpunkt für Personenschützerinnen und -schützer ist das ewige Warten. „Das trifft uns alle und macht einen großen Teil des Jobs aus“, sagt Kranz. „Die Herausforderung ist, dennoch hellwach zu bleiben.“ Im Grunde lässt sich die Situation mit der eines Torhüters bei einem Spitzenverein vergleichen: „Meistens passiert nichts. Aber wenn was passiert, müssen wir auf den Punkt reagieren.“ Kein Job für Adrenalinjunkies, sondern besonnene Profis.

Personenschützer im Hausflur
Kitzelige Momente gibt es immer wieder, es kommt auf Augenmaß an. Oliver Krüger
Generalinspekteur mit Soldaten im Gespräch
Die Herausforderung ist, trotz vielen Wartens hellwach zu bleiben. Thomas Kranz

18-Stunden-Tage sind eher die Regel als die Ausnahme.

Gepanzert und bewaffnet

Der Chef hat sich für einen Überraschungsbesuch in Neustadt am Rübenberge entschieden. In der Wilhelmstein-Kaserne liegen das Panzergrenadierbataillon 33 und das Versorgungsbataillon 141. General Zorn nimmt sich für beide Verbände viel Zeit. Die Gespräche und Besichtigungen ziehen sich bis spät in den Nachmittag. Krüger und Kranz sind die ganze Zeit an seiner Seite. Zwischendurch bittet der Adjutant darum, ein paar belegte Brote zu besorgen. Das übernehmen Andy und Max. „Auch das gehört mit zum Job“, sagt Kranz. Mit an das Gepäck des Chefs denken, an Akten oder den Mantel, den der General gleich brauchen wird. „Ein bisschen sind wir auch Dienstleister. Ohne diese zwischenmenschlichen Gesten würde es nicht funktionieren bei der vielen Zeit, die man zusammen verbringt.“

Personenschützer im Fahrzeug

Abgesichert: Die gepanzerte Mercedes-Limousine bringt über vier Tonnen auf die Waage. Sie ist schussfest und mit vielen Tools ausgestattet, die den Insassen das Überleben sichern.

Bundeswehr/Sebastian Wilke

Und ohne die „Panzer“ geht es auch nicht. So nennen die Jungs die Dienstwagen. „Das ist ein Mercedes-Benz S600 SG VR9. 530 PS bei ungefähr 4,2 Tonnen Leergewicht. Die Hälfte der Masse entfällt auf die verbaute Panzerung.“ Hauptfeldwebel Max Lüdecke*: „Das ist so ziemlich das sicherste Fahrzeug auf dem zivilen Markt, höchste Schutzklasse.“ Gut eine halbe Million Euro kostet ein Fahrzeug. „Jeder von uns eine spezielle Fahrausbildung beim Bundeskriminalamt bekommen, um sicher damit umgehen zu können. In der Öffentlichkeit bleibt sicherheitshalber immer einer von uns am Panzer.“ Apropos Sicherheit: Das Fahrzeug hat für die Panzerung dicke Scheiben. Schon das Öffnen der gepanzerten Tür gerät da zum Krafttraining. „Wenn der Wagen geneigt steht, kann es echt schwierig werden“, sagt Lüdecke grinsend. Das Auto ist schussfest gegen Handwaffen und mit einer eingebauten 360-Grad-Kamera, Nachtsichtgerät und Wärmebild auch für Fahrten in der Dunkelheit gut gerüstet. Neben den persönlichen Waffen der Personenschützerinnen und -schützer werden je nach Auftrag und Gefährdungsbeurteilung weitere Waffen mitgeführt.  

Die Wartezeit im Panzer will Lüdecke jetzt zum Verspeisen einer Pita nutzen. Kaum hat er das gefüllte Fladenbrot in der Hand, knackt das Funkgerät. „Wir kommen raus.“ Es geht weiter, die Pita muss warten. Zurück nach Hannover zur Spießtagung und anschließend zum Abendessen in der Heimgesellschaft. Abschirmen, aufpassen, beobachten. Zwischendurch schnell die Fahrzeuge tanken und den Folgetag vorbereiten. Es ist wieder deutlich nach Mitternacht, bis die letzte Teambesprechung durch ist. Am nächsten Morgen wird der GI im Gefechtsübungszentrum des Heeres erwartet. Wieder ein ganz normaler Tag für Personenschützer der Bundeswehr.

*Namen geändert

von Markus Tiedke

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