Mobilität im Einsatz

Der Schirrmeister und die Kraftfahrer im Libanon

Der Schirrmeister und die Kraftfahrer im Libanon

Datum:
Ort:
Naqoura
Lesedauer:
4 MIN

Der Schirrmeister hat zahlreiche Aufgaben. Er ist verantwortlich für das Management und die Instandhaltung des Fuhrparks, er plant die Wartung der Fahrzeuge, hat ein Auge auf deren Betriebsparameter, führt die Dienstaufsicht über die Kraftfahrer, erstellt die Dienstpläne und kontrolliert die Fahraufträge – für die Einsatzfähigkeit des Kontingentes.

Eine Karte ist auf einer Motorhaube ausgebreitet. Ein Mann in Uniform zeigt auf die Karte.

Dave S. kennt sich vor Ort bestens aus: Hier geht der Schirrmeister die Strecke im Südlibanon im Detail durch

Bundeswehr/Volker Muth

Die Hand des Schirrmeisters Hauptbootsmann Dave S. fährt zielsicher über die Landkarte des Südlibanons. Diese liegt ausgebreitet auf der Motorhaube eines geschützten Geländewagens. Mit einem Kugelschreiber fährt er die Strecke nach, welche die Soldaten des deutschen Einsatzkontingentes in den nächsten Stunden im Libanon zurücklegen werden. Die Soldaten sind Teil der Maritime Task Force der UNIFILUnited Nations Interim Force in Lebanon im Libanon. Diese ist verantwortlich für die Seeraumüberwachung und die Ausbildung der libanesischen Marine.

Heute soll der Nachfolger des Schirrmeisters in die Situation an Land eingewiesen werden. Das ist nicht immer einfach. Der Libanon und besonders der Süden des Landes sind ein Flickenteppich unterschiedlicher Interessen – religiöser und politischer Natur. Hauptbootsmann S. weiß, worauf vor Ort Rücksicht genommen werden muss. Dabei stimmt er sich immer mit dem Sicherheitsoffizier über die aktuelle Lage vor Ort ab. Er spricht die Wegpunkte der Strecke an und bespricht, wo es kritisch werden kann.

In mehreren sondergeschützten weißen Geländewägen geht es vom UNIFILUnited Nations Interim Force in Lebanon-Hauptquartier in Naqura auch an die Blaue Linie, die Demarkationslinie zwischen dem Libanon und Israel. Nach mehr als sechs Stunden Fahrt und etwa 200 zurückgelegten Kilometern wird der Konvoi wieder zurückkehren.

Jeder Tag eine Herausforderung 

Die Figur eines Schutzengels im Armaturenbrett eines Fahrzeuges

immer an der Seite der Soldaten – ein Schutzengel passt auf

Bundeswehr/Volker Muth

Der Schirrmeister, Hauptbootsmann Dave S., strahlt Ruhe und Kompetenz aus. Er ist seit 2002 Soldat. Wenn er nicht im Einsatz ist, managt er den Fuhrpark des „Taschenmessers der deutschen Marine“, des Seebataillons in Eckernförde. Dieses liegt nun mehr als 3.000 Kilometer entfernt – in einer anderen Welt. „Gute Laune, Teamfähigkeit. Die Lust, mit Menschen und Material zu arbeiten. Und auch eine gewisse Neugierde auf das Land selbst muss man mitbringen“, so Dave S. zu den Eigenschaften, die einen guten Schirrmeister ausmachen.

Er fügt hinzu: „Es wird nie langweilig. Jeder Tag ist eine Herausforderung. Der Plan ist erstellt – und dann kommt es doch anders, als man denkt.“ Über Nacht kann sich die Lage ändern, sodass man am nächsten Morgen die Route anpassen und sich mit Kameraden abstimmen muss. Doch Dave S. empfindet das keinesfalls als lästig, sondern vielmehr als etwas sehr Positives. „Es kommt keine Routine auf“, sagt er aus voller Überzeugung.

Der Libanon – ein ebenso schönes wie forderndes Land

Ein weißer Geländewagen auf einer Hebebühne. Ein Mechaniker arbeitet an der linken Hinterachse.

Ein Geländewagen des Kontingents bei der Instandhaltung

Bundeswehr/Volker Muth
Ein Mechaniker arbeitet an der Bremsscheibe eines Autos

Sicherheit steht an erster Stelle: Austausch einer abgenutzten Bremsscheibe der Handbremse

Bundeswehr/Volker Muth

Die Landschaft im Libanon stellt für die Arbeit als Schirrmeister eine besondere Herausforderung dar. Die Straßenverhältnisse, der Verkehr und das Libanongebirge mit Bergen, die teilweise über 
3.000 Meter hoch sind, führen dazu, dass die Fahrzeuge einer besonders hohen Abnutzung unterliegen. Aber auch die Kraftfahrer müssen dort einiges leisten.

Den Libanon empfindet Dave S. als ein sehr schönes Land. Die Menschen dort seien herzlich und „begegnen einem mit sehr viel Respekt und Freundlichkeit“. Das mache einem das Arbeiten leichter, so sein Empfinden. Eine zufällige Begegnung kann leicht zu einer Einladung auf einen Tee führen. „Obwohl sie nicht viel haben, haben sie mit einem geteilt“, berichtet Hauptbootsmann Dave S. tief beeindruckt.

Es ist ein verrücktes Fahren hier
 

Blick durch die Frontscheibe: Ein Auto fährt durch eine Stadt

Zügig geht es im sondergeschützten Geländewagen durch Beirut – mit höchster Konzentration, denn der Verkehr ist hier deutlich ungeordneter als in Deutschland

Bundeswehr/Volker Muth

Stabsunteroffizier Michael H. ist Militärkraftfahrer beim deutschen Einsatzkontingent in Naqura. Seine Hauptaufgabe ist das Fahren und der Transport von Personen, zum Beispiel zum Flughafen nach Beirut. Das Fahren im Libanon sei dabei deutlich schwieriger als in Deutschland. Der Abstand im Verkehr sei viel kürzer. Das erfordere mehr Konzentration, weil kaum Zeit zum Reagieren bleibe. „Zu Hause würde ich sagen: 100 % Konzentration. Hier liegt sie bei 150 %, 160 %, 170 %. Das kostet viel Kraft!“, so Michael H. Immer wieder muss er auf andere Fahrzeuge Acht geben. Mit Motorrollern rechnen, die sich auch in die kleinste Lücke hineindrängen. Ein Rechtsfahrgebot wie in Deutschland existiert im Libanon nicht. Auch Sicherheitsabstände gibt es nicht.

„Ein Mopedfahrer kann links im Spiegel sein, aber rechts überholen“, schildert er die unübersichtliche Lage. „Man blinkt links und fährt rechts. Überholt wird im, Fast & Furious-Stil‘ – links, rechts, schnell vorbei.“ Es sei völlig normal, dass ein voll beladener 40-Tonnen-Lkw nicht 
90 km/h, sondern 120 km/h fahre. Auf den Mopeds fahre alles mit, was irgendwie drauf gehe. „Ich habe schon fünf Personen mit Wochenendeinkauf auf einem Moped gesehen“, so Stabsunteroffizier H. Um abzukürzen, werde auch in den Gegenverkehr gefahren. So könne es schon mal vorkommen, dass das Auto vor einem ausweicht und man plötzlich Scheinwerfer auf sich zukommen sehe. Das sei vollkommen normal. Darauf müsse man als Kraftfahrer achten und reagieren können. „Im Libanon muss man erahnen, was die anderen vorhaben, um zu vermeiden, dass es zum Unfall kommt. Es ist ein verrücktes Fahren hier“, fasst Michael H. die Verkehrslage zusammen.

von Volker Muth

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