Cyber-Inspekteur zu Combat Cloud, Kill Web und Bundeswehr-Satelliten
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- Berlin
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Satelliten gestört, Strom und Internet gekappt: Noch bevor der erste Schuss fällt, werden in der modernen Kriegsführung zivile und militärische Strukturen bereits im digitalen Raum zu Angriffszielen. Der Inspekteur des Cyber- und Informationsraums, Vizeadmiral Dr. Thomas Daum, erklärt das digitale Gefechtsfeld in Zeiten russischer Bedrohung und wie man Cyberangriffe abwehrt.
„Eine wesentliche Erkenntnis aus dem Krieg in der Ukraine ist die Transparenz des Gefechtsfeldes“, sagt der Inspekteur der Teilstreitkraft Cyber- und Informationsraum (CIR), Vizeadmiral Dr. Thomas Daum, im Gespräch mit „Nachgefragt“-Moderator Major Hannes Lembke. Dass sich kein Panzer mehr unter Schnee oder Blättern verstecken könne, liege an einer unglaublichen Vernetzung von Sensoren, erklärt der Cyberexperte: „Egal, ob Mensch, Radargeräte oder Drohnen – sämtliche Beobachtungen fließen durch die Digitalisierung zusammen, bis zur Entscheidung und Zielbekämpfung.“
Die dadurch gewonnenen Informationen würden wiederum gebündelt an verschiedene Waffensysteme weitergeleitet. „Dieser Prozess ist durch die Datentransfer-Technologie massiv beschleunigt“, konstatiert der Vizeadmiral. Es gehe nicht mehr um Tage und Stunden, sondern um Minuten und Sekunden – vom Erkennen eines Ziels bis zu seiner Bekämpfung. Dieser Ablauf treffe insbesondere auf die Ukraine zu.
Die Bundeswehr reagiert auf diese Entwicklung unter anderem mit dem Ausbau ihrer Kommunikationssysteme im Weltraum. „Wir bauen eine Konstellation von 600 Satelliten“, so Daum. Das sei keinesfalls Zukunftsmusik, sondern bereits für das Gefechtsfeld der Gegenwart relevant. Dabei geht die Vernetzung der Wirkungskette – beim Militär auch Kill Chain genannt – weit über das konventionelle Muster hinaus. Stattdessen eröffnet eine Vielzahl KI-basierter Verknüpfungen von Datensätzen quasi unendlich viele Reaktionsmöglichkeiten – um einen Angriff zu starten oder abzuwehren. In diesem sogenannten Kill Web werden die Daten ohne zeitliche Verzögerung den Soldatinnen und Soldaten zur Verfügung gestellt.
Besonders wichtig ist in diesem Kontext das Zusammenspiel von Heer, Luftwaffe, Marine sowie Cyber- und Informationsraum. „Gemeinsame Operationen setzen die Digitalisierung aller Teilstreitkräfte voraus“, unterstreicht der CIR-Inspekteur. Dafür würden in einer Combat Cloud, einer gemeinsamen Datenbank, alle Informationen für die entsprechenden Kills im Web eingespeist. Dabei ergänzten sich die einzelnen Teilstreitkräfte mit ihren jeweils effektivsten Mitteln – sei es ein Kriegsschiff, ein Kampflugzeug, unbemannte Systeme oder ein Cyberangriff. Grundsätzlich gelte: „Wer hat gerade die beste Position und die beste Waffe zur Verfügung, um ein Ziel zu bekämpfen“, so Daum.
Neben harten militärischen Fakten, wie Panzern, komme dem Cyber- und Informationsraum eine nicht zu unterschätzende Funktion zu. „Cyberfähigkeiten dienen der Abschreckung und können damit einen Krieg verhindern“, betont der Vizeadmiral. Mit der Mission Vigilant Owl seien bereits jetzt Soldatinnen und Soldaten der Elektronischen Kampfführung (EloKa) in Litauen aktiv an einem Frühwarnsystem vor russischen Militäraktivitäten beteiligt.
„Es geht um elektromagnetische Erfassung. Das heißt, die horchen natürlich über die Grenze“, erklärt Daum. Ziel sei es, durch die Auswertung von Funk und Radar ein Lagebild über zukünftige russische Truppenbewegungen zu erstellen. Wie wichtig das ist, zeigt die Geschichte. So verblieben die russischen Truppen nach groß angelegten Militärübungen im Jahr 2013 und 2021 in ihren Stellungen, um anschließend 2014 die Krim und 2022 die gesamte Ukraine anzugreifen.
Im fünften Jahr des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine zeige sich die ukrainische Armee laut Daum im Vergleich zur russischen Seite gut aufgestellt im Abhören und Stören aller Frequenzbereiche, Funkverbindungen und Radarsignale. „Die Ukraine kommt mit Masse und Klasse gut gegen die russischen Streitkräfte an“, betont Daum und sagt: „Innovation heißt letztendlich in der Ukraine, dass alle zwölf Wochen eine Veränderung ansteht.“ Diesen Wettlauf gegen die Zeit habe die Bundeswehr erkannt und baue ihre Fähigkeiten im Cyberraum aus.
Wenngleich die Entwicklung Künstlicher Intelligenz in rasendem Tempo voranschreitet, kann sie doch erfahrene, ethisch gefestigte Soldatinnen und Soldaten nicht ersetzen „Wir brauchen den Menschen in dieser Entscheidungskette“, betont Daum. „Er überwacht diesen Prozess und greift dann ein. Wir nennen das Control by Veto“, resümiert der Chef der jüngsten Teilstreitkraft der Bundeswehr.
von Kristina Stache