Heer
Geburt eines neuen Verbandes

Die erste Bataillonskommandeurin des Heeres ist 100 Tage im Amt

„Die regionale Gewinnung von Personal ist unsere größte Chance zu wachsen“, erklärt Oberstleutnant Hekja Marlen Werner. Der bislang einzigen Bataillonskommandeurin im Heer ist deutlich anzumerken, dass sie entschlossen und willens ist, etwas zu schaffen. Vor gut 100 Tagen übernahm sie die Führung des Panzerartilleriebataillons 375 in Weiden. Das Besondere: Der Weidener Verband entsteht völlig neu.

Eine Soldatin blickt freundlich in die Kamera. Im Hintergrund steht eine Panzerhaubitze.

„Rückblickend auf die ersten 100 Tage ist es für alle eine ganz große Sache. Das Gefühl einen, wenn man es so möchte, auch seinen eigenen Verband zu formen, motiviert die Soldaten ungemein“, so die 40-jährige Kommandeurin. Seit dem ersten Tag liegt der Fokus der Bataillonsführung auf der Ausgestaltung der wichtigsten Bereiche. Personal, Material, Ausbildung, aber auch Infrastruktur, Logistik und ITInformationstechnik, also die digitale Geburt eines Verbandes, waren und sind zentraler Bestandteil der Arbeit. Noch wenige Tage vor der Aufstellung, im Oktober letzten Jahres, begann man mit neun Soldaten. Beim feierlichen Aufstellungsappell am 5. Oktober 2023 auf dem Weidener Marktplatz waren es dann bereits 75 Kameradinnen und Kameraden. „Zu merken, dass täglich etwas geschieht und unser Bataillon wächst und entsteht, ist der größte Antrieb der Männer und Frauen um mich herum“, beschreibt Werner. Ihr ruhiger, aber dennoch durchsetzungsstarker und kompetenter Umgang mit den Soldaten zeichnet sie dabei aus. Mit Abschluss dieser Phase, also bis Ende März 2024, wird das Bataillon auf rund 300 Soldaten angewachsen sein.

Oberstleutnant Hekja Marlen Werner ist als Kommandeurin bundeswehrweit nicht allein: Auch die Marine und die Streitkräftebasis haben und hatten jeweils eine Soldatin in vergleichbar hoher Position eingesetzt.

Ausbildung an der Artillerieschule in Idar-Oberstein

Drei Haubitzen stehen auf einem Feld und feuern.

Der Artillerie kommt in der Landes- und Bündnisverteidigung eine ganz entscheidende Rolle zu. Mit ihren Waffen kann sie Ziele in großer Entfernung mit hoher Präzision bekämpfen. In der Dreiergliederung besteht ein Geschützzug aus drei Haubitzen.

Bundeswehr/Marco Dorow

2002 beginnt die militärische Vita der heutigen Kommandeurin. Dass ein Gerichtsurteil nur zwei Jahre zuvor den Weg für Frauen in alle militärischen Laufbahnen geöffnet hatte, hatte sie damals überhaupt nicht auf dem Schirm. „Ich wollte Soldatin werden, das war mein Ziel. In meiner Vorstellung bedeutete der Soldatenberuf robust zu sein und im Ernstfall mit einer Waffe in der Hand und in einem schweren Gefechtsfahrzeug für mein Land einzustehen“, erinnert sie sich an ihre Motivation, zur Bundeswehr zu gehen. An ihre Offizierausbildung an der Artillerieschule in Idar-Oberstein schloss sich die Ausbildung zur Artilleriebeobachterin und Feuerunterstützungsoffizierin an. Danach absolvierte sie zwei Studiengänge und war in verschiedenen internationalen und nationalen Verwendungen eingesetzt. Auch auf Einsatzerfahrungen, etwa in Afghanistan, blickt Hekja Marlen Werner zurück. Während ihrer Laufbahn als Stabsoffizierin konzentriert sie sich auf zwei Tätigkeitsschwerpunkte – Personalmanagement und Militärpolitik.
„Die Initialzündung, Kommandeurin zu werden, gab wohl meine Verwendung als Inspektionschefin. Ausbilden, führen, Erlebnisse schaffen, sehen, wie sich junge Soldaten entwickeln und das mit dem Wissen von älteren Kameraden zu verbinden – das alles waren sehr prägende Erfahrungen für mich“, beschreibt sie mit glänzenden Augen. Im vergangenen Jahr war ihre militärische Heimat noch das Bundesministerium der Verteidigung in Berlin. Mit dem Umzug der kompletten Familie ist nun die Oberpfalz deren neue Wahlheimat. In Weiden ist sie seit mehr als drei Monaten Kommandeurin des neuen Artillerieverbandes in der Major-Radloff-Kaserne. Bislang gibt es dort zwei Artilleriebataillone. Jedoch wird das Artilleriebataillon 131 teilweise mit Personal und Material in dem neuen 375’er aufgehen und letztendlich an den Standort Oberviechtach verlegt.

Etwas Neues entsteht

Ein Soldat sitzt an einem Schreibtisch, daneben steht eine Soldatin. Sie weist auf Papier vor ihm.

Das Bataillon besteht nun schon 100 Tage. Personal und Material werden täglich mehr, die Planungen jedoch gestalten schon die Zukunft des Bataillons.

Bundeswehr/Marco Dorow

Wer sich mit der Geschichte der Artillerie beschäftigt, merkt schnell, dass es die Verbandsbezeichnung 375 schon einmal gab. Standort Frankenberg in Sachsen: Die Geschichte des Panzerartilleriebataillons 375 begann im April 1991. Aus dem Artillerieregiment 7 geht das Panzerartilleriebataillon 375 hervor und wird der Heimatschutzbrigade 37 – der späteren Panzergrenadierbrigade 37 – unterstellt. Dieses Panzerartilleriebataillon 375 wurde aber nur 14 Jahre alt. Mit Beginn der 2000er Jahre passte sich die Bundeswehr an die veränderte politische Situation an. Nach der Verladung der letzten beiden Panzerhaubitzen vom Typ M109 wurde am 25. November 2005 das Panzerartilleriebataillon 375 mit einem feierlichen Appell auf dem Marktplatz in Frankenberg aufgelöst.
18 Jahre später folgen die Soldaten wieder den politischen Maßgaben. Innerhalb der 10. Panzerdivision trägt die Aufstellung des neuen Verbandes 375 der Zeitenwende und der Refokussierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung Rechnung. Die Aufstellung ist ein deutliches Zeichen des strukturellen Anpassungsprozesses entlang des Zielbildes Einsatzkräfte Heer. Mit dem Panzerartilleriebataillon 375 in Weiden verfügt die Panzergrenadierbrigade 37 aus Frankenberg als zweite Brigade wieder über eine eigene Brigadeartillerie. Seit jeher ist das Artilleriebataillon 295 in Stetten am kalten Markt der Deutsch-Französischen Brigade aus Mühlheim unterstellt. Zukünftig wird der Panzerbrigade 12 in Cham das dann umgegliederte Panzerartilleriebataillon 131 am neuen Standort Oberviechtach zugeordnet. 
 

Wachsen, ausbilden und Chancen nutzen

Zwei Soldaten sitzen gebeugt über Lernbögen an einem Schreibtisch in einer Fahrzeughalle.

Die erste Panzerhaubitze 2000 steht im Panzerartilleriebataillon 375. Die Dienstpostenausbildung zum Kanonier läuft auf Hochtouren.

Bundeswehr/Marco Dorow

Für die bis jetzt etwa 120 Artilleristen drängt die Zeit. Eine erste Panzerhaubitze 2000 ist bereits vorhanden und die Ausbildung beginnt. Die ersten Dienstpostenausbildungen zum Richt- und Munitionskanonier laufen bereits. Das Bataillon muss kampfbereit werden. Es wird bis auf rund 550 Soldaten anwachsen und im Kern über 18 Panzerhaubitzen verfügen. Der Verband nimmt die sogenannte Dreiergliederung ein. In ihm wird ein Geschützzug über drei Panzerhaubitzen verfügen. Die 2. und 3. Batterie, also die schießenden Batterien, werden je drei dieser Geschützzüge haben. In der 4. Batterie werden alle Kräfte Joint Fire Support, also mit dem Schwerpunkt Feuerleitung, -lenkung und -beobachtung, gesammelt. „Wir stehen kurz vor dem Ende der ersten Phase. Die Grundlagen haben wir bis Ende März gelegt. Ab Anfang April werden die 2., 3. und 4. Batterie personell aufgestellt. Das ist für uns ein großer Meilenstein. Die zukünftige 2. Batterie kommt aus dem Schwesterbataillon 131 und nahm bis vor Kurzem ihren Auftrag in Litauen wahr. Diese Soldaten bringen wertvolle Erfahrungen mit, die wir gewinnbringend in die Ausbildung unserer aufwachsenden Geschützbesatzungen integrieren werden. Wir steuern schließlich auf unser großes Highlight im Juli, den ersten scharfen Schuss auf dem NATO-Truppenübungsplatz Grafenwöhr, zu“, gibt Oberstleutnant Werner einen Ausblick.

Da nicht alle Soldatinnen und Soldaten aus der Anpassung der Strukturen kommen, muss aktiv neues Personal gewonnen werden. Der Materialzulauf wird von anderer Ebene her gesteuert. „Für mich ist die Region um Weiden das Einzugsgebiet, wenn es darum geht, junge Menschen für den Dienst in meinem Verband zu begeistern. Nicht nur mit dem Karrierecenter Weiden, auch mit Vereinen und öffentlichen Organisationen stehen wir in Kontakt, um transparent zu zeigen und zu erklären, was bei uns im Panzerartilleriebataillon 375 alles möglich ist“, erläutert Werner. Der nächste Termin, auf den der Verband zusteuert, ist der 26. März, ein lokaler Info-Abend für Interessierte in der Major-Radloff-Kaserne. „Wir blicken mit Zuversicht und großer Motivation auf die nächsten 100 Tage und auch weit darüber hinaus. Das Panzerartilleriebataillon 375, dessen Aufwuchs und die Ausbildung unserer Soldatinnen und Soldaten ist unser Schwerpunkt“, so die Kommandeurin des neuen Artilleriebataillons in Weiden.

Kontakt

„Die Rekrutierung von neuem Personal ist elementar“

Passen Sie jetzt Ihre Datenschutzeinstellungen an, um dieses Video zu sehen

2016 war Hekja Marlen Werner Major. Sie besuchte die Führungsakademie an der Universität der Bundeswehr in Hamburg und schloss ihr Masterstudium ab. Heute führt sie ein Bataillon.

Dienstpostenausbildung Kanonier

In einer Halle stehen mehrere Soldaten um eine Haubitze herum.

Die militärische Grundausbildung ist für alle Soldaten gleich. Während der sogenannten Dienstpostenausbildung spezialisieren sich die Soldaten dann für eine bestimmte Verwendung.

Bundeswehr/Marco Dorow

Kanoniere der Artillerietruppe sind Spezialisten für den Einsatz von großkalibrigen Geschützen wie der Panzerhaubitze 2000. Dafür ist ein ausgeprägtes Systemverständnis der Waffe, wie auch der Munition und aller damit verbundenen systembedingten Lade- und Richtvorgänge nötig. Der effektive und zielgenaue Einsatz des Waffensystems ist das Ziel. Das Bedienen technisch komplexer Feuerleitanlagen, Aufklärungs- oder Waffensysteme sowie Munitionsladesysteme sind dafür nötig. Nach dieser Ausbildung und nach weiterführenden Ausbildungen ist auch ein Einsatz als Kraftfahrer der Panzerhaubitze möglich. Die Dienstpostenausbildung zum Kanonier dauert etwa acht Wochen und wird am Standort Weiden durchgeführt.

Panzerartilleriebataillon 375 in Aufstellung

von René Hinz

mehr Artillerie