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Torpedo-Teststation: Werkstatt für U-Boot-Jäger

Torpedo-Teststation: Werkstatt für U-Boot-Jäger

  • Ausrüstung und Technik
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Datum:
Ort:
Wilhelmshaven
Lesedauer:
4 MIN

Er ist seit sechzehn Jahren auf der Jagd nach U-Booten. Unter der Wasseroberfläche angekommen, kann ihn keiner stoppen – der Torpedo MU90

Ein grünes Rohr befindet sich auf einer gelben Stahlkonstruktion.

In einem Testbereich überprüfen die Techniker den MU90-Torpedo

Bundeswehr/Kim Couling

Techniker im Munitionsinstandsetzungspunkt Wilhelmshaven überprüfen das Geschoss auf Herz und Nieren und machen es für die Jagd unter Wasser fit. Das Gebäude auf dem Kasernengelände ist ein abgesperrter Bereich, zu dem nicht jeder Zutritt hat. Vier riesige Hügel sind von außen zu sehen und die Bürofenster sind mit Gitterstäben gesichert. Nicht ohne Grund, denn im Inneren des Bunkers wird mit Sprengstoff gearbeitet. Hier wird der U-Boot-Jäger gewartet und instandgesetzt. Geht etwas schief, kann das fatale Folgen haben.

Kleines Team für großes Geschoss

Im größten Bundeswehrstandort kümmert sich ein kleines Team von elf Soldaten und zivilen Mitarbeitern um die 300 Kilogramm schweren Geschosse. Elektroniker, Feuerwerker und fachkundige Munitionsarbeiter arbeiten gemeinsam am Torpedo. „In unserem Bereitstellungsbunker können mehrere Gefechtstorpedos für die Testung zwischengelagert werden. Unsere Wände sind deshalb bis zu 70 Zentimeter dick. Außerdem haben wir eine Druckentlastungsöffnung, falls sich der Sprengstoff umsetzt“, erklärt der Dienststellenleiter Oberstabsbootsmann Jens Hennig. Auch sechs hauseigene Fahrzeuge stehen den Spezialisten zur Verfügung, um die Torpedos von A nach B zu transportieren.

Der Leichtgewichtstorpedo MU90 ist seit sechzehn Jahren im Inventar der Deutschen Marine und derzeit einer der modernsten auf dem Markt. Fregatten der Klasse 123 oder 124 nutzen den Torpedo bei der Abwehr von U-Booten. Aber auch Marineflieger mit dem Bordhubschrauber Sea Lynx verwenden den „Jäger“ und werfen das Geschoss über dem Unterwasser-Ziel ab. Dieser „schießt“ mit etwa 90 Kilometern pro Stunde bis zu zwölf Kilometer durch das Wasser. Beim Treffen des Ziels detoniert der schwere Sprengkopf. „Vergleichbar ist das mit einem Dobermann, der sich festbeißt und nicht mehr loslässt“, bringt Hennig die Zielauffassung des Torpedos auf den Punkt.

Deutsch-Dänische Wartung

Mehrere grüne Rohre befinden sich in einer Lagerhalle.

Lagerhalle der Torpedos

Bundeswehr/Kim Couling

Damit die MU90 der Marine überhaupt auf Jagd gehen können, müssen sie gewartet und instandgesetzt werden. Dafür werden die fast drei Meter langen Torpedos in ihre Einzelteile zerlegt. „Erst wird er in seine Baugruppen zerlegt, dann in Unterbaugruppen und dann langsam wieder zusammengebaut und als Baugruppe getestet. Die Achtung und der Respekt vor der Materie Sprengstoff sollte dabei immer vorhanden sein“, erklärt Jens Hennig. 220 Stunden Arbeit stecken in einer solchen Wartung, die viel Feingefühl von den Spezialisten abverlangt. „Wir sind eine der wenigen Nationen, die die Instandsetzung und die Wartung selbst durchführen. Aber nicht nur das. Die Wartung der dänischen Torpedos übernehmen wir auch“, betont Hennig stolz.

Beim Wechsel eines Gummirings müssen erst unzählige Schrauben gelöst werden, bevor die Munitionsfacharbeiter ins Innere des Torpedos vordringen können. Nachdem der Ring getauscht und die Schrauben wieder festsitzen, wird geprüft, ob der Ring auch wirklich dichthält. „Gleich nicht erschrecken. Beim Test knallt es einmal laut und dann wissen wir, ob der neue Ring dicht ist“, erklärt Jan Claaßen. „Bei jeder Instandsetzung arbeiten wir nach Plan. Alles steht Schritt für Schritt auf unseren Arbeitskarten drauf“, erklärt er seine Vorgehensweise.

Filmstudio für die Testphase

Der Blick in den Testungsbunker verrät, dass hier besonders vorsichtig gearbeitet wird. Ein Arbeitstisch mit einer Sicherheitsscheibe steht mitten im Raum. Aber nicht nur das: Auch die kleinen Kameras und Lautsprecher sind für dieses Arbeitsumfeld ungewöhnlich. Schließlich sind sie die Spezialisten für Munition und nicht für Fotografie und Film. Trotzdem sind die kleinen Hightech-Kameras unabdingbar. „Sie kommen immer dann zum Einsatz, wenn sich keiner direkt im Testraum aufhalten darf. Unsere kleinen Helfer zeichnen alles auf und wir verfolgen die Tests dann am Computer“, erklärt Claaßen weiter. Damit nicht genug. Sind Tests oder Arbeiten beendet, wird alles genauestens aufgeschrieben und in der Lebensakte des Torpedos festgehalten. „Wir arbeiten hier nicht 90 Prozent, nicht 99 Prozent, sondern 100 Prozent. Wenn etwas nicht zu 100 Prozent geprüft oder abgeschlossen wurde, geht der Torpedo nicht raus“, bringt es Hennig auf den Punkt.

Vorbereitung ist zwar aufwendig, aber das A und O“

Zwei Männer in Schutzanzügen befüllen einen Torpedo.

Durch das Befüllen mit Natriumhydroxid wird der Torpedo gefechtsklar gemacht

Bundeswehr/Kim Couling

Ist der TÜV bestanden, wird der Torpedo gefechtsklar gemacht. In der Waschhalle stehen sie schon bereit. Fünf Torpedos müssen von den Spezialisten heute „befüllt“ werden. Doch womit und warum? Der Torpedo arbeitet mit einer Silberbatterie. Das Natriumhydroxid, was beim Befüllen dazu gegeben wird, dient dann als Elektrolyt. „Es ist quasi der Treibstoff. Da dieser alkalisch und gefährlich ist, tragen wir unsere lustigen Schutzanzüge“, sagt Claaßen mit einem Lächeln. Bevor der Stoff eingefüllt wird, müssen die Torpedos abgeklebt werden. „Auch das ist wichtig, damit nichts danebengeht, was den Torpedo beschädigen könnte. Die Vorbereitung ist zwar aufwendig, aber das A und O“, erklärt Oberstabsbootsmann Jens Hennig. Und dann kann es losgehen. Mit Schutzanzug wird das abgewogene Natriumhydroxid in den Torpedo eingefüllt. Nach einer Stunde ist es vollbracht. Die Torpedos sind befüllt und bereit für ihren Einsatz.

Jetzt geht es für die U-Boot-Jäger raus in die Flotte, wo sie dann zum Einsatz kommen. „Es ist schön zu sehen, wenn die Torpedos unsere Dienststelle verlassen. Denn dann sind sie einsatzklar und können auf Jagd gehen“, erklärt er abschließend. Wann und wo sie zum Einsatz kommen, wissen die Techniker nicht. Eines aber schon: Keiner kann sie stoppen.

von Kim Couling  E-Mail schreiben

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