Heron über Afghanistan
Masar-i Scharif, 07.06.2012.
Seit März 2010 ist das unbemannte Drohnen-System Heron beim Einsatzgeschwader Masar-i Scharif im Dienst. Die Heron-Crews unterstützen die Truppe 24 Stunden am Tag mit Beobachtungsergebnissen aus der Luft. Die aus Israel stammenden und von der Bundeswehr geleasten Drohnen liefern Material in Echtzeit.

Heron („Reiher“) hat einen Beobachtungsauftrag: Das Fotografieren von Objekten für die spätere Analyse der Fotos gehört nicht zum Spektrum der Drohnen. „Bewegung ist das, was uns interessiert. Also was passiert am Boden unmittelbar, wer bewegt sich wie und wohin
“, erklärt Oberstleutnant Jan S., Air Vehicle Operator, der zusammen mit Pilot Operator Hauptfeldwebel Christin B. in einem der Bedienercontainer im Camp Marmal in Masar-i Scharif sitzt. Beide haben einen Monitor vor Augen und die Hand am Joystick oder am Tracking Ball. „Das, was wir machen, ist direkte Einsatzunterstützung in Echtzeit. Das ist der Kernauftrag von Heron
“, sagt Jan S.
Trotz Entfernung nah dran
Auch wenn der Container mit seinen Tastaturen, Joysticks und Bildschirmen im relativ sicheren Feldlager steht, sind die Crew-Mitglieder emotional und geistig ganz nah am Geschehen „draußen“. „Wenn beispielsweise eine besonders heikle Mission der Leute am Boden durch uns überwacht wird, und wir von anderen Crews abgelöst werden, liege ich nachts schon mal wach
“, meint Hauptfeldwebel Christin B. „Am nächsten Morgen will ich dann unbedingt wissen, wie es ausging
“, sagt sie. „Ich habe das Gefühl, unmittelbar dabei zu sein. Wir funken ja auch mit den Leuten am Boden, sind ständig mit ihnen in Kontakt, auch per Chat
“, erklärt sie. „Mir geht es ganz ähnlich. Es ist, als ob ich direkt da oben in der Maschine säße. Zeitgleich denke ich mich in die Leute am Boden hinein
“, ergänzt Oberstleutnant S.
24 Stunden Präsenz am Himmel
Nach den deutschen Einsatzvorschriften darf ein Heron bis zu 27 Stunden in der Luft sein. Selbstverständlich werden dabei die Crews regelmäßig abgelöst. So ist ein lückenloser Einsatz der Maschinen mit permanent hochkonzentrierten Bedienern garantiert. „Im Schnitt fliegen wir zwei bis fünf Missionen pro Tag. Die Bediener wechseln alle vier Stunden
“. Ein Heron ist durchschnittlich um die 23 Stunden am Stück im Einsatz. Dadurch, dass die Fluggeräte im Einsatzraum in der Luft abgelöst werden, können am Tag dann insgesamt sogar mehr als 24 Flugstunden entstehen Theoretisch ist somit immer eine der insgesamt drei Maschinen der Heron-Gruppe in der Luft. Sechs Crews garantieren diesen Dauereinsatz personell.
Das „unsichtbare“ System
Die Drohnen sind vom Boden aus weder zu sehen noch zu hören. Eine maximale Einsatzflughöhe von 25.000 Fuß kann zwar erreicht werden, die Operationshöhe liegt aber meist bei etwa 10.000 Fuß. Durch den Beobachtungswinkel – manchmal 60 Grad - sind die tatsächlichen Entfernungen zum beobachteten Objekt am Boden aber deutlich größer. Heron beobachtet immer im Winkel, also nie im direkten Überflug. So können Bewegungen oder Gegenstände am Boden besser erkannt und unterschieden werden. Dem klaren Blick der Kamerabediener tun die großen Beobachtungsentfernungen dank hoch auflösender Optiken jedoch keinen Abbruch.
Die Truppe richtet ihre Anforderungen auch während laufender Missionen der Fluggeräte direkt an die Heron-Bediener. Heron verfügt über ein vollautomatisches Start- und Landesystem. Zwar kann der Pilot jederzeit die manuelle Steuerung übernehmen, doch „das System ist äußerst zuverlässig
“, versichert S.
Intensive Ausbildung in Tel Aviv
Seit März 2010 ist Heron mittlerweile in Afghanistan im Einsatz. Der Bedarf der Truppe an Beobachtungsergebnissen in Echtzeit ist groß. Innerhalb von sechs Monaten nach der Entscheidung, die unbemannten Drohen einzuführen, fand die Beschaffung statt. In diesen sechs Monaten mussten auch die ersten Piloten und Kamerabediener ausgebildet werden.
Hauptfeldwebel Christin B. war eine der ersten, die zum Training kommandiert wurden. Die Ausbildung für die Piloten und Bediener, die auf einem Flugplatz in der Nähe Tel Avivs erfolgt, dauert zwischen zwei und drei Monaten. Im Einsatz sind die Heron-Crews dann durchschnittlich drei Mal im Jahr für jeweils sechs bis acht Wochen.
Gebaut wird die Drohne von Israel Aerospace Industries. Geleast sind die Maschinen von der Firma Rheinmetall, die wiederum mit der Bundeswehr einen Nutzungsvertrag hat. Die Wartung der Fluggeräte wird von Rheinmetall-Technikern ausgeführt. Die Bundeswehr hat mit der Firma dafür einen Servicevertrag abgeschlossen. Somit können sich Kamerabediener und Piloten ganz auf ihren originären Auftrag konzentrieren.

Ein eingespieltes Team
„Für den unmittelbaren Auftrag hat im Grunde die Kamerabedienerin die Verantwortung. Sie muss mir sagen, wie ich wann wohin fliegen muss, damit sie den richtigen Beobachtungsbereich im optimalen Winkel im Blick behält. Ich als Pilot bin ausschließlich für den Flug verantwortlich
“, sagt Oberstleutnant S.
Natürlich ergänzen sich die Arbeitsbereiche ständig. „Mein Job ist es, die Maschine so zu steuern, dass sie einerseits in keine gefährliche Witterung fliegt und andererseits immer im richtigen Winkel bleibt. Zur besseren Einschätzung der Lage ums Flugzeug herum habe ich zusätzlich eine Panoramakamera
“, erläutert Jan S.
Schutz durch Aufklärung
Ein Heron beobachtet aber nicht nur, er zeichnet auch Videos auf. Die Truppe am Boden kann die Videos abrufen und dabei direkt mit den Heron-Crews kommunizieren. So entsteht praktisch kein Zeitverlust mehr. Der Einsatz von Heron wirkt sich unmittelbar aus und schützt die eigene Truppe. „Wir hatten einmal einen Glückstreffer, bei dem wir eine improvisierte Sprengfalle der Aufständischen fanden
“, freut sich Hauptfeldwebel B.
„Weil unser Heron unbewaffnet ist, haben wir praktisch keine Möglichkeit, ins Geschehen am Boden direkt einzugreifen, obschon wir das zum Schutz der Truppen manchmal gerne machen würden. Wenn wir dann so ein IED aus der Luft erkennen und melden, ist das ein echt gutes Gefühl
“, findet Oberstleutnant S.

