Ausbildung ukrainischer Kräfte

Priorität Nummer Eins: Die Ausbildung ukrainischer Soldaten in Deutschland

Priorität Nummer Eins: Die Ausbildung ukrainischer Soldaten in Deutschland

Datum:
Ort:
Munster
Lesedauer:
6 MIN

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Waffen- und Geräteausbildung, Schießausbildung und Gefechtsdienst: Ukrainische Soldaten werden derzeit exakt nach ihrem Bedarf am jeweiligen Gerät kriegsbefähigt. Der Lehrgang ist intensiv, die Motivation der Teilnehmer ebenso wie die der Ausbilder sehr hoch.

Ein Fahrschulpanzer fährt durch Schlamm

Seit November 2022 werden Truppen aus der Ukraine durch die European Military Assistance Mission Ukraine (EUMAM UAEuropean Union Military Assistance Mission Ukraine) in Europa ausgebildet, in Deutschland unter anderem am Leopard 2 A6

Bundeswehr/Sebastian Wilke

Unbeugsamkeit und Entschlossenheit sieht man in den Augen der ukrainischen Soldaten, die in diesen Tagen an verschiedenen Standorten in Deutschland ausgebildet werden. „Diese Menschen wissen, wofür sie kämpfen, sie wissen, dass sie auf der richtigen Seite stehen, und das macht sie nahezu unüberwindbar“, sagt General Björn F. Schulz, Kommandeur der Panzertruppenschule in Munster. Hier werden Ukrainer darauf vorbereitet, mit dem Kampfpanzer Leopard 2 A6 im Gefecht zu bestehen.

Der völkerrechtwidrige Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert mittlerweile fast ein Jahr. Deutschland und seine Partnernationen unterstützen die Ukraine nicht nur mit der Lieferung von Waffen, sondern auch mit der Ausbildung daran. Sie findet in Deutschland statt und hat derzeit oberste Priorität. Allen Beteiligten ist klar: Der Zeitfaktor entscheidet. Ein ukrainischer Lehrgangsteilnehmer bringt es auf den Punkt: „Wir brauchen jetzt Panzer an der Front, ohne hat unsere Infanterie viele Verluste. Mit schweren Waffen können wir diese Verluste verringern.“

Zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche lernen die ukrainischen Soldaten. Die deutschen Ausbilder stehen ihnen fast rund um die Uhr zur Verfügung. „Wir wissen um die Dringlichkeit“, erklärt Ausbilder Jenne*. „Wenn sie Fragen haben, gehe ich mit ihnen jederzeit nochmal an den Panzer und erkläre das.“

Vormachen, Erklären, Nachmachen, Üben  

Unter den Teilnehmern sind junge Soldaten ebenso wie kampferfahrene Krieger. Alle seien wissbegierig, aufnahmefähig und handwerklich sehr geschickt, lobt Oberst Michael Sack, Leiter Schule gepanzerte Kampftruppen an der Panzertruppenschule. „Selbst nach Dienstende sitzen die noch auf den Stuben und arbeiten mit den Taschenkarten, die wir für sie erstellt haben.“

Bei der Wissensvermittlung steht die Praxis im Vordergrund: „Wir machen Dinge vor und die Ukrainer gehen sofort ans Gerät und machen nach.“ Die Ausbildung ist auf das kriegsnotwendige Handwerkszeug gestrafft worden. „Die Ausbilder stellen fest, was unter einer besonderen Situation möglich ist, und machen das mit großer Ernsthaftigkeit“, erklärt General Schulz.

Zunächst wird jeder Soldat zum Spezialisten auf seinem Platz ausgebildet. Danach geht es darum, die technologischen Vorteile der modernen Systeme im Team so zu nutzen, dass die Panzerbesatzung kampfentscheidende Vorteile auf dem Gefechtsfeld hat. „Die Ausbilderteams begleiten die Kameraden von Anfang bis Ende ihrer Ausbildung, also auch bei den späteren Ausbildungsabschnitten bis zum scharfen Schuss“, berichtet Ausbilder Sven*, Teamleiter für die Ausbildung der ukrainischen Richtschützen.

Großen Wert legen alle Ausbilder im Unterricht auf die Beseitigung technischer Störungen. Schließlich mache es einen Riesenunterschied, so Oberst Sack, ob eine Störung auf der Schießbahn oder im realen Gefecht auftrete: „Deswegen kommt es darauf an, dass die Soldaten, auch wenn sie einen Teilausfall von Systemen haben, noch in der Lage sind, erfolgreich im Gefecht zu bestehen und diese Störungen auch selbstständig beheben können.“

Ein Fahrschulpanzer fährt im Gelände einen Hügel hinauf

Böschungswinkel, Neigungswinkel und Steigfähigkeit gehören zu den Themen in der Geländeausbildung. Aber am wichtigsten sind Schießen und Treffen.

Bundeswehr/Sebastian Wilke

Sprachmittler sind ein Schlüssel zum Erfolg

Den Lehrgangsteilnehmern steht die doppelte Anzahl von Ausbildern beziehungsweise Unterstützern gegenüber. Neben den Mentoren werden beispielsweise auch Logistiker, Instandsetzer oder die Truppenküche benötigt. Eine ganz entscheidende Rolle kommt den Übersetzern und Sprachmittlern zu. Sie sind aus der gesamten Bundeswehr zusammengezogen worden.

Die Sprachmittler werden quasi mit ausgebildet, berichtet Teamleiter Sven*: „Damit sie das Systemverständnis haben, um es dann an die ukrainischen Kameraden weiterzugeben.“ Dieses System funktioniere sehr gut, und die Übersetzer eigneten sich so rasch die notwendige Expertise an, dass sie gelegentlich Anweisungen der Ausbilder schon vortrügen, bevor diese sie ausgesprochen hätten.

Bei den ukrainischen Kräften kommt das gut an: „Wir fühlen die Unterstützung und Motivation der deutschen Seite. Alle Ausbildungen werden so durchgeführt, dass wir spüren, dass sie den deutschen Ausbildern wichtig sind“, lobt Richtschütze Viktor*.

Wie wichtig die Übersetzer sind, erklärt Oberst Sack an einem Beispiel: „Bevor die Sprachmittler eintrafen, haben wir Taschenkarten mit Google Translator übersetzt. Da wurde dann aus dem ,T-Schlüssel´ beim Schützenpanzer Marder ‚Thors Hammer‘ in der Übersetzung.“ Das sorgte natürlich für Verwirrung auf ukrainischer Seite.

Große Dankbarkeit der ukrainischen Soldaten

Die Ausbildungsbedingungen sind super, Deutschland und die Bundeswehr unterstützen uns mit allem, was wir für eine gute Ausbildung brauchen“, bedankt sich Panzerkommandant Nikolai*. Er kommt direkt von der Front und hat dort mit den russischen Panzern T64 und T72 gekämpft. Er ist überzeugt davon, dass der Leopard 2 ihm und seinen Kameraden bei der Verteidigung der Frontlinie einen entscheidenden Vorteil verschaffen wird. „Wir verteidigen ganz Europa, wir stehen in der ersten Linie. Mit unserem Blut verteidigen wir auch die Freiheit Deutschlands“, gibt er zu bedenken. 

Auch Richtschütze Viktor* empfindet große Dankbarkeit gegenüber der deutschen Bevölkerung und der Bundeswehr. Ausbildung und Ausrüstung brächten Überlegenheit, weil der Schutz der Besatzung und die Treffergenauigkeit größer sei. Wie wichtig das für die Ukraine ist, unterstreicht Verbindungsoffizier Eugen*: „Russland wird nur dann aufgeben, wenn es sieht, dass weitere Kämpfe sinnlos sind. Jede Hilfe unserer Partner bringt das Kriegsende näher.“ Ukrainische Kräfte hätten bereits zweimal gezeigt, dass westliche Systeme ihnen dabei helfen würden, besetzte Gebiete zurückzugewinnen.

Ein Soldat mit Warnweste weist einen Fahrschulpanzer ein

Derzeit beteiligen sich 18 Länder an der EUEuropäische Union-Mission EUMAM UAEuropean Union Military Assistance Mission Ukraine, von denen neun in Deutschland ausbilden wollen

Bundeswehr/Sebastian Wilke

Ukrainische Kampferfahrung hilft der Bundeswehr

„Wir sammeln Erkenntnisse über die Art, wie die Russen kämpfen“, präzisiert General Schulz. „Die Ukrainer kämpfen bei sich zu Hause und kennen die Russen, wissen weitaus besser als wir, wie diese kämpfen und wie man dagegen vorzugehen hat.“

Es gibt auf jeden Fall Bilder und Dinge, über die man nachdenkt, resümiert Teamleiter Sven*: „Gerade auch für die Ausbildung mit dem eigenen Zug, mit den eigenen Kameraden, um vielleicht nochmal Schwerpunkte zu setzen, weil man ja erfährt, wie ein moderner Krieg aussieht.“ Zum Beispiel im Bereich Drohnenkampf. Im Ukrainekrieg sind Drohnen ein wichtiger Faktor.

Auch persönliche Erfahrungen von der Front sind in den kurzen Pausen Thema in den Gesprächen zwischen Ausbildern und Lehrgangsteilnehmern. Dann erzählen die Ukrainer schon mal, wie sie stundenlang unter russischem Trommelfeuer lagen oder zeigen Videos auf ihren Handys. „Das sind Bilder, die man so bei uns noch nicht gesehen hat“ sagt Teamleiter Sven*. Als einer der ukrainischen Vorgesetzten fragt, ob wir schon einmal gesehen hätten, wie sich jemand mit bloßen Armen einem Panzer in den Weg stelle, begreifen wir zumindest ansatzweise, was gemeint ist.

Man gibt das nicht so zu, man liegt sich auch nicht Arm in Arm, aber es entsteht eine emotionale Verbindung“, erklärt Ausbilder Jenne*. „Man weiß ja, dass sie an die Front gehen und in Kriegshandlungen verwickelt werden. Natürlich denkt man darüber nach, wer überlebt.“

General Schulz
Diese Ausbildung ist nicht umsonst priorisiert worden. Sie trägt einen wesentlichen Teil dazu bei, dass die Ukraine gewappnet wird, diesen Krieg zu gewinnen.

Vorrang für die ukrainischen Soldaten

„Diese Ausbildung ist nicht umsonst priorisiert worden. Sie trägt einen wesentlichen Teil dazu bei, dass die Ukraine gewappnet wird, diesen Krieg zu gewinnen“, stellt General Schulz klar. Es sei völlig eindeutig, dass die NATONorth Atlantic Treaty Organization nicht Kriegspartei werden wolle. Umso wichtiger sei es, diejenigen, die den Krieg für die Freiheit des Westens führten, so gut zu unterstützen, wie es eben ginge. Dass dies zu Einbußen bei eigenen Ausbildungsvorhaben führe, müsse man in Kauf nehmen. „Wir schieben Lehrgänge so, dass wir Laufbahnnachteile vermeiden.“  

Auch die Aussetzung der EUEuropäische Union-Arbeitszeitrichtlinie für die Ausbilder und Unterstützer des laufenden Lehrgangs wird von den deutschen Kameraden einhellig akzeptiert, ergänzt Oberst Sack: „Das ist so ergiebig und fruchtbar, da guckt keiner auf die Uhr.“ Nach Abschluss der Ausbildung sei gewährleistet, dass jeder zur Wiederherstellung seiner Einsatzfähigkeit einen angemessenen Zeitraum frei machen könne.

Außerdem, so General Schulz, müsse man sich immer vor Augen führen, dass die deutschen Anstrengungen nichts seien im Vergleich zu dem, was die Kameraden in der Ukraine leisten müssten: „Da gibt‘s keine Pause, kein Wochenende, keine Simulation, sondern einfach nur einen durchlaufenden Krieg mit jeglichen brutalen Formen, die man sich nur vorstellen kann.“ 

*Namen zum Schutz der Personen geändert.

von Barbara Gantenbein

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