Eigene Einheit kommt

Fernspäher brauchen „helles Köpfchen, Ruhe, Selbstdisziplin und Gelassenheit“

Fernspäher brauchen „helles Köpfchen, Ruhe, Selbstdisziplin und Gelassenheit“

  • Aufklärung
  • Heer
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
5 MIN

Seit 2015 waren die Fernspäher der Bundeswehr zugweise auf die Luftlandeaufklärungskompanien 260 und 310 verteilt. Ab 2023 wird in Schwarzenborn die Fernspähkompanie 1 neu aufgestellt. Oberst Ralph Malzahn erklärt als General der Heeresaufklärungstruppe, wie es zu dieser Entscheidung kam und was sie für die Fernspähkräfte bedeutet.

Zwei Soldaten stehen in einem waldigen Gelände und sprechen miteinander.

Oberst Ralph Malzahn im Gespräch mit einem Angehörigen der Fernspähkräfte auf dem Truppenübungsplatz Munster. Dem General der Heeresaufklärungstruppe sind auch die Fernspäher der Bundeswehr zugeordnet.

Bundeswehr

Die Fernspähtruppe der Bundeswehr wurde 1962 aufgestellt. Als Spezialisten für die Infiltration, also für das unbemerkte Eindringen in gegnerisches Hinterland, sind sie imstande, dort über längere Zeit in kleinen Trupps autark zu operieren. Sie beobachten den Feind aus dem Verborgenen und melden die Ergebnisse. Den Kampf meiden die Fernspäher nach Möglichkeit, denn werden sie entdeckt, können sie ihren Auftrag in der Regel nicht mehr durchführen. Zu Zeiten des Kalten Krieges gab es an verschiedenen Standorten in Deutschland zeitweilig insgesamt drei Fernspähkompanien, die in der gesamten NATO einen exzellenten Ruf genossen. Die Kompanien wurden beginnend ab den 90er Jahren bis 2015 allesamt aufgelöst. Die verbliebenen vier Fernspähzüge kamen als Teil der Heeresaufklärungstruppe zu den Luftlandeaufklärungskompanien 260 in Lebach und 310 in Seedorf. 

Ralph Malzahn, Oberst und General Heeresaufklärungstruppe
Entscheidend ist sicher der Wille, auf Basis extremer körperlicher Robustheit und Leidensfähigkeit selbstständig im Team zu arbeiten.

Der General der Heeresaufklärungstruppe im Interview

Ab 2023 wird im hessischen Schwarzenborn eine neue Fernspähkompanie aufgestellt. Als General der Heeresaufklärungstruppe führt Oberst Ralph Malzahn auch die Fernspäher der Bundeswehr. Im Interview erläutert er, warum die Neuorganisation kein Paradigmenwechsel ist und wie er die Zukunft der Fernspähkräfte sieht.

Herr Oberst, ab 2023 wird in Schwarzenborn die Fernspähkompanie 1 neu aufgestellt. Damit gibt es erstmals seit 2015 wieder eine selbstständige Fernspähkompanie. Was bedeutet das für die Fernspähtruppe?

Zunächst mal ändert sich für Ausbildung und Einsatz der Fernspähkräfte gar nicht so viel. Die Männer werden eben künftig in einer Einheit dienen. Aber die Fernspäher bleiben Teil der Heeresaufklärung und die Fernspäher werden auch nicht als selbstständige Truppengattung wiederaufgestellt. Dennoch trägt die Neuaufstellung der Kompanie den gewandelten Anforderungen an die Fernspäher Rechnung. Da sind viele pragmatische Überlegungen im Spiel.

Inwiefern?

Im Wesentlichen ergibt sich die Neuaufstellung der Kompanie aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre. Lebach und Seedorf als Standorte der Fernspähzüge liegen weit auseinander. Dieses Konstrukt und die daraus folgende Zergliederung der Truppe haben sich nicht bewährt. Künftig wird die Führung der vier Fernspähzüge in einer Hand liegen. Mit der Zusammenfassung wollen wir Synergien heben. Sei es bei der Ausbildung und Ausrüstung oder in den Einsätzen. Stichwort Durchhaltefähigkeit. Und es wird das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken.

Die Neuaufstellung der Fernspähkompanie würde mancher als Rolle rückwärts werten. Inwieweit hat die aktuelle sicherheitspolitische Situation die Entscheidung beeinflusst?

Überhaupt nicht. Das Konzept für die Neuaufstellung der Kompanie war bereits 2019 genehmigt. Lange vor dem russischen Überfall auf die Ukraine. Vor 15 Jahren schien dagegen angesichts unserer damaligen Einsatzerfahrungen die Zusammenfassung aller Aufklärungssensoren plausibel. Jetzt steht die Landes- und Bündnisverteidigung wieder mehr im Fokus. Da zeigt sich, dass die Fernspäher als Aufklärungsmittel an sich der höchsten taktischen Ebene zuzuordnen sind. Dazu passt, dass sie künftig direkt der Division Schnelle Kräfte unterstehen. Im Zielbild Heer werden sie perspektivisch auf Korpsebene angesiedelt sein.

Ändert sich etwas am Auftrag der Fernspäher?

Natürlich hinterlässt die Technologisierung überall ihre Spuren. Aber die grundlegenden Anforderungen an die Truppe bleiben die gleichen. Wir haben mit den Fernspähern hochspezialisierte Aufklärer mit einer einzigartigen Aufklärungstiefe. Kein anderer unserer Sensoren kann eine derartige Stehzeit im Zielgebiet vorweisen. Und das bei fast unbegrenzter Reichweite in allen Klimazonen mit der Fähigkeit, erforderlichenfalls durch den JTACJoint Terminal Attack Controller zielgenaue Waffenwirkung anzufordern. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal.

Laufen heute nicht hochmoderne Drohnen und Satelliten den Fernspähern den Rang ab?

Da sehe ich nicht so. Drohnen sind ohne Frage eine sehr nützliche Ergänzung in vielen Bereichen. Im Einsatz wiegt ihr Verlust nicht so schwer wie der Verlust von Menschenleben. Aber auch Drohnen können nicht unbegrenzt in der Luft bleiben und sie können vom Gegner gestört und bekämpft werden. Und Drohnen können – anders als Fernspäher – nicht unbemerkt in ein zuvor beobachtetes Objekt eindringen. Etwa um zu prüfen, ob ein Luftangriff sinnvoll oder verantwortbar ist. 

Über einen Bildschirm in seinen Händen beobachtet ein Fernspäher die Umgebung von seinem Beobachtungsstand aus

In seinem selbst gebauten Beobachtungsversteck begutachtet ein Fernspäher Bilder, die er anschließend über hunderte oder tausende Kilometern Entfernung versenden kann

Bundeswehr/Christian Vierfuß

Wie verändert Technologie die Arbeit der Fernspäher?

Wir leben nicht mehr in den 60ern, vor allem im Bereich der Kommunikationsmittel ist der Wandel enorm. Angesichts des rasanten technischen Fortschritts können Fernspäher heute Bilder in Topqualität und beinahe in Echtzeit übermitteln. Und das über hunderte oder tausende Kilometer, wenn es sein muss. Aber ihr Beobachtungsversteck müssen die Männer noch immer mit eigener Hände Arbeit bauen. Auch Hacke, Spaten und Hasendraht kommen also weiter zu ihrem Recht. Taktisch wird sich manches weiterentwickeln müssen.

Was meinen Sie konkret?

Weltweit werden in den Einsätzen urbane Räume immer wichtiger. Das schafft auch für die Fernspähtruppe neue Einsatzrealitäten. Sich dort unbemerkt zu bewegen, ist aus verschiedenen Gründen viel schwieriger als in der Wildnis. Dafür müssen wir neue Konzepte entwickeln, Signaturen abschwächen und neue Formen der Tarnung finden. Da liegt noch viel Arbeit vor uns.

Wird die Truppe weiter aufwachsen? Anders gefragt: Brauchen wir perspektivisch eine zweite Fernspähkompanie?

Das ist heute schwer zu beantworten. Die Notwendigkeit hängt auch davon ab, welchen Beitrag Deutschland und die Bundeswehr künftig im Rahmen der NATO-Verteidigungsanstrengungen leisten werden. Vorläufig bin ich mit der organisatorischen Entwicklung und auch der Nachwuchspolitik bei den Fernspähern zufrieden. 

Was muss ein Fernspäher Ihrer Meinung nach mitbringen?

Wo soll man da anfangen? Entscheidend ist sicher der Wille, auf Basis extremer körperlicher Robustheit und Leidensfähigkeit selbstständig im Team zu arbeiten. Helles Köpfchen, Ruhe, Selbstdisziplin und Gelassenheit – da sind ganz viele Eigenschaften gefragt. Ansonsten schafft man es nicht, 24/7 zu zweit in einem Loch mit den Augen am Ziel zu bleiben und den einen Moment nicht zu verpassen, wo sich auf der anderen Seite etwas tut.

Wird es eines Tages auch weibliche Fernspäher geben?

Das hoffe ich sehr! Es gibt bei der Fernspähtruppe keine geschlechtsbezogenen Einschränkungen in den Laufbahnen. Aber es ist ähnlich wie beim KSKKommando Spezialkräfte, die physischen Voraussetzungen sind sehr fordernd. Und wir hatten bisher noch nie eine Bewerberin.

von Markus Tiedke

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