Heer
Ein Soldat mit einem Rucksack auf dem Rücken läuft Skier in einer verschneiten Landschaft mit wenigen Bäumen. .
Bundeswehr/Jana Neumann

Ausbildung in Norwegen: Fernspäher üben Arktiseinsatz

Langsam, bedacht und mit wachem Blick bewegen sie sich durch den Schnee. Auf ihren Schultern tragen sie das rund 50 Kilogramm schwere Gepäck. Ein Skitrupp der Fernspäher kehrt nach 36 Stunden Ausbildung in der norwegischen Eiswüste zurück. In wenigen Tagen beginnt die Übung Cold Response 2020. Die Fernspähkräfte der Bundeswehr sind bereit.

Auge des Heeres

Die Fernspäher bezeichnen sich als #AugeDesHeeres , denn ihr Auftrag liegt in der Beobachtung des Gegners und der Gewinnung von Informationen. Diese spezialisierten Kräfte operieren weit hinter feindlichen Linien. Sie sind weltweit einsetzbar und müssen deshalb für jede Extrembedingung und Eventualität gewappnet sein – auch für das Einsatzgebiet Arktis.

Fernspähkräfte sind daher besonders vielfältig aufgestellt. Sie müssen dazu fähig sein, sich als überschaubare Gruppe und auf sich allein gestellt im Operationsgebiet durchzuschlagen. Dies erfordert teils blitzschnelle Reaktionen auf unvorhersehbare Umstände und Ereignisse. Ihr Handeln ist stets lage- und einsatzabhängig.
 

Übung von Arktismissionen

Norwegen bietet mit Cold Response eine optimale Übungslage. Für die Fernspäher bedeutet Winterkampf: sich leise und unentdeckt durch das gegnerische Hinterland zu bewegen, einen Beobachtungsposten einzurichten und Aufklärung zu betreiben. Es bedeutet jedoch auch, mit Temperaturen von bis zu minus 20 Grad Celsius klarzukommen und sich durch Schneemassen zu schlagen. Der Einsatz in arktischen Gefilden erfordert höchste Wachsamkeit, Professionalität, Teamarbeit und Selbstdisziplin.

Schneebedecktes Gebirge in Nordnorwegen

Atemberaubend schön, im Einsatz aber auch schnell gefährlich: Die eisige Arktislandschaft Norwegens verlangt den Fernspähkräften einiges ab.

Bundeswehr/Jana Neumann

Die Fernspäher nutzen die Tage vor Beginn der freilaufenden Großübung, um sich an die arktischen Bedingungen und die klimatischen Herausforderungen zu gewöhnen. Im Ausbildungsszenario agieren verschiedene Trupps: Fernspähtrupps auf Skiern und Fernspähtrupps mit Ski-Doo. Während der gesamten Ausbildung müssen sie der Taktischen Operationszentrale, kurz TOCTactical operation cell, regelmäßig Meldung erstatten.


  • Transport mit Ski und Ski-Doo

  • 50 Kilogramm Gepäck pro Mann

  • minus 20 Grad arktische Temperaturen

Loui, Fernspähsoldat und Ausbilder
Als Fernspäher muss man Gefallen daran haben, in der Natur zu sein. Im realen Einsatz sind die Fernspähkräfte nur draußen unterwegs und sehen sich teilweise den widrigsten Witterungen ausgesetzt.

Extreme Kälte

Eine Herausforderung müssen alle drei Trupps gleichermaßen meistern: die beißende Kälte. Sie hat Auswirkungen auf Körperfunktionen und die Technik der Soldaten. Die Abstimmung der Ausrüstung auf das Klima sowie die gegenseitige Überprüfung der Kleidung auf freie Hautstellen sollen gewährleisten, dass keiner der Fernspäher Erfrierungen erleidet. Mit ihrer Vorausbildung in Norwegen und ihrer anschließenden Teilnahme an Cold Response, stellen die Fernspähkräfte der Bundeswehr sicher, auch unter arktischen Extrembedingungen einsatzbereit und -fähig zu sein.

Loui, Fernspähsoldat und Ausbilder
Die größte Herausforderung hier in diesen klimatischen Bedingungen ist es, mit der Kälte klarzukommen.

GPSGlobal Positioning System- und Kameratechnik, die nicht nur der Erfüllung des Auftrages dienen, sondern auch für Orientierung überlebenswichtig sein können, müssen nah am Leib getragen werden. Bei derartigen Umgebungstemperaturen entladen sich Akkus um ein Vielfaches schneller als üblicherweise. Das wissen auch Smartphonenutzer, die sich schon einmal in sehr kühlen Gebieten aufgehalten haben. Fallen sämtliche Batterien der Fernspähkräfte kältebedingt aus, kann dies verheerende Auswirkungen haben: Der Auftrag kann dann im Worst-Case-Szenario nicht mehr erfüllt werden. Denn ein essentieller Bestandteil der Observation, Informationsgewinnung und Datenübertragung fällt damit weg.

Ein Soldat bedient umgeben von einer Schneelandschaft ein Tablet.

Für die Erfüllung des Fernspähauftrages ist digitale Übertragungstechnik zwingend notwendig. Die Soldaten müssen sie vor den Auswirkungen der extremen Witterung schützen.

Bundeswehr/Jana Neumann

Nicht alles läuft bei den Fernspähern auf digitalem Wege. In der Eiswüste, in der für das ungeschulte Auge so gut wie alles gleich aussieht, orientieren sich die Männer, nebst der Nutzung von GPSGlobal Positioning System-Technik, vor allem anhand markanter Punkte in der Umgebung – etwa an Gebirgsformationen, Bäumen und Berghütten. Die Sonne helfe hier nicht wirklich weiter, so die Fernspähsoldaten. Hierfür wandere sie zu schnell am Himmel entlang. Des Weiteren tragen die Kräfte zusätzlich Karten in Papierform bei sich. Sie sollen ihnen bei einem technischen Ausfall als Backup dienen. Analoge Orientierungsmittel sind aus Sicht der Fernspäher zeitlos und unverzichtbar trotz aller Maßnahmen zur Digitalisierung der Bundeswehr .

Ein Soldat richtet eine Antenne aus.

Funken gehört zum Fernspähtrupp wie Eis zur Arktis. Die Fernspähkräfte sind auf ihre entsprechende Ausstattung angewiesen.

Bundeswehr/Jana Neumann


Wie gehen die Fernspäher in der Arktis vor?

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  • Ein vermummter Soldat mit schwerem Marschgepäck und einer Waffe geht durch eine Winterlandschaft.
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    Lautlos, unentdeckt und ohne Gefechtshandlung

    Die Fernspäher bewegen sich möglichst lautlos durch die Winterlandschaft, idealerweise einer nach dem anderen. An Wegzweigungen, vor freien Flächen und bei allen sonstigen Situationen, in denen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit des Entdecktwerdens gegeben ist, bleiben sie nacheinander kurz stehen. Erst nachdem sie die Lage analysiert und für sicher befunden haben, marschieren sie weiter. Die Kommunikation innerhalb des Trupps erfolgt im Feld fast ausschließlich über Handzeichen. Daher ist es wichtig, dass man einander vertraut, sich gegenseitig versteht und im Team effektiv handeln kann.

    Fernspäher sind mit verschiedenen Waffen ausgestattet. Ihre Standardwaffe ist jedoch das G36, genauer gesagt das G36KA4. Sie sind dazu ausgebildet, auch in brenzligen Situationen kämpfend auszuweichen. Die erste Schussabgabe muss bis zum letzten Ausgenblick vermieden werden. Denn ein Feuergefecht mit dem Gegner lenkt noch mehr Aufmerksamkeit auf die Fernspähkräfte. Nur wenn er keine andere Wahl hat oder bereits unter Feuer steht, nutzt der Fernspäher seine volle Kampfkraft. Allein hinter den feindlichen Linien birgt jedes Feuergefecht eine große Gefahr für Leib und Leben.

    Eine weitere essentielle Methode, um unentdeckt zu bleiben, ist die Täuschung des Gegners durch das Legen von falschen Spuren, die vom Ort der Operation wegführen.

  • Bundeswehrsoldaten laufen auf Skiern durch einen verschneiten Wald.
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    Infiltrationswege

    Für die Fernspäher, die weite Strecken im feindlichen Hinterland zurücklegen müssen, ist eine Schulung der einsatzgerechten Verbringungsarten überlebenswichtig. Hierunter versteht man die Transportweisen, mit denen die Kräfte zu ihrem Operationsstandpunkt gelangen. „Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen vertikaler Verbringung, das heißt aus der Luft im Freifalleinsatz, und der Verbringung über Land und Wasser mit Booten beziehungsweise Kajaks. Hier im arktischen Gebiet setzen wir auch Fahrzeuge ein, sprich Hägglunds oder Ski-Doos. Auch Skier und Trittlinge werden benutzt“, so Loui* von den Fernspähkräften der Bundeswehr Das Hägglunds haben die Fernspäher bei Cold Response 2020 dieses Mal Zuhause gelassen.

  • Zwei Soldaten fahren mit einem Motoschlitten mit Anhänger einen beschneiten Hang hinunter.
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    Bis zu 120 Kilometer pro Stunde schnell

    Die Ski-Doos des Fernspähtrupps brettern durch die arktische Landschaft und wirbeln den in der Sonne glitzernden Schnee auf. Ihr lautes Brummen durchzieht das Tal und prallt an der Gebirgskette ab. Das, was sich hier gerade abspielt, eignet sich nicht zur leisen spurlosen Fortbewegung. Die Fernspäher müssen daher achtsam sein, möglichst in den bereits vorhandenen Fahrspuren der Einheimischen und keinesfalls bis in die direkte Nähe des eigenen Verstecks zu fahren. Sie müssen das Gerät beherrschen, das die aktive Mitarbeit seines Fahrers erfordert: Oft ist es notwendig, sich in die Kurven zu legen, auch mal aufzustehen und das Fahrzeug mit dem gesamten Körpergewicht zu mobilisieren. Sitzen zwei Personen auf dem Gerät, so muss auch der Beifahrer mit anpacken.

    Aufgrund seiner Lautstärke muss sich der Ski-Doo-Fernspähtrupp schnell bewegen und immer auf der Hut sein. Andernfalls läuft er Gefahr, entdeckt und aufgeklärt zu werden. Dies ist mit der Höchstgeschwindigkeit der Schlitten von bis zu 120 Kilometer pro Stunde grundsätzlich gewährleistet, erfordert allerdings zwingend eine Fahrausbildung. Besonders gefährlich, vor allem in zügiger Fahrt, sind tiefe Gletscherspalten und steile Abhänge, die sich versteckt hinter den Schneehügeln und unter dem Tiefschnee befinden können. Nicht zu vergessen ist die latent mitschwingende Bedrohung durch plötzlich auftretende Lawinen. Der Beobachter fährt immer voraus und führt die Kolonne an, um Gefahren frühzeitig erkennen zu können.
     

  • Mehrere Soldaten fahren auf Motorschlitten mit Anhängern in einer komplett weißen Landschaft.
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    Teamarbeit gefragt

    Zwei der Ski-Doos ziehen jeweils einen Schlitten nach sich, auf dem die notwendige Ausrüstung, Material und Versorgungsgegenstände liegen. Sie sind eine Zusatzbelastung und führen dazu, dass die Motorschlitten noch schwieriger zu handhaben sind als ohnehin schon. Ein Terrain mit vielen steilen Abschnitten ist dabei besonders schwierig. Nicht selten müssen Hindernisse gemeinschaftlich überwunden werden: Fährt sich ein Schlitten fest, hilft manchmal nur noch die Kraft aller.

    Die Fernspäher bewegen sich dabei bewusst durch unwegsames Gelände. Sind es nicht die steilen, tiefschneebedeckten Hänge, dann sind es vorzugsweise Strecken mit vielen Bäumen und Ästen, die permanente Ausweichmanöver erfordern – sie müssen für den Worst Case gewappnet sein. Unverzichtbar ist deshalb auch das Tragen eines Helmes sowie einer Skibrille, um Kopf und Augen vor Verletzungen zu schützen. Wenn man so schnell den Berg hinunterrast, kommt es schon mal vor, dass man durch Gestrüpp muss oder einen schmalen Baum umreißt.
     

  • Ein Bundeswehrsoldat läuft auf Skiern mit schwerem Marschgepäck durch eine Schneelandschaft.
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    Schwer beladen

    Insbesondere die Fernspähkräften auf Skiern sind schwer belastet: Zwischen 40 und 50 Kilogramm wiegen Ausrüstung und Gepäck jedes einzelnen Soldaten. Während die allermeisten sich hiermit nicht lange auf den Beinen halten, geschweige denn Laufen können, bewegen sich die Fernspäher auf Skiern und Trittlingen so oft tagelang durch die eiskalte Landschaft. An den Unterseiten der Skier sind Felle angebracht, um ein Weg- oder Abrutschen auf Eisflächen zu vermindern. In jedem Fall muss vermieden werden, dass ein Soldat hinfällt. Denn liegt er erst einmal mit dem Rucksack auf dem Boden, kommt er nur schwer wieder von selbst auf die Beine.

    Im Vergleich zu den Einsätzen in Wüstengebieten können die Fernspäher die Belastung hier minimieren. Es ist nicht notwendig, viel Wasser mitzunehmen. Stattdessen kann der Schnee mittels entsprechender Geräte aufbereitet und aufgekocht werden. Es ist der Witterungsschutz, der das größte Volumen des Reisegepäcks ausmacht – von Schlafsack, über Technik zur Observation und zum Fotografieren bis hin zu entsprechenden Kälteschutzklamotten. Dazu kommen noch geeignete Mittel zur Tarnung, die etwa für den Versteckbau genutzt werden. Im Team wird darauf geachtet, dass jeder Soldat in etwa gleich viel trägt und dass die Gewichte gleichermaßen verteilt werden.
     

  • Von einem in den Schnee eingegrabenen Versteck ist nur ein weißer Hügel zu sehen.
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    Meister des Versteckens

    Am Operationsort angekommen, muss ein Beobachtungsposten eingerichtet werden. Hierzu wählen die Fernspäher einen Standort, der gut versteckt zwischen Ästen auf einem Berg liegt, mit freier Sicht auf die Stadt, die sie in der Ausbildungssituation beobachten und aufklären sollen. Um sich vor den Witterungsbedingungen zu schützen und unerkannt zu bleiben, graben die Soldaten sich tief in den Schnee ein. Dann platzieren sie dort ihre Zelte, die dann mit Tarnmaterial überzogen werden. Ihre Lager müssen die Fernspäher quasi mit verbundenen Augen bauen können: Die Fernspähposten dürfen ausschließlich bei Nacht errichtet werden.

    Die Aufteilung danach ist wie folgt: Während einer schläft oder sich zumindest ausruht, arbeitet ein weiterer. Er widmet sich etwa dem Kochen oder tarnt das Versteck nach einer stürmischen Nacht nach. Im vorderen Bereich ist ein kleines längliches und zur Stadt ausgerichtetes Zelt platziert. Darin liegt der Observer, der den Gegner beobachtet und das vor ihm liegende Gelände überwacht. Vor ihm ist die Kameratechnik aufgebaut, mit der die gewonnenen Schlüsselinformationen dokumentiert werden können. Die hierbei gesammelten Daten werden in Text und Bild zusammengefasst und der TOCTactical operation cell übermittelt
     

Rückkehr aus dem Einsatzgebiet

Auftrag ausgeführt. Und wie kommen die Fernspähkräfte wieder zurück? „Einerseits gibt es die geplante Rückführung, bei der die Fernspäher mit Hubschraubern, Booten oder Fahrzeugen aus dem Missionsgebiet herausgeholt werden. Andererseits gibt es auch die ungeplante Rückführung, bei der die Kräfte sich selbst herausholen müssen. So etwas kann sich auch über Tage hinwegziehen“, erklärt Loui. Und was passiert, wenn der Spähtrupp während der Mission entdeckt wird? „Wenn wir aufgeklärt werden, führt das zu einem Missionsabbruch. Die Operation war nicht erfolgreich. Dann weicht der Fernspähtrupp aus“, führt er fort.

„Fernspäher zu sein, ist Einstellungssache“

Als Fernspähsoldat zählt man zu einer operativ und taktisch agierenden spezialisierten Einheit des Heeres und muss, wie die Arktisausbildung zeigt, im Einsatzgebiet mit extremen Belastungen klarkommen. Im Fernspäheinsatz ist man möglicherweise monatelang unterwegs, weit von Zuhause und der Familie entfernt. Das Reisegepäck ist so bemessen, dass kein Platz für private Gegenstände ist. Dazu kommt dann noch die ständig mitschwingende Gefahr durch den Feind. Zu den klimatisch bedingten, kräftezerrenden Umständen gesellt sich noch ein enormer physischer Druck. 

Die Fernspäher sind zum Training im Eis nach Norwegen geflogen. 3 Tage Ski Ausbildung, Skidoo und Bewegen im Gelände. Das sind nur einige Fähigkeiten die im arktischen Raum trainiert werden.


Weshalb also wird man Fernspäher? Erkundigt man sich bei den Kräften in Norwegen, so ist man sich dort einig: Wer diesen Werdegang einschlägt, fühlt sich gewissermaßen dazu berufen. „Fernspäher zu sein, ist Einstellungssache“, erklärt Loui. Man müsse es wirklich wollen. Leidensfähigkeit könne man erlernen, dies sei nicht zwingend Voraussetzung. Aber der Wille, so Loui, müsse da sein. Auch der Reiz am Abenteuer und die Missionen in der Natur spielen in der Welt dieser spezialisierten Kräfte eine große Rolle.

Fernspäher ist außerdem nicht gleich Fernspäher. Fähigkeitsprofil und Aufgabenspektrum sind vielseitig. „Ob Medic, JTAC, Scharfschütze, Kamerafeldwebel oder irgendwann vielleicht einmal Truppführer – es gibt verschiedene Ausbildungswege, die bei uns eingeschlagen werden können“, so Loui, „und die Truppe braucht auch Funker.“ Man sei immer auf der Suche nach motivierten Soldaten, die über sich hinauswachsen möchten und die als Auge des Heeres dienen wollen. Hierfür sei, so Loui, vor allem eins notwendig: Charakterstärke.

von Jenna Cressida  Parker Eatough

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