Ramadan: „Den inneren Schweinehund überwinden und ein besserer Mensch sein“

Ramadan: „Den inneren Schweinehund überwinden und ein besserer Mensch sein“

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Berlin
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Ramadan bedeutet mehr als der bloße Verzicht auf Trinken und Essen. Zwei Soldaten aus Augustdorf berichten, was die Fastenzeit für sie bedeutet, wie sie Ramadan und Dienst vereinbaren und wann sie Ausnahmen vom Fasten machen.

Soldaten bei der Essensausgabe im Wald

Kein Essensneid: Obwohl der Oberstabsgefreite Adnan Alici von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang fastet und somit weder isst noch trinkt, ist es für ihn kein Problem, Essen an seine Kameradinnen und Kameraden auszugeben

Katharina Flor

Frühstücken und zurück ins Bett

Gegen 3 Uhr in der Früh geht bei den Oberstabsgefreiten Adnan Alici und Rachid Birikh der Wecker. Es ist nicht der Dienst, der sie so früh aus dem Bett treibt, sondern die Fastenzeit. Bevor die Sonne gegen 3.30 Uhr aufgeht, essen und trinken sie, um sich für den Tag zu stärken. „Danach geht es erst einmal wieder ins Bett“, sagt Alici. „Vorher noch Zähne putzen. Das ist nach Sonnenaufgang auch verboten“, ergänzt Birikh.

Sie sind beide Soldaten im Panzergrenadierbataillon 212 in Augustdorf. Und beide kommen aus Dortmund. Birikhs Familie stammt aus Marokko, die von Alici aus der Türkei. Die Fastenzeit kennen sie schon seit ihrer Kindheit, auch wenn sie erst als Teenager wie die Erwachsenen gefastet haben – von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Vom 14. April bis 12. Mai dauert der Ramadan dieses Jahr. Am 13. Mai wird das Ende des Fastenmonats mit dem Zuckerfest gefeiert.

Nicht lügen, lästern oder fluchen

„Für einen gläubigen Muslim gehört der Ramadan einfach dazu. Er ist eine der fünf Säulen im Islam“, betont Alici. Diese Säulen sind:  das öffentliche Glaubensbekenntnis, tägliche rituelle Gebete, die soziale Spende beziehungsweise Armensteuer, der Ramadan und eine Wallfahrt nach Mekka. Der 24-jährige Alici ist seit 2016 in der Bundeswehr. Derzeit arbeitet er im Geschäftszimmer. Ein Posten, der nicht viel körperliche Anstrengung erfordert – und bei dem sich so gut das Fasten in den Arbeitsalltag integrieren lässt. 

Doch der Verzicht auf das Rauchen beispielsweise sei dennoch anstrengend. „Es geht aber auch darum, den inneren Schweinehund zu überwinden.“ Denn im Ramadan gehe es auch darum, seelisch zu fasten. Sprich: nicht lästern, nicht lügen, nicht schimpfen, nicht schlecht denken oder fluchen. „Man soll zu einem besseren Menschen werden.“ Für ihn sei der Ramadan etwas, an dem er wachse, er sei gut für sich und seine persönliche Entwicklung.

Ein starker Wille und ehrlich zu sich selbst sein

Und die Fastenzeit sei wichtig für den eigenen Glauben, wie Rachid Birikh betont. „Das ist eine Sache zwischen mir und Gott“, sagt der 25-Jährige, der nun seit fünf Jahren in der Bundeswehr ist. Der erste Tag sei immer am schwersten. „Danach gewöhnt sich der Körper schnell daran.“ Vor Sonnenaufgang trinke er immer 1,5 Liter Wasser, um über den Tag ausreichend hydriert zu sein. So ließen sich Kopfschmerzen vermeiden. Für den übrigen Tag gelte: „Man muss einen starken Willen haben.“

Als Zugschreiber und Hilfsausbilder ist er viel im Gelände unterwegs und körperlich gefordert. „Wenn ich weiß, dass ich draußen im Gefechtsdienst bin, dann faste ich an diesen Tagen nicht. Der Körper soll nicht unter dem Fasten leiden“, betont er. Um Ramadan und Dienst miteinander zu vereinbaren, müsse man ehrlich zu sich selbst sein. „Wenn ich mich nicht sehr anstrengen muss im Dienst, dann kann ich fasten. Wenn ich aber sehr gefordert bin, dann sollte ich das Fasten unterbrechen.“

Spenden ist Teil des Ramadans

Wer wegen harter Arbeit, Krankheit oder aus anderen Gründen einen oder mehrere Tage nicht fastet, kann diese nach dem Zuckerfest nachholen. Oder spenden. „Spenden gehört auch grundsätzlich zum Ramadan“, erläutert Alici. Früher seien diese Abgaben unter dem Begriff Armensteuer bekannt gewesen. Für wen oder was gespendet wird, könne jeder für sich selbst entscheiden. Es sollte einem sozialen und wohltätigen Zweck dienen.

Auch beim abendlichen Fastenbrechen werden die Bedürftigen bedacht, man teilt beispielsweise das Essen mit ihnen. Während der Corona-Pandemie sind die großen Zusammenkünfte jedoch untersagt. Somit entfällt auch das Zuckerfest im großen Familienverbund. „Sonst sind wir 20 bis 30 Leute. Wir treffen uns beim Familienältesten, wir frühstücken gemeinsam nach dem Gebet. Und für die Kinder gibt es Geschenke. Jetzt werde ich es wohl allein mit meiner Mutter feiern“, sagt Alici.

Im Alltag können sie mit Kameradinnen und Kameraden das Fastenbrechen gemeinsam begehen. Dass die übrigen Kameradinnen und Kameraden tagsüber neben ihnen essen und trinken, störe sie nicht. Nur in die Kantine gehen sie während des Ramadans nicht. „In der Zeit gehe ich auf meine Stube“, sagt Alici. Das Umfeld reagiere mit Verständnis und habe häufig Fragen zum Fasten. „Ich habe bisher nur positive Reaktionen darauf erhalten“, sagt Birikh. Das bestätigt auch Alici. „Ich habe mich noch nie rechtfertigen müssen.“

Bis einschließlich 12. Mai dauert der Ramadan noch an. Die Tage werden immer länger. Eine Herausforderung für die Muslime. Aber das sei zu bewältigen, sagt Birikh. Sein Motto: „Man muss einen starken Willen haben, dann schafft man das.“


von Amina Vieth

FAQFrequently Asked Questions: Fragen und Antworten zum Ramadan

Der Ramadan ist die Fastenzeit im Islam. Sie dauert maximal 30, in wenigen Fällen 29 Tage. Da sich der islamische Kalender nach dem Mondkalender richtet, hat das Jahr nur 354 und nicht 365 Tage. Dadurch verschiebt sich die Fastenzeit immer um zehn oder elf Tage von Jahr zu Jahr nach vorne. 2021 ist Ramadan vom 14. April bis 12. Mai. Am 13. Mai wird das Zuckerfest und somit der Abschluss der Fastenzeit gefeiert.

Die gläubigen Muslime dürfen in der Fastenzeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht essen, trinken, rauchen oder sexuell aktiv sein. Doch zum Fasten gehört nicht nur der körperliche Verzicht. Die Fastenden sollen sich von jeder Sünde fernhalten. Dazu gehören auch lügen, schimpfen, schlecht reden oder schlecht denken. Sobald die Sonne untergegangen ist, können die Muslime das Fasten brechen, also bis zum Sonnenaufgang wieder essen, trinken, rauchen und Sex haben.

In Deutschland ist wegen seiner geografischen Lage die tägliche Fastenzeit mit 18 bis 20 Stunden länger als in arabischen Ländern. So wird in der ägyptischen Hauptstadt Kairo von etwa 5.20 Uhr morgens bis 18.30 Uhr abends gefastet. In Deutschland geht die Sonne jedoch erst nach 20 Uhr unter – und jeden Tag später. Es gibt spezielle Kalender für den Ramadan, in dem die Fastenzeiten für das jeweilige Land eingetragen sind. Dafür gibt es natürlich auch Apps.

Ramadan ist eine der fünf Säulen im Islam. Diese sind: öffentliches Glaubensbekenntnis, tägliche rituelles Gebete, soziale Spende/Armensteuer, Ramadan und eine Wallfahrt nach Mekka. Der Ramadan erinnert an die Zeit, als der Erzengel Gabriel dem Propheten Mohammed den Koran offenbarte. Somit ist die Fastenzeit eine besonders heilige Zeit, in der sich die Muslime intensiv mit ihrem Glauben auseinandersetzen. Laut islamischen Glauben soll es im Paradies eine Tür für all diejenigen geben, die richtig gefastet haben.

Im Ramadan geht es zudem darum, Körper und Geist zu reinigen. Der Verzicht auf die körperlichen Freuden und auf Nahrung soll zu mehr Empathie mit Bedürftigen beitragen. Und der Muslim, die Muslima soll sich bewusst machen, dass viele Menschen nicht freiwillig verzichten und auch nach Sonnenuntergang kein Essen oder Trinken haben.

Jeder, der sich gesundheitlich in der Lage fühlt, soll fasten. Schwangere, Stillende, Kranke und Alte müssen nicht fasten. Wer körperlich Schaden durch das Fasten riskiert, soll nicht fasten. Zudem ist es Frauen während ihrer Periode untersagt zu beten und zu fasten. Auch für Reisende gibt es Ausnahmen, wenn das Fasten ihre Reise erschwert. Wer beispielsweise eine lange Strecke mit dem Auto fährt, sollte nicht fasten. Wer hingegen mit dem Zug fährt, kann selbst entscheiden, ob er fastet oder nicht. Denn die Zugfahrt ist keine so große Anstrengung wie eine lange Autofahrt. Wer harte, körperliche Arbeit zu verrichten hat, ist vom Fasten ebenfalls befreit.

Kinder brauchen bis zu ihrer Pubertät nicht zu fasten. Im Alter von zwölf Jahren beispielsweise werden die Mädchen und Jungen allmählich an das Fasten herangeführt – erst ein paar Stunden, dann einen halben Tag und immer länger.

Wer wegen einer Reise, harter Arbeit oder der Menstruation nicht fasten kann oder darf, kann diese Fastentage im Anschluss an den Ramadan nachholen oder für Arme und Bedürftige spenden. Entweder gibt man ihnen Speisen oder Geld, damit sie sich Essen oder auch Medikamente kaufen können.

Wer versehentlich das Fasten tagsüber bricht, weil er aus Gewohnheit morgens ein Glas Wasser trinkt und nicht sofort wieder ausspuckt, soll sofort zwölf Bedürftige speisen. Entweder kauft er oder sie das Essen für diese Personen oder gibt ihnen Geld. Die Summe richtet sich dabei danach, wie viel er oder sie für die eigene Mahlzeit ausgibt. Angenommen, der Fastenbrecher kauft sich Abendessen für 15 Euro, dann soll er zwölfmal 15 Euro an Arme und Bedürftige geben.

Mit dem Zuckerfest werden die Fastenden nach dem Ramadan belohnt. Das eintägige Fest – in diesem Jahr am 13. Mai – wird über drei Tage hinweg ausgedehnt. Familien und Freunde kommen zusammen, essen und trinken gemeinsam. Das Glücklichsein steht im Fokus. Es ist verboten, an diesen Tagen zu fasten. Wer Fastentage nachholen muss, kann das erst nach dem Zuckerfest machen. Auch Friedhofsbesuche sind untersagt. Die Menschen sollen nichts tun, was sie traurig macht. Zum Gebet ziehen sich die Muslime an diesem Tag besonders feierlich an. Es ist Tradition, andere Gläubige zur gut gemeisterten Fastenzeit zu beglückwünschen. Zwei Monate und zehn Tage später wird das Opferfest gefeiert.

Zwei Soldaten in Uniform stehen draußen neben einem Wappen auf der grünen Wiese.

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