Marine Luftaufklärung

Zukunft der Aufklärung: Sea Falcon, die Hubschrauberdrohne der Marine

Zukunft der Aufklärung: Sea Falcon, die Hubschrauberdrohne der Marine

Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Deutschland ist weltweit die erste und einzige Nation, die an Bord ihrer Korvetten ein unbemanntes Flugsystem betreibt, das automatisch starten und landen kann. Möglich macht das der „Deckfinder“. Die Sea Falcon hat noch eine Reihe weiterer technischer Finessen zu bieten.

Ein Soldat kniet vor einer Drohne vom Typ Sea Falcon und überprüft die Technik.

Vorflugkontrolle bei der Sea Falcon. Das unbemannte Flugsystem kann mehrere Stunden in der Luft bleiben.

Bundeswehr/Jana Neumann

„Das ist ein Traum: Sie können über See fliegen und eine Wärmeabstrahlung durch die Infrarotkamera sehen und dazu mit dem elektro-optischen Kamerabild eine Silhouette erkennen und beides übereinanderlegen“, sagt Kapitänleutnant Jan* vom Marinefliegerkommando. Er begleitet das Projekt Sea Falcon von Anfang an und steckt mit seiner Begeisterung für das unbemannte Flugsystem sein gesamtes Team an. 

Gerade durchläuft die Sea Falcon eine Reihe von Testflügen im Luftsperrgebiet über dem Gelände der WTDWehrtechnische Dienststelle 71. Hier gibt es ideale Bedingungen, denn der Standort ist auch Bodensperrgebiet und verfügt über ein Sperrgebiet über See. Auf See konnte die Sea Falcon schon mit ihrer Technik überzeugen. Der „Deckfinder“ erlaubt das automatische Starten und Landen an Deck auch bei einer Windgeschwindigkeit von über 45 Kilometern in der Stunde und Wellengang bis Stärke 3. Sechs Antennen generieren dazu einen Punkt genau über dem Grid in der Mitte des Decks, sodass die Drohne mit dem Befehl „Land“ punktgenau auf dem sich bewegenden Schiff landet.

Die Sea Falcon ist ein schwedisches Flugsystem, das ursprünglich für den Einsatz über Land ausgelegt war und für die deutsche Marine umfangreich erweitert wurde. Das Technik- und Bedienpersonal wurde in Schweden geschult und auch die Bodenkontrollstation, mit der es in Norddeutschland arbeitet, kommt aus Schweden. 

Kleines Team, große Wirkung

Mit der Sea Falcon können zwei Bediener und zwei Techniker bis zu 13 Stunden Flugdienst abdecken. Das kleine Team bietet viele Vorteile gegenüber einer mindestens 20-köpfigen Hubschraubercrew, vor allem eingeschifft an Bord einer Korvette. „Dort sind wir Teil der Besatzung, voll integriert“, berichtet Jan. Der Operator und gelernte Helikopterpilot war Teil der First Crew Sea Falcon an Bord der Korvette „Braunschweig“ im UNIFILUnited Nations Interim Force in Lebanon-Einsatz. Tactical Operator, also Sensorbediener, und Remote Pilot hatten an Bord ihre Station in der OPZOperationszentrale. “Dort hatten wir das gesamte Lagebild und konnten unmittelbar mit der Besatzung der Korvette interagieren.“

Zwei Sea Falcon gibt es aktuell in der Marine, beide sind noch vorgeschaltete Erprobungsträger, um erste Erfahrungen zu sammeln. Intern heißen sie VorMUASVordringliches Marine Unmanned Aircraft System (Vordringliches Marine Unmanned Aircraft System). Die Sea Falcon der zweiten Generation heißt AImEGAufklärung und Identifizierung im maritimen Einsatzgebiet, kurz für Aufklärung und Identifizierung im maritimen Einsatzgebiet. 

Im Oktober 2022 beginnt die Ausbildung der AImEGAufklärung und Identifizierung im maritimen Einsatzgebiet-Crews in Schweden. Bis voraussichtlich September 2023 soll die See-Erprobung abgeschlossen sein, danach das System an die Marine übergeben werden. Die generelle Nutzungserlaubnis wird anschließend erwartet.

Sea Falcon schließt Fähigkeitslücke

Aus Platzgründen können auf Korvetten keine Hubschrauber eingeschifft werden. Das kompakte Luftsegment der Sea Falcon mit einer Länge von 5,2 Metern inklusive Rotor, einer Breite von 1,2 Metern und einer Höhe von 1,3 Metern hingegen lässt sich perfekt integrieren. Das System lässt sich in einem Radius von rund 100 Kilometern einsetzen. Die VorMUASVordringliches Marine Unmanned Aircraft System erreichen eine Geschwindigkeit von 55 Knoten, das AImEGAufklärung und Identifizierung im maritimen Einsatzgebiet-System wird 75 Knoten schnell sein.

Auf den Bildern, die von der Sea Falcon an Bord der Korvette übermittelt werden, kann man Objekte und Menschen an der Wasseroberfläche identifizieren und auch Küstenabschnitte aufklären. Damit ergänzt die Sea Falcon die Aufklärungskapazitäten der Korvette. „Erste taktische Erfahrungen auf Übungen wie BALTOPS (Baltic Operations, Anm. d. Red.) haben zur Wertschätzung des Systems beigetragen, das Zusammenwachsen mit der Stammbesatzung funktioniert super und wir schließen wirklich Fähigkeitslücken“, berichtet der Kapitänleutnant.

Das erste Los AImEGAufklärung und Identifizierung im maritimen Einsatzgebiet wird beschafft für die Korvetten vom Typ 130, also „Braunschweig“, „Erfurt“, „Magdeburg“, „Oldenburg“ und „Ludwigshafen am Rhein“. Aktuell läuft die AImEGAufklärung und Identifizierung im maritimen Einsatzgebiet-Einrüstung der Korvette „Magdeburg“, die im Januar 2024 in den UNIFILUnited Nations Interim Force in Lebanon-Einsatz gehen soll.

Langfristig ist denkbar, die Sea Falcon auch für die Fregatten 123 einzusetzen. Aus Platzgründen kann auf diesen Fregatten der Hubschrauber Sea Lynx nicht durch NHNATO-Helicopter-90 ersetzt werden. Dann könnte die Drohne zur Luftaufklärung an den Start gehen. Und auch bei der Klasse F126 gibt es Überlegungen, die Drohne zur Unterstützung mit an Bord zu holen.

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Mit der Helikopterdrohne Sea Falcon können die Korvetten der Deutschen Marine Schiffe, Boote oder andere Ziele in bis zu 100 Kilometer Entfernung beobachten. Die rund vier Meter lange Drohne kann mehrere Stunden in der Luft bleiben.

Hoch motiviertes Team

„Ich habe extra um vier Jahre verlängert, um bei diesem Projekt dabei zu sein“, verrät Hauptbootsmann Thomas*. Den Techniker reizt die Herausforderung: „Mal bei null anzufangen, das große Ganze mitzugestalten, das liebe ich einfach.“ Zuvor war er Avioniker bei Sea Lynx, nun obliegen Thomas die Wartung und Instandsetzung ebenso wie der Flugbetrieb. Seine Kameradin, Drohnenpilotin Miriam*, ergänzt: „Es ist ein echtes Zukunftsprojekt und es macht Spaß, das System zu fliegen, weil es eben etwas Neues ist.“

Das komplette Technik- und Bedienpersonal hat sich freiwillig für das Projekt gemeldet. Alle verfügen über Erfahrung mit Hubschraubern. Derzeit wird noch weiteres Personal mit Borddienstverwendungsfähigkeit gesucht. Technikerinnen und Techniker müssen mindestens Portepees sein, Bedienerinnen und Bediener Portepees oder Offiziere. Und sie müssen bereit sein, viel zu reisen.

Für das aktuelle Team kein Problem: „Wir wussten, worauf wir uns einlassen“, sagen sie einhellig und sind sich einig, dass der Einsatz sich lohnt. „Drohnen sind die Zukunft, wesentlich effektiver“, fasst Kapitänleutnant Jan das Projekt zusammen.

*Namen zum Schutz der Truppe abgekürzt.

von Barbara Gantenbein

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