Masar-i Scharif: Gewappnet für den schlimmsten Alptraum

Masar-i Scharif: Gewappnet für den schlimmsten Alptraum

Datum:
Ort:
Masar-i Scharif
Lesedauer:
3 MIN

Ein Rettungsszenario dieser Art ist der schlimmste Alptraum. Verwundete schreien um Hilfe, die Sicherheitslage ist gefährlich. Bei der Übungslage MASCALMass Casualty stellen die multinationalen Soldaten in Afghanistan ihre Fähigkeiten unter Beweis. Niederländische Spezialkräfte stellen die Sicherheit her, deutsche Sanitäter beginnen mit der medizinischen Versorgung der Verletzten.

Ein Flugzeug wird von mehreren Soldaten gestürmt

Niederländische Kommandotruppen stürmen das Flugzeug

Bundeswehr/Oliver Pieper

Seit drei Tagen steht die Maschine schon am Ende der Landebahn des Flughafens in Masar-i Scharif. Tagsüber brütet die goldene Boeing 727-100 mit der Kennung YA-GAA unter der Wintersonne Afghanistans, nachts wird es bitterkalt. Die Zustände in der Maschine lassen sich nur erahnen. Trotz aller Sorgfalt haben Geiselnehmer die Maschine in ihre Gewalt gebracht. Die Lage spitzt sich weiter zu. Als nach endlos langen Verhandlungen die ersten Geiseln das Flugzeug verlassen dürfen, werden sie hinterhältig niedergeschossen. Was nach Spielfilm klingt, bildet den Rahmen für die Übungslage MASCALMass Casualty, dem Massenanfall von Verwundeten.

Grünes Licht für die Sanitäter

Zwei Soldaten stehen nebeneinander und besprechen sich untereinander

Zusammenarbeit: Deutsche Sanitätskräfte und niederländische Spezialkräfte arbeiten Hand in Hand

Bundeswehr/Oliver Pieper

Auf dem Boden liegen zahlreiche Verletzte, höchste Zeit zu handeln. Die Spezialkräfte der Niederländer stürmen das Flugzeug, befreien die restlichen Geiseln und sichern auch den Raum rund um die angeschossenen Geiseln. Anschließend bringen sie die Opfer in Sicherheit und treffen erste Maßnahmen der Verwundetenversorgung. Sobald der Raum durch die Spezialkräfte gesichert ist, bekommen die Sanitätskräfte des Camp Marmal grünes Licht. Der Arzt, der als erster am Unfallort eintrifft, behandelt nicht. Er sichtet nur, um eine qualifizierte Notfallmeldung für weitere Rettungskräfte abzugeben. Die erste medizinische Versorgung der Verletzten beginnt, schnell wird entschieden wer zuerst transportiert werden muss. MASCAL ist das Codewort für diesen Ausnahmezustand, den Massenanfall von Verwundeten. Hand in Hand arbeiten die Sanitätskräfte mit den Spezialkräften. Multinational. Die Rettungskette funktioniert. „Schnell raus aus der Gefahrenzone“ lautet der erste Ansatz, hin zu einer eilig angelegten Sammelstelle für Verwundete in sicherer Entfernung. Hier werden die Verwundeten weiter versorgt. Der leitende Arzt bewertet den Grad der Verwundung, entscheidet über Priorität von Transport und Versorgung. Fachlich ist es eine Triage – aber nicht nach dem Schema ehemaliger Kriegsszenarien. „Wir entscheiden hier nicht, ob ein Verwundeter noch zu retten ist oder nicht“, sagt Oberstarzt Dr. Arne M., der als oberster Mediziner und medizinischer Berater des Kommandeurs die Aufsicht über die Übung hat. „Unser Ziel ist es, möglichst viele zu retten und die Schwerstverletzten so schnell wie möglich klinisch zu versorgen.“

Einheitliche Sprache bei der Rettung

Ein Soldat liegt verletzt am Boden und zwei weitere kommen zu Hilfe

Zeitfrage: Eine schnelle Bewertung des Zustandes ist entscheidend

Bundeswehr/Oliver Pieper

Ende 2018 hatte General Scott Miller, Kommandeur Resolute Support, nach zwei Anschlägen in Kabul befohlen, dass derartige Rettungsszenarien regelmäßig geübt werden müssen. Oberstarzt Dr. Arne M. findet das richtig. „Wenn wir gefordert sind, dann geht es um schnelles Handeln. Je mehr Routine wir dabei entwickeln, umso besser können wir uns auf die Versorgung der Patienten konzentrieren.“ Bei der ersten Übung war beispielsweise der Stress so hoch, dass zwischendurch deutsch statt englisch gesprochen wurde. Das Szenario haben diesmal die niederländischen Spezialkräfte ausgearbeitet. Für beide Seiten war die Zusammenarbeit überaus wertvoll: „Im Ernstfall müssen wir uns auf die Sicherung verlassen, egal wer diese durchführt.“ Vor der Klinik erfolgt dann eine weitere Sichtung. Wer kommt in den Operationssaal, wer kommt in den Schockraum. Der klinische Direktor eilt zwischen drinnen und draußen hin und her, dirigiert sein Personal, behält den Überblick über die Situation. Trotz der enormen Anspannung. Die Vorbereitung dauerte übrigens einige Zeit. 13 Opfer mussten mit Hilfe von Schminke und Kunstblut in einen entsprechenden Zustand versetzt werden. Die Einzelheiten wurden detailgetreu ausgearbeitet, auf dem Flugfeld gab es in den Pfützen sogar Blutlachen. Pünktlich zu Übungsbeginn setzte Regen ein. Kein geplanter Teil der Übung, aber ein wertvoller Nebeneffekt: Zwischendurch ging die Verbindung zur Leitstelle, der Personal Evacuation Coordination Cell (PECCPatient Evacuation Coordination Centre), verloren. Von hier aus werden alle Kräfte koordiniert. „Das hatten wir zwar nicht eingeplant“, sagt der Oberstarzt, dessen Platz in der PECCPatient Evacuation Coordination Centre ist, „aber wir haben dadurch sehr viel gelernt“.

Auswertung im Überblick

Vier Soldaten transportieren eine Verwundetentrage in ein Rettungsfahrzeug

Richtung Hospital: Die Reihenfolge beim Abtransport richtet sich nach der Schwere der Verletzung

Bundeswehr/Oliver Pieper

Die Ergebnisse und Erfahrungen werden in der Auswertung noch einmal diskutiert. Manche Szenen in Gesprächsrunden erneut durchgespielt. Am Ende lautet das Fazit des Oberstarztes: „Die Übung hat weitestgehend geklappt, sie hat uns aber auch Defizite aufgezeigt. An diesen werden wir arbeiten, um uns allen mehr Handlungssicherheit zu schaffen und für die Patienten im Schadensfall eine bestmögliche Versorgung sicherzustellen.“




  • Ein alleinstehendes Flugzeug auf der Rollbahn

    Auf dem Flugfeld steht die alte Boeing 727, die in der Übungslage von Terroristen besetzt wurde

    Bundeswehr/Oliver Pieper
  • Ein Soldat beobachtet das Geschehen

    Die niederländischen Spezialkräfte beobachten das entführte Flugzeug

    Bundeswehr/Oliver Pieper
  • Ein Soldat und ein Diensthund laufen die Flugzeugtreppe hinauf

    Niederländische Spezialkräfte stürmen das entführte Flugzeug mit Diensthund

    Bundeswehr/Oliver Pieper
  • Zwei Soldaten und ein Hund sichern den Flugplatz

    Soldaten sichern schnell das Gelände, um den Sanitätskräften im Anschluss grünes Licht zu geben

    Bundeswehr/Oliver Pieper
  • Ein Soldat läuft die Flugzeugtreppe rauf. Ein weiter Soldat bwacht zwei Männer die auf dem Boden knien

    Niederländische Spezialkräfte sichern das entführte Flugzeug und setzen die Geiselnehmer fest

    Bundeswehr/Oliver Pieper
  • Ein Soldat bringt weitere verwundete Soldaten aus der Gefahrenzone

    Die geretteten Geiseln werden zur weiteren Versorgung zu einer sicheren Sammelstelle gebracht

    Bundeswehr/Oliver Pieper
  • Drei Soldaten stehen zusammen und besprechen sich

    Niederländische Sanitäter in Absprache mit deutschen Sanitätern

    Bundeswehr/Oliver Pieper
  • Ein verwundeter Soldat wird von einem anderen gestützt. Ein weiterer Soldat mit Hund folgt dicht hinter ihnen

    Die Rettungskette funktioniert. Der erste Ansatz lautet: "Schnell raus aus der Gefahrenzone"

    Bundeswehr/Oliver Pieper
  • Ein verwundeter Soldat liegt am Boden. Ein Zweiter betreut ihn

    Sofort nachdem die Spezialkräfte alles gesichert haben, beginnt die Erstversorgung

    Bundeswehr/Oliver Pieper
  • Ein verwundeter Soldat sitzt am Boden, gelehnt an ein Fahrzeug und wird von einem weiteren Soldaten versorgt

    Alle Verwundeten werden zuvor gesichtet und nach Verletzungsgrad eingestuft für weitere Behandlungen

    Bundeswehr/Oliver Pieper
  • Mehrere Soldaten versorgen verwundete Soldaten

    Nur durch regelmäßiges Üben, kann schnelles Handeln umgesetzt werden

    Bundeswehr/Oliver Pieper
  • Ein Soldat liegt verwundet am Boden. Ein anderer Soldat ist bei ihm und kümmert sich um ihn

    Je mehr Routine entwickelt wird, umso besser ist die Versorgung der Patienten

    Bundeswehr/Oliver Pieper
  • Ein verwundeter Soldat liegt am Boden und ein weiterer ist bei ihm und kümmert sich um seine Gesundheit

    Nach der Sicherung durch die Spezialkräfte, können die Sanitätskräfte des Camp Marmal erste Maßnahmen der Verwundetenversorgung durchführen

    Bundeswehr/Oliver Pieper
  • Mehrere Soldaten kümmern sich um die verletzten Geiseln am Boden

    Das medizinische Team sichtet und versorgt die Verletzten für den weiteren Transport

    Bundeswehr/Oliver Pieper
von Nicolas  Barth

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