Gefechtsübungszentrum Heer

Einsatzvorbereitung mit dem Ausbildungsverband: „Die Übungstruppe ist unser Feind“

Einsatzvorbereitung mit dem Ausbildungsverband: „Die Übungstruppe ist unser Feind“

  • Einsatzausbildung
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Gardelegen
Lesedauer:
5 MIN

Das Gefechtsübungszentrum Heer ist eines der modernsten Ausbildungszentren für Streitkräfte in Europa. Wer für die Bundeswehr in den Auslandseinsatz geht, für die NATO Response Force oder Enhanced Forward Presence in Litauen geplant ist, wird hier ausgebildet – und trifft dabei auf einen besonderen Gegner: den Ausbildungsverband des Zentrums.

Panzer fahren durch ein Gelände. Ein Soldat steht in der offenen Luke an einer Waffe.

Kampfstark und vielseitig: Ob Häuserkampf oder Gefecht verbundener Waffen – der Ausbildungsverband des Gefechtsübungszentrum Heer stellt die Bilder, die die Übungstruppe zur Einsatzvorbereitung braucht

Bundeswehr/Tom Twardy

In einem staubigen Feld steht ein Panzerbataillon den gegnerischen Truppen gegenüber. Der Auftrag: für mindestens 16 Stunden die Verteidigungslinie halten, um die Evakuierung der nahe gelegenen Stadt zu sichern. Gleichzeitig durchsucht eine Gruppe Soldatinnen und Soldaten ein Elendsquartier am Stadtrand.

Die Lage ist unübersichtlich. Menschen strömen aus engen Behausungen: schutzsuchende Familien oder verkleidete Kämpfer? In der Vorstadt wiederum durchkämmen Infanteristen einen Straßenzug – Haus für Haus, Stockwerk für Stockwerk, immer auf der Hut vor einem Hinterhalt.

Konfliktregion: Gardelegen, nicht Gao

Der Ort des Geschehens liegt nicht in Afrika oder Nahost, sondern auf dem Truppenübungsplatz Altmark in Sachsen-Anhalt. Die Gegner der übenden Soldaten und Soldatinnen sind Angehörige des Ausbildungsverbandes am Gefechtsübungszentrum Heer (GefÜbZH). „Die Übungstruppe ist unser Feind“, erklärt Hauptfeldwebel Alexander Remter, der seit rund sieben Jahren als Panzergrenadierfeldwebel im Ausbildungsverband dient.

Doch Remter und seine Kameradinnen und Kameraden sind mehr als nur die Kräfte „Rot“. Je nach Lage sind sie auch Warlords oder Bürgermeister, verwundete Zivilisten oder verkleidete Attentäter. Gegenüber der Übungstruppe stellen sie alle Akteure dar, mit denen die Einsatzkräfte im Ernstfall konfrontiert sein können.

Eine Herausforderung, so Oberfeldwebel Florian Goldbaum, auch Panzergrenadier: „Wenn man das erste Mal mit Turban und Kaftan im Hinterhalt lauert und gegen alle Regeln verstoßen soll, die man gelernt hat – das ist ganz schön schwierig. Aber der Feind kämpft nicht fair und deswegen tun wir es auch nicht.“

Mehrere bewaffnete Soldaten in einem Gebäude

Schuss aus dem Hinterhalt. Die Soldatinnen und Soldaten des Ausbildungsverbandes kämpfen nicht immer fair – ein Teil ihres Auftrages, um die Übungstruppe auf Gefahrenpotenziale bestmöglich vorzubereiten

Bundeswehr/Tom Twardy
Zwei Soldaten rennen mit zwei Zivilisten vor einem Holzgebäude entlang. Ein anderer Soldat sichert shockend an der Gebäudeecke.

Irreguläre Kräfte: Nicht nur reguläre Truppen, sondern auch Attentäter und Partisanen – hier bei einer multinationalen Übung mit der georgischen Armee – stellen die Frauen und Männer des Ausbildungsverbandes dar

Bundeswehr/Philip Geerdts

Kampfstark: Keiner übt mehr

Der Ausbildungsverband ist einzigartig in der Bundeswehr. Vier verstärkte Kampfkompanien bereiten Gefechtsverbände und Unterstützungskräfte auf ihren Einsatz im Ausland vor, auftrags- und einsatzlandbezogen. Rund 560 Soldatinnen und Soldaten in zwei Panzergrenadierkompanien, einer Jägerkompanie und einer Panzerkompanie mit zusätzlicher Pioniertruppe sind dauerhaft in Gardelegen stationiert. Sie üben bis zu 240 Tage im Jahr in 21 Übungsdurchgängen.

Ein Soldat im Porträt
Alexander Remter, Hauptfeldwebel Bundeswehr/Tom Twardy
Wir sind immer in Übung. Und wir sind keine Schauspieler. Wir können kämpfen.

„Mancher Kamerad, der vor einer Übung sagt, dass wir ihm nichts beibringen können, ändert bis zum Ende seinen Standpunkt. Und zwar gründlich“, sagt Remter. Diese Erfahrung hat auch Panzerfeldwebel Stefan Kobe gemacht, der sich hier vom Grundwehrdienstleistenden zum Oberfeldwebel hochgearbeitet hat: „Hier kämpft die Übungstruppe nicht auf dem heimischen Übungsplatz gegen die Kameraden aus dem Nachbarbataillon. Hier gibt es das komplette Paket rund um die Uhr in fremder Umgebung. Das sorgt für Aha-Erlebnisse.“

Ein Kampfpanzer vom Typ Leopard in voller Fahrt im Gelände hebt ab und wirbelt Staub auf.

Hervorragende Materiallage: Dem Ausbildungsverband stehen 18 Kampfpanzer Leopard – hier ein Leopard 2 A5 – zur Verfügung

Bundeswehr/Andrea Bienert
Ein Soldat klettert von einem Schützenpanzer über eine Leiter in ein Gebäude.

Keiner übt mehr: Bei bis zu 240 Übungstagen im Jahr ist der Ausbildungsverband ständig im Training und kann so in allen Szenarien einen ebenbürtigen Gegner für die Übungstruppe stellen

Bundeswehr/Tom Twardy

Einsatzbereit: Fahren, Funken, Schießen

Die Materiallage ist hervorragend: 18 Kampfpanzer Leopard, 29 Schützenpanzer Marder, 30 Transportpanzer Fuchs und vier Waffenträger Wiesel stehen zur Verfügung. Die Einsatzbereitschaft liegt bei über 90 Prozent. „Ob als Kraftfahrer, Ladeschütze oder Kommandant – hier habe ich Panzer kennen- und lieben gelernt. Und nirgendwo sonst kann man so viele Stunden auf Großgerät verbringen“, freut sich Kobe.

Gläsernes Gefechtsfeld: Alles, überall, in Echtzeit

Nicht nur die Zahl der Übungstage und die Materiallage machen den Ausbildungsverband besonders. Auch das Gefechtsübungszentrum selbst ist in seiner Komplexität und Ausstattung europaweit einzigartig. Auf dem Übungsgelände von rund 24.000 Hektar lässt sich jedes erdenkliche Szenario im Gefecht verbundener Waffen darstellen. Für die gezielte Vorbereitung auf urbane Operationen steht zudem die Übungsstadt Schnöggersburg mit rund 520 Gebäuden in verschiedenen Stadtteilen, Industriegebiet, Bahnhof und Flughafen, begehbarer Kanalisation und U-Bahn zur Verfügung.

Blick über die Übungsstadt Schnöggersburg mit leerstehenden Gebäuden

Die Übungsstadt Schnöggersburg bietet mit 520 Gebäuden, kritischer Infrastruktur wie Bahnhof, Flughafen und Chemiewerk sowie begehbarer Kanalisation optimale Bedingungen, um komplexe urbane Operationen zu üben

Bundeswehr/Alexander Helle

Die Besonderheit: In der Leitungszentrale wird das komplette Übungsgeschehen in Echtzeit eingespielt. Position und Status jedes einzelnen Soldaten und jeder Soldatin und Gefechtsfahrzeuges werden laufend digital abgebildet und sind für Ausbilderinnen und Ausbilder und Brigadeführung auf dem Bildschirm nachverfolgbar.

Möglich macht dieses gläserne Gefechtsfeld eine hochmoderne Systemtechnik, die die Wirkung der eingesetzten Waffen und Waffensysteme auf die am Gefecht beteiligten Menschen, Fahrzeuge und neuerdings auch auf Gebäude verknüpft und für die Einsatzkräfte sichtbar und hörbar darstellt.

AGDUS: Volumenlaser statt scharfer Schuss

Kern der Systemtechnik ist AGDUS (Ausbildungsgerät Duellsimulator), das mit einem Volumenlaser den scharfen Schuss simuliert. So werden nicht nur die Treffer an sich vermerkt, sondern auch deren Lage und Intensität – zentimetergenau. Sensormodule teilen die Trefferwirkung mit, optisch und akustisch.

Zwei bewaffnete Soldaten mit Treppenhaus eines Gebäudes

Laser für alle: Alle Soldatinnen und Soldaten werden mit AGDUS II ausgestattet. Sensoren an Körper und Waffe registrieren jeden Schuss und jeden Treffer inklusive Intensität und Lage

Bundeswehr/Tom Twardy
Nahaufnahme einer AGDUS-Mine

Kampfmittel der besonderen Art: AGDUS-Minen sind vollständig ins System integriert. Sie kommunizieren nicht nur über Sensoren mit Fahrzeugen und Mannausstattung. Durch Nebel und Lärm teilen sie Treffer auch visuell und akustisch mit.

Bundeswehr/Carl Schulze

Rund 1.500 Soldatinnen und Soldaten und bis zu 600 Fahrzeuge können am Gefechtsübungszentrum mit AGDUS eingerüstet werden, zusätzlich zum vollausgestatteten Ausbildungsverband. Die Bedienung der Waffensysteme bleibt mit AGDUS identisch, auch die Ladezeiten entsprechen denen beim scharfen Schuss. So wird ein Fehllernen vermieden.

„AGDUS registriert sogar die Weitergabe von Handgranaten oder Panzerfäusten. So kann im Gefechtsstand jederzeit verfolgt werden, wer wann auf wen schießt“, sagt Hauptfeldwebel Stefan Müller, der in der Gruppe Grundlagen neue Entwicklungen in die Ausbildung überträgt.

MASIE: Digital durch Häuserwände wirken

Neu ist die Fähigkeit, über MASIE (Mobiles Auswertesystem Infanteristischer Einsatz) durch Häuserwände hindurch zu wirken. Gebäudesensormodule registrieren jeden direkten oder indirekten Treffer einschließlich der Intensität. Je nach Übungsszenario können derzeit zwei Hochhäuser oder 12 bis 18 kleinere Häuser ausgerüstet werden.

Eine Grafik zeigt die Funktion des mobilen Auswertesystem „MASIE“

Virtuell durch Häuserwände wirken: So funktioniert MASIE

Bundeswehr

Technisch sind dabei verschiedene Bauarten darstellbar – von der Lehmhütte bis zum Stahlbetonbau. Deren fiktive Gebäudestabilität ist im System auf einer Punkteskala mit Werten zwischen 20 und 100 hinterlegt. Müller erläutert: „Wenn ein Gebäude durch Beschuss mindestens 80 Prozent seiner – fiktiven – Stabilität eingebüßt hat, wird das den Einsatzkräften im Innern durch Nebel, Lärm- und Stroboskop-Effekte deutlich gemacht.“

Zusätzlich kommuniziert das MASIE mit AGDUS: Je nach Wirkung der gegnerischen Waffe wird diese den Soldatinnen und Soldaten im Gebäude beispielsweise als Verwundung angezeigt. Die Übermittlung des Geschehens in die Leitungszentrale erfolgt dabei nicht nur über 3D-fähige Hard- und Software. Bis zu 37 Livestreams im Innern und im Umfeld des Gebäudes eröffnen zusätzliche Auswertungs- und Ausbildungsmöglichkeiten.

Nah an der Einsatzrealität

Der professionelle Ausbildungsverband und die hochmoderne Systemtechnik ermöglichen eine realitätsnahe Ausbildung, die das Gefechtsübungszentrum zum festen Bestandteil der Einsatzvorbereitung in der Bundeswehr macht.

Ein Soldat im Porträt
Stefan Kobe, Oberfeldwebel Bundeswehr/Tom Twardy
Die Bilder, die wir hier stellen: Sie helfen den Kameraden im Einsatz. Das ist die beste Rückmeldung für unseren Dienst, die wir bekommen.

Oberst Michael Knoke, der Leiter des Gefechtsübungszentrum Heer, ist überzeugt: „Auch ohne den Ausbildungsverband würde die Truppe Wege finden, um sich auf den Einsatz vorzubereiten. Doch das wäre weniger effizient und effektiv, als wenn wir das leisten. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“

von Simona Boyer

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