Kompanie in Dienst gestellt

Die Fernspäher der Bundeswehr – zurück in die Zukunft

Die Fernspäher der Bundeswehr – zurück in die Zukunft

Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

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2022 beging die Fernspähtruppe der Bundeswehr ihr 60-jähriges Bestehen. In demselben Jahr wurden die bestehenden Fernspähzüge in der Fernspähkompanie 1 vereint und so wieder eine komplette Fernspäheinheit aufgestellt. Im Hinblick auf ihre Einsatzgrundsätze kehrt die Truppe damit zu ihren Wurzeln zurück. Ein Ausblick, der zugleich Rückblick ist.
 

Ein Fernspäher steht in einem Gewässer mit einem G36 im Anschlag.

Gucken, petzen, abhauen: Fernspäher operieren bis zu 150 Kilometer tief in feindlichem Gebiet, um Informationen über den Gegner zu sammeln. Gearbeitet wird im Verborgenen.

Bundeswehr/Christian Vierfuß

Sie sind wieder da, die Fernspäher. Wirklich weg war „Oculus exercitus“, das „Auge des Heeres“, ja nie. Aber mit der Aufstellung der Fernspähkompanie 1 in Schwarzenborn verfügt die Bundeswehr nun erstmals seit 2015 wieder über eine komplett integrierte Fernspäheinheit. Hintergrund dieser Entscheidung war die geopolitische Lage in Europa nach der Krim-Annexion durch Russland 2014. Seither hat die NATONorth Atlantic Treaty Organization den Fokus deutlich stärker auf die Landes- und Bündnisverteidigung gelegt. Das blieb nicht ohne Auswirkungen auf die operative Ausrichtung der Heeresaufklärung – und somit auch auf die Fernspäher.

Wurzeln der Fernspähtruppe reichen 60 Jahre zurück

Die Geschichte der Fernspähtruppe der Bundeswehr reicht bis ins Jahr 1962 zurück. Unter Führung von Major Konrad Rittmeyer, einem in die Bundeswehr übernommenen ehemaligen Offizier der Wehrmacht, begann an der Luftlande- und Lufttransportschule in Altenstadt die Ausbildung der ersten Fernspähkader – vorzugsweise handelte es sich um erfahrene Infanteristen. Diese sogenannte „Lehrgruppe R“ bildete später den Nukleus der Fernspählehrkompanie 200.

Der Auftrag der Fernspäher entsprach den operativen und strategischen Gegebenheiten des Kalten Krieges während der Sechzigerjahre. Seinerzeit bereitete sich die NATONorth Atlantic Treaty Organization in ihren Planspielen auf einen massiven Vorstoß sowjetischer Panzerkräfte und deren Verbündeten vor. Dieser Angriff würde überwiegend vom Gebiet der damaligen DDR ausgehen, so die Erwartung. In der Konsequenz wäre in der ersten Phase einer Invasion insbesondere Norddeutschland zum Schlachtfeld geworden.

Bessere Ergebnisse als Flugzeuge und Satelliten

Aus Sicht der Strategen von einst waren spezialisierte Aufklärungskräfte im Hinterland des Feindes unerlässlich, um detaillierte Informationen vor allem über dessen zweite und dritte Welle zu erlangen. Die Aufklärung mit Spionagesatelliten steckte damals in den Kinderschuhen. Die westlichen Aufklärungsflugzeuge der Zeit waren zwar in der Lage, Bilder zu liefern. Allerdings nicht in der gewünschten Detailtiefe und nur unter hohen Risiken, wie der Abschuss zweier USUnited States-Spionageflugzeuge vom Typ U-2 über der Sowjetunion und Kuba zeigte. Also blieb nur Aufklärung durch „boots on the ground“.

Spezialisten für Aufklärung im Rücken des Feindes

Die neu geschaffene Fernspähtruppe sollte bis zu 150 Kilometer ins feindliche Hinterland einsickern und dort Informationen über Hochwertziele des Gegners und dessen Truppenbewegungen beschaffen. Aufklärungsergebnisse wurden dann in zuvor festgelegten Zeitintervallen per Tastfunk übermittelt. 

Als Spezialisten für die Infiltration des gegnerischen Hinterlandes wurden die Fernspäher geschult, dort über längere Zeit in kleinen Trupps zu üblicherweise vier Mann autark zu operieren. Sie sollten den Feind aus dem Verborgenen beobachten und die Ergebnisse melden, den Kampf aber nach Möglichkeit vermeiden. Denn sind Fernspäher einmal entdeckt, können sie ihren Auftrag nicht mehr durchführen. 

„Gucken, petzen, abhauen“, lautete die Formel in der griffigen Sprache der Truppe. Dass dafür ein spezieller Typ Soldat erforderlich war, lag auf der Hand. Zäh, abgehärtet und wortkarg sollten diese Männer sein, so frühe Bundeswehrpublikationen. Und möglichst auch alleinstehend, denn die Dienstzeiten vertrugen sich nur bedingt mit einem geregelten Familienleben.

Ein Fernspäher in einem Graben, der eine Kamera in der Hand hält, die aus dem Erdloch schaut

Fernspäher sind spezialisierte Kräfte der Bundeswehr. Sie infiltrieren das tiefe gegnerische Hinterland und sammeln Hochwertinformationen. Bei ihren mitunter wochenlangen Einsätzen arbeiten sie zumeist in Trupps von vier bis sechs Mann zusammen.

Bundeswehr/Christian Vierfuß
Ein Fernspäher unter einem Trannetz, der ein Tablet in der Hand hält. Vor ihm liegen zwei Kameras.

Ein Fernspäher im Beobachtungsversteck. Ihre Aufträge führen die Fernspäher in alle Klimazonen. Sie müssen in der Kälte Norwegens ebenso einsatzfähig sein wie unter der Sonne Malis. Die Nutzung modernster Kommunikationstechnik gehört auch dazu.

Bundeswehr/Jana Neumann

„Bei uns sind vielseitige Teamplayer gefragt“

Oberstabsfeldwebel Joachim G.* kam in den späten Achtzigerjahren zur Fernspäherei und ist bis heute dabei. Er bringt es auf den Punkt. „Sehen, ohne gesehen zu werden. Das sagt sich leicht, ist aber mit vielen Entbehrungen verbunden.“ Dafür brauche man stabile, unprätentiöse Typen. Lorbeeren seien trotz hoher Anforderungen und Risken nicht zu erwarten, Alphatiere eher fehl am Platz. „Bei uns sind vielseitige Teamplayer gefragt.“

Tiefer Einschnitt für die Fernspäher

Während des Kalten Krieges gab es an verschiedenen Standorten in Deutschland zeitweilig insgesamt drei Fernspähkompanien, die in der gesamten NATONorth Atlantic Treaty Organization einen exzellenten Ruf genossen: die Fernspähkompanie 100 zuletzt in Celle, die Fernspähkompanie 200 in Pfullendorf und die Fernspähkompanie 300 in Fritzlar. Jede war einem der Korps des deutschen Heeres zugeordnet. 

Diese Einheiten wurden beginnend ab den Neunzigerjahren bis 2015 allesamt aufgelöst. Die verbliebenen vier Fernspähzüge kamen als Teil der Heeresaufklärungstruppe zu den Luftlandeaufklärungskompanien 260 in Lebach und 310 in Seedorf.

Fernspäher brauchen Zeit

Oberstleutnant a. D.außer Dienst Rolf Starosta wurde Ende der Siebzigerjahren Fernspähsoldat. Nach Verwendungen als Zugführer und Kompaniechef diente er in der Fernspähtruppe zuletzt bis 1992 als Hörsaalleiter der II. Inspektion an der Internationalen Fernspähschule in Weingarten. Die Auflösung seiner Truppengattung 2008 hat Starosta geschmerzt. Umso mehr kann er der Neuaufstellung der Fernspähkompanie 1 im 60. Jahr der Fernspähtruppe abgewinnen.

Die Arbeitsweise der Fernspäher braucht Zeit. Infiltration, Marsch zum Objekt in der Regel zu Fuß, dann die Beobachtung und schließlich die Exfiltration. So gewonnene Informationen können sich nur auf operativer oder besser auf der strategischen Ebene auswirken. So wie früher bei den Korps.“

Auch neue Technik macht Fernspäher nicht überflüssig

Die Einbindung von Fernspähtrupps in die Gefechtsführung auf der taktischen Ebene sei angesichts der Dynamik heutiger Gefechte nicht zielführend. „Jetzt werden die Fernspäher wieder auf der Ebene gebündelt, wo sie hingehören.“ Auch die neue Generation an Aufklärungsmitteln wie Drohnen und hochmodernen Satelliten mache die Fernspäherei nicht überflüssig, sagt Starosta. „Technik kann man stören und manipulieren oder das Wetter passt nicht. Das ist schon immer so gewesen. Und es wird immer eine Situation geben, wo man Augen am Feind braucht.“ 

Häufig genug wie gewohnt tagelang im Beobachtungsversteck, aber heute natürlich mit hochauflösenden Kameras und modernsten Kommunikationsmitteln. Die Fernspähkompanie 1 steht dafür jetzt bereit. Am 14. Juni 2023 wurde sie nun auch offiziell in Dienst gestellt.

*Name zum Schutz des Soldaten abgekürzt.

von Markus Tiedke

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